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Du bist Berlin: Johanna von Rauch – Die Klardenkerin

rauch_johannaSie ist die vielleicht charmanteste Fatalistin der Stadt: Johanna von Rauch, Chefin des Verlages Rogner & Bernhardt und Nichte des Anarchisten Georg von Rauch, der im Dezember 1971 in Schöneberg durch eine Polizeikugel verstarb. Sie sagt illusionslose Sätze wie: „Hinter kleinen Buchverlagen steckt entweder grenzenloser Idealismus, oder irgend jemand schießt dauerhaft Geld dazu.“ Die sich stets mit dem Schönen, Wahren, Guten schmückende Branche sei im Grunde „die totale Mafia“. Johanna von Rauch kann diese Erkenntnis mit einem herzhaften Lachen verbinden. Sie macht trotzdem weiter, lässt ihre neuen Bücher „aus der ewigen Angst, dass was schief laufen könnte“, zunächst stets nur 3000 mal drucken. Also in einer Auflagenhöhe, für die renommierte Konzernverlage wie Kiepenheuer & Witsch, Piper oder Rowohlt noch nicht mal die Rotation anschmeißen. „Wenn wir dann einen Erfolg haben, was natürlich auch vorkommt, gibt es dann eben zehn, fünfzehn Auflagen.“

Sex, Frank Zappa, der amerikanische Popmusik-Philosoph Greil Marcus, aber auch das neue Buch des Anfang April verstorbenen Berliner Journalisten Marc Fischer über den Legenden umrankten Bossa-Nova-Musiker Joao Gilberto gehören zum eigenwilligen Programm ihres Hauses. „Das klassische Vertriebssystem mit den sogenannten Vertretern ist mittlerweile grotesk geworden“, sagt die Geschäftsfrau. „Diese Leute, die mit ihren Autos durch die Gegend fahren und drei Bücher beim Handel absetzen – da hakt es doch hinten und vorne. Oft genug verkaufen sich zwei davon nicht und landen als Mängelexemplare auf dem Grabbeltisch.“ Sie kennt die Verheißungen des digitalen Vertriebes, die Saga von E-Books und die Mär vom unabhängigen Entdeckertum. Und glaubt nicht daran. „Ich bin schließlich nicht die Einzige, die die nächste Helene Hegemann kennt. Wer von den Autoren sich einigermaßen auskennt, lässt sich irgendwann von einer bestimmten Berliner Literaturagentur vertreten. Dort werden die Verträge mit den höchsten Summen verhandelt. Und sechsstellige Vorschüsse kommen sicher nicht von uns!“, versichert Johanna von Rauch. „Natürlich gibt es immer Nischen und sensationelle Zufälle. Doch mittelfristig planen kann damit niemand.“

Johanna von Rauch liebt ihren Job trotzdem. Dazu gehört eben ein kämpferischer Realismus. Angesichts der aktuellen Tendenzen bei ambitionierten Wettbewerbern wie Tropen Verlag oder Blumenbar, die ihre Zukunft nur durch Investitionen von außen sichern konnten, ist das sinnvoll. Mit dem Journalisten, „Freitag“-Verleger und Talkshow-Welterklärer Jakob Augstein hat die dreifache Mutter den Verlag im Jahre 2004 übernommen, das 1968 von Klaus P. Rogner, Marianne Bernhard und Axel Matthes in München gegründete Haus, das mehr oder weniger exklusiv über die Buchhandelskette Zweitausendeins vertrieben wird. „Ich weiß halt, dass ich Bücher für ältere Herren mache“, sagt sie. „Das erklärt sich aus der Historie des Hauses. Darum laufen bei uns bestimmte Musikthemen gut. Suzi Godsons ‚Buch vom Sex‘ ist unser Dauerbrenner. Im weitesten Sinne also der Horizont, den man mit 1968er-Kultur verbindet, Counter Culture im klassischen Sinne.“

Für ihre Alt-68er-Zielgruppe ist Johanna von Rauch mit Mitte Vierzig eine durchaus jungbewegte Verlegerin. Gemeinsam mit einer neuen 26-jährigen Mitarbeiterin, die vom Blumenbar Verlag gewechselt ist, macht sie sich dennoch an die moderate Verjüngung des Autorenstammes. „Wobei“ – hier meldet sich wieder die strenge Beobachterin der eigenen Strukturen – „es nichts Schwieriges gibt, als neue deutsche Autoren aufzubauen. Kaum sind sie wahrnehmbar, wechseln sie zu den Großen“. Ein undankbarer Job, den sie nur punktuell übernehmen möchte. Nachdem sich Jakob Augstein recht bald nach der Übernahme aus dem operativen Geschäft zurückgezogen hatte („Er ist halt nach wie vor Anteilseigner“), hat Johanna von Rauch die Sitzungen über das kommende Programm gelegentlich „im Zwiegespräch mit mir selbst bestritten. Das funktioniert ganz gut, ist aber zuweilen nicht sonderlich inspirierend“, sagt sie und muss wieder einmal lachen.

Überleben durch Galgenhumor – das könnte eine verlegerische Maxime von ihr sein. „Ich will gar nicht so klingen“, sagt Johanna von Rauch zum Abschluss. „Man sollte nur nicht versuchen, mit den Großen mithalten zu wollen. Ich will das gar nicht – und finde es schlichtweg unnötig. Promi-Bücher, mit heißer Nadel gestrickte Sensations-Enthüllungen oder ‚Moppel-Ich‘ interessieren mich einfach nicht.“

Text: Ralf Niemczyk

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