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Du bist Berlin: Le van Bo – Der Heldenmacher

le_van_boMan soll an sich, aber auch an andere glauben. Le van Bo liebt es, Menschen dazu zu inspirieren, über sich hinauszuwachsen  
Für die meisten Jungen ist es eine albtraumhafte Vorstellung, in einer Weddinger Schulklasse zu den Schmächtigen zu gehören. Le van Bo, in Thailand geborener und im Wedding aufgewachsener Spross einer laotischen Flüchtlingsfamilie, erging es nicht anders: Mit seiner zarten Statur gab er für die großen Jungen ein ideales Opfer ab. Gut nur, dass da noch Peter Parker war, ein dick bebrillter Knabe, dem es in seiner amerikanischen Schule nicht besser erging. Zwar war Peter nur eine Comicfigur, das unvollkommene Alter Ego des Superhelden Spiderman. Doch für den kleinen Laoten wurde die Figur zum Hoffnungsträger: „Durch den Biss einer radioaktiv verseuchten Spinne hatte Peter Parker außergewöhnliche Fähigkeiten erlangt, aber auch begriffen, dass er Verantwortung für Schwächere tragen muss.“

Wie so oft während eines Gespräches mit ihm, lächelt Le van Bo auch jetzt, wenn er die Geschichte von seinem frühen Vorbild erzählt. Ist ihm die Story ein bisschen peinlich? Van Bos gelassene Freundlichkeit ist auch ein Schutzschild: Seine Gegenüber entspannen und öffnen sich. Umgekehrt bleibt van Bo immer etwas rätselhaft. Was aber auch an den verschiedenen Identitäten liegen mag, mit denen er sich lange durch Berlin bewegt hat. Nachdem er auf den Spuren des Comic-Helden früh seine eigenen, besonderen Fähigkeiten kultiviert hatte – „ich konnte gut reden, gut zeichnen und hatte Rhythmusgefühl“ – legte er sich etwa die Künstlernamen P-Rhyme und Prime Lee zu. In der aufblühenden Berliner Hip-Hop-Szene war er damit als Graffiti-Writer, Rapper oder als Moderator des jungen Black-Music-Senders Kiss FM unterwegs. Tätigkeiten, durch die van Bo auch bei hartgesottenen Typen aus seinem Kiez respektiert wurde.

Doch während andere ihre Hip-Hop-Identitäten mit der Wirklichkeit verwechselten, sich als „Gangsta“ fühlten oder Drogen nahmen, machte Le van Bo Abitur und absolvierte ein Architektur-Studium. Er war eben nur zum Teil eine Kunstfigur. Zuallererst blieb er ein nachdenklicher junger Mann, der erschüttert war, zu sehen, wie viele seiner türkischen, arabischen oder afrikanischen Freunde scheiterten: „Manche landeten im Gefängnis. Und es gab auch Todesfälle.“

Van Bo beobachtet seine Umgebung genau, zieht unweigerlich Lehren aus dem, was falsch läuft und sprüht vor Ideen, wie jemand mehr aus seinen Fähigkeiten machen könnte. „U2 zum Mitnehmen“, eine 2004 aufgenommene CD mit Stücken von Straßenmusikern, war so ein Projekt. Für einen Moment wurden die Straßenmusiker aus ihrer mitunter verachteten Existenz katapultiert, gaben sogar ein gemeinsames Konzert mit Solisten der Deutschen Oper. Doch auch van Bo profitierte: Er liebt die spannenden Geschichten, die die Musiker erzählen können.

Auch School-Talks, ein inzwischen vier Jahre altes, weiteres Projekt van Bos, lebt von authentischen Erfahrungen. Vor typischen Kreuzberger oder Weddinger Teenager-Schülern erzählen erfolgreiche Menschen, meistens mit Migrationshintergrund, über ihren nicht immer einfachen Werdegang. Den Grünen-Politiker Cem Özdemir konnte van Bo für sein Projekt gewinnen. Und auch die aus Eritrea stammende Fernsehmoderatorin Hadnet Tesfai oder der in Polen beliebte deutsche Comedian Steffen Möller ließen sich von van Bo überzeugen, ihre Geschichte vor jugendlichem Publikum zu erzählen. Und es wie Peter Parker einmal als Vorbild zu versuchen.

Doch Le van Bo mag nicht nur echte Lebensgeschichten, er weiß auch die vielfältigen Bildungsangebote in Deutschland zu schätzen. Hat jemand, wie er selbst, einen „Heimwerker-Komplex“, also zwei linke Hände, dann findet sich immer eine Möglichkeit, dazuzulernen. Vor rund eineinhalb Jahren beispielsweise besuchte er einen Schreiner-Workshop bei einer Volkshochschule. Dort entwarf und baute der inzwischen als Konzepter bei einer Gestaltungs-Agentur arbeitende van Bo einen Holzsessel im Bauhaus-Stil: „Das Material dafür gibt es im Baumarkt und kostet nur 24 Euro.“ Der Hartz-IV-Sessel war geboren. Und wurde, schon allein wegen seines provokanten Namens, schnell zum Medienereignis. Inzwischen gibt es in der Hartz-IV-Serie unter anderem ein Schlafsofa, einen Hocker oder einen Stuhl (Foto). „Die Baupläne dazu versende ich kostenlos“, sagt van Bo. Wie Peter Parker kämpft van Bo weiter für Gerechtigkeit und Chancengleichheit: „Auch ohne viel Geld hat man Anspruch auf Lebensqualität. Zwar ohne Schnickschnack, dafür aber mit zeitloser Eleganz.“

Text: Eva Apraku

Foto: Benjamin Pritzkuleit

Infos zu den Hartz-IV-Möbeln sowie die Termine der Selbstbau-Workshops unter www.hartzivmoebel.de

www.schooltalks-berlin.blogspot.com

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