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Du bist Berlin: Lea Drobbe – Die Integere

medibuero_lea_dobbeKein Schild am Eingangstor. Kein Hinweis. Nichts. Nur die Information aus dem Internet, dass es hier in der Gneisenaustraße 2a irgendwo sein muss. Zweiter Hinterhof, dritter Aufgang. Da, wo es nicht mehr weitergeht, endlich ein Schild: „Büro für medizinische Flüchtlingshilfe“, zweite Etage. Man muss genau wissen, wo man hin will. Oder man kennt jemanden, der es weiß. Und dann muss man darauf vertrauen, dass Daten nicht in die falschen Hände geraten. Für die Menschen, die in dem winzigen Raum im zweiten Stock am Ende des langen Gangs mit den Holzstühlen, Hilfe suchen, sind das viele Hürden. Seit 1996 vermittelt das „Büro für medizinische Flüchtlingshilfe“, kurz Medibüro, Menschen ohne gültige Aufenthaltserlaubnis und ohne Krankenversicherung an Ärzte und Krankenhäuser. „Wir haben oft Leute hier, Diabetiker zum Beispiel, die seit mehr als fünf Jahren nicht mehr beim Arzt waren und ihre Medikamente schon ewig nicht mehr genommen haben“, sagt Lea Drobbe. Ihr Handy klingelt. Ein Patient. Sie vereinbart einen Termin. Kaum hat sie aufgelegt, klingelt es wieder. Es ist Dienstag, gestern hatte die 26-jährige Medizinstudentin Sprechstundendienst: „Am Tag danach rufen viele nochmal an.“ Seit drei Jahren arbeitet Lea Drobbe im Medibüro, ehrenamtlich, ebenso wie ihre etwa 20 Kollegen. Zum Team gehören Studenten und Berufstätige, mit oder ohne medizinischem Hintergrund.

Jede Woche kommen über 40 Patienten ins Medibüro, Menschen ohne Papiere, viele Osteuropäer, Araber, Türken. Leute mit Zahnschmerzen, Sehstörungen, Lungenentzündungen, Krebserkrankungen, Schwangere. Leute, die mit ihren Beschwerden nirgend woanders hinkönnen, weil sie sich ohne Krankenversicherung weder Arztbesuche noch Medikamente leisten können. Und die sich nicht ans Sozialamt wenden, das normalerweise die Arztkosten für Bedürftige übernimmt, weil sie Angst haben, entdeckt und abgeschoben zu werden. Wenn im Medibüro Sprechstunde ist, dann ist immer mindestens einer der Mediziner aus dem Team dabei. „Damit wir vorab einschätzen können, was der Patient braucht“, sagt Drobbe. „Dann rufen wir einen der Ärzte an, die mit uns kooperieren, und schicken den Patienten dahin.“ Das Medi­büro arbeitet mit rund 130 Ärzten zusammen: Allgemeinmediziner, Zahnärzte, Augenärzte, Radiologen, aber auch Psychologen, Hebammen und Dolmetscher. Sie machen die Untersuchungen für die Patienten, die das Medibüro schickt, umsonst. Zu zahlen sind dann noch die Materialkosten, etwa Laboruntersuchungen. Die übernimmt das Medibüro. Wenn genügend Geld da ist. Die medizinische Versorgung der Menschen hängt von Spenden ab. „Im Sommer konnten wir kurzzeitig nichts mehr zahlen, keine Medikamente, keine Blutuntersuchungen“, sagt Drobbe. Gelder waren ausgeblieben.

Auch fünf Krankenhäuser gehören zum Netzwerk des Medibüros. Die Liste mit den Telefonnummern hat Lea Drobbe bei sich zu Hause in der WG. Für Notfälle. Patienten, die das Medibüro langfristig betreut, wie etwa Schwangere, bekommen die Handynummer eines Mitarbeiters. „Einmal rief mich eine schwangere Patientin nachts um drei Uhr an. An einem Samstag. Sie blutete. Sie musste sofort ins Krankenhaus“, erzählt Drobbe. Lea Drobbe und ihren Kollegen geht es nicht nur um die medizinische Versorgung von Menschen ohne Papiere. „Uns allen ist die politische Arbeit sehr wichtig“, sagt die Studentin. Es geht ihnen nicht nur um die humanitäre Arbeit, sie wollen auch politisch etwas ändern. Seit Jahren kämpft das Berliner Medibüro für den anonymisierten Krankenschein. Die Ärztin und Gründerin des Büros, Jessica Gross, hat das Projekt angestoßen. Die Idee: Menschen ohne legalen Status holen sich bei einer ärztlich geleiteten Stelle einen Krankenschein, damit gehen sie zum Arzt oder ins Krankenhaus ihrer Wahl, die Kosten übernimmt das Sozialamt. Das Konzept wurde bei einem Runden Tisch mit dem ehemaligen Senat diskutiert, scheiterte dann aber, weil der Senat die Finanzierung der Arztkosten von Leuten ablehnt, die ihre Identität nicht offenbaren wollen. Aufgeben werden Lea Drobbe, Jessica Gross und die anderen aus dem Medibüro nicht. Im Januar wollen sie den Runden Tisch mit dem neuen Senat fortsetzen. Und vielleicht schaffen sie es ja irgendwann, dass sich Menschen ohne Krankenversicherung nicht mehr in einen Kreuzberger Hinterhof schleichen müssen, weil sie Zahnschmerzen haben oder ein Kind erwarten.

Text: Katharina Wagner

Foto: Oliver Wolff

Büro für Medizinische Flüchtlingshilfe www.medibuero.de

Benefitparty Sa 24.12., ab 23.59 Uhr, ://about blank

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