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Du bist Berlin: Jürgen Mayer H. – Der Kurvenstar

J_Mayer_c_schnitgerDa wird man neidisch auf Sevilla. Auf der Plaza de la Encarnaciуn, einem riesigen, zwischenzeitlich zum Parkplatz verkommenen Innenstadtareal, steht seit April ein sensationeller Bau, besser Baukomplex, denn es geht um vier Ebenen auf mehreren tausend Quadratmetern. Im Untergeschoss ein Museum, das sich zum Boden und den römischen Ruinenresten hin öffnet. Ebenerdig ein großes Marktgebäude. Ein paar Meter darüber die riesige Plaza. Und von dort aus ragen fünf pilzartige, an den Dächern miteinander verbundene Strukturen bis zu 30 Meter in die Höhe. Sie spenden mit ihren wabenförmigen Wellenschirmen Schatten. Sie beherbergen ein Restaurant. Sie ermöglichen mit dem aufs Dach gelegten Steg einen Rundgang und spektakuläre Ausblicke.

Erdacht wurde der „Metropol Parasol“ vom Berliner Architekten Jürgen Mayer H. In Berlin hat bisher trotzdem kaum jemand von ihm Notiz genommen. Ein einziges Haus gibt es hier von ihm, es ist noch im Bau, neben der Kalkscheune. Vom Architekten war da bislang nicht die Rede, nur vom Streit zwischen Veranstaltungsort und Bauherren. Gehobenes Wohnen und Clubkultur vertragen sich schlecht. Der Ärger ist jetzt beigelegt. „Das ist ein Interessenskonflikt. Ich kann beide Seiten verstehen. Allerdings will man, dass die Innenstadt belebt ist, und da ist Wohnungsbau ein richtiges Zeichen“, sagt Jürgen Mayer H. dazu. Er ist keiner, der sich aufregt. Auch darüber nicht, dass hier für ihn beruflich nichts lief, als er vor 17 Jahren nach Berlin zog, „Die damalige Baupolitik hat ganz klar andere Architekturen favorisiert.“ Nach ein paar erfolglosen Wettbewerbsteilnahmen war ihm klar, so kommt er nicht weiter.

Also hat er sich international orientiert. „Was erst ein Problem war, hat sich irgendwann zum Vorteil entwickelt.“ Er hat im belgischen Hasselt ein Justizgebäude hingestellt, in Warschau ein Bürohaus, in Dänemark einen wissenschaftlichen Erlebnispark – viele Kurven statt rechter Winkel, starke Farben, innovative Technik wie polyurethanbeschichtetes Holz. Mit den Sevilla-Pilzen ist er auf dem Weg zum Weltstar. Aufträge in Berlin hat er dadurch nicht bekommen. Mayer H. ist diplomatisch. „Unsere Bauherren haben Neugier für die gebaute Zukunft und verstehen Architektur als Abenteuer.“

In anderen Ländern findet er sie, zum Beispiel in Georgien. „Der Präsident hat unser Sevilla-Projekt in einer Publikation gesehen und uns eingeladen, für zwei Bauvorhaben Entwürfe zu machen.“ Diese wurden zwar nicht realisiert, doch inzwischen hat er in Georgien einen Flughafen, eine Grenzstation und drei Autobahnraststätten fertiggestellt und ist an rund 15 Projekten dran, Infrastruktur-Bauten, die einem Land ein Gesicht geben. Davon träumt jeder Architekt.

Jürgen Mayer H., 1965 in Stuttgart geboren, hat Architektur studiert, weil er ein Bild von Erich Mendelsohns Kaufhaus Schocken gesehen hat. „Das Foto des leuchtenden Glastreppenhauses bei Nacht hat mich umgehauen.“ 16 Jahre war er da, kunstinteressiert, vor allem an großen Skulpturen. Richard Serra, Donald Judd. Er hat sich dann doch fürs Architekturstudium entschieden, weil es gereralistischer ist als das der Kunst. Man ist versucht zu behaupten, der skulpturale Ansatz präge seine Entwürfe bis heute. Doch das greift zu kurz. Er sagt: „Wir beschäftigen uns mit Raum, Körper, Kommunikation.“

In der Berlinischen Galerie wird er einen gigantischen Teppich bedruckt mit Datensicherungsmustern installieren. Er sammelt solche Muster, die sich beispielsweise auf Innenseiten von Briefumschlägen finden, um Pin-Nummern zu schützen. Für Jürgen Mayer H. sind sie „eine Art Ausgangspunkt für die gestaltete Welt, eine Metapher, die die Linie zwischen Innen und Außen, zwischen privat und öffentlich thematisiert“. Da setzt er an. Für die Ausstellung hat er ein datenschützendes Zahlenwirrwarr zu dreidimensionalen Objekten, zu Räumen aufgezogen.

Mit Datensicherung hat auch sein ungewöhnlicher Name irgendwie zu tun. Weil er nicht länger mit dem Maler Jürgen Meyer, documenta-Teilnehmer 1992, verwechselt werden wollte, setzte er einfach das Initial seines zweiten Vornamens ans Namensende.

Und auch sein einziger Berliner Erfolg bei einer öffentlichen Ausschreibung hängt mit Mustern zusammen, und zwar solchen, die so wirr sind, das man darauf Schrift nicht lesen kann. Die alten Anti-Graffiti-Folien in der S-Bahn, bevor die Fernsehtürmchen kamen, sind von Jürgen Mayer H.

Text: Stefanie Dörre

Foto: Harry Schnitger

Rapport. Experimentelle Raumstrukturen von J. Mayer H. Berlinische Galerie, 16.9.2011–9.4.2012 www.jmayerh.de

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