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Du bist Berlin: Mari Otberg – Die Lebenskünstlerin

Mari OtbergEin rot-weiß gestreifter Tellerrock mit handgefertigter Stickapplikation für 40 Euro. Oder ein Babybody mit Stickfigürchen für zwei Euro: Wir befinden uns nicht in der Filiale eines Fashion-Dis­counters, stattdessen in einer Berlin-Mitte-Boutique. Angeboten werden hier keine weltweit vertriebenen Massenprodukte, sondern limitierte Designerstücke. Entworfen von Mari Otberg.
Ganz freiwillig verschleudert die Designerin ihre in der Vergangenheit viel gepriesenen Kollektionsteile nicht. „Ich schließe meinen Laden am 25. Februar“, sagt Mari Otberg. Dass die Geschäftsschließung Folge eines Namensstreites zwischen der Designerin und dem Hotelkonzern Marriott ist, mag man angesichts der Gelassenheit, mit der die Designerin über der Ladenaufgabe spricht, zunächst kaum glauben: Mari Otberg wurde von der Hotelkette gezwungen, den Namen ihres bisherigen Labels JustMariOt zu liquidieren. Der Name ähnele zu sehr dem des Beherbergungsbetriebes, beschwerten sich Münchener Rechts­anwälte. Außerdem würde der Zusatz „Just“ (englisch für: lediglich, nur, gerade) den Beherbergungsbetrieb herabwürdigen.

Mari OtbergDabei hatte sich Mari Otberg mit der bisherigen Bezeichnung für ihr Label ganz gewiss nicht in das Fahrwasser der Hotelkette begeben. Denn JustMariOt spielt nicht nur auf ihren eigenen Namen an. Er umschreibt auch selbstironisch, worum es bei ihren Kleidern geht: Sie sind raffiniert geschnitten, gekonnt gefertigt, aufwendig verziert – und eben darum einfach „nur MariOt“. Dass sich Mari Otberg in den letzten Jahren zunehmend auf die Anfertigung von Couture-Hochzeitskleider spezialisierte, gab dem Namen – aus britischer Sicht – eine zusätzliche Bedeutung.

Tatsächlich mag die Designerin ihr Gespür für Wortspiele aus England mitgebracht oder es dort zumindestens perfektioniert haben. Nach ihrem in Hamburg abgelegten Diplom als Modedesignerin hat sie fünf Jahre in London gelebt und dort Kollektionen produziert. Bis das „tolle Haus“ mitten in der City, in dem sie mit einer Clique von Kreativen lebte, plötzlich verkauft wurde und nicht mehr zur Verfügung stand. Als kurz darauf auch der Hersteller ihrer Kollektionen aufgab, war das für Mari Otberg wie ein Wink: Weiterziehen. Diesmal auf den Spuren ihrer Schwester, die bereits in Berlin lebte.

Mari Otberg ist ein Mensch, der permanent Eindrücke um sich herum aufzusaugen scheint und als künstlerische Ausdrucksformen wieder ausspuckt. So merkt man der von ihr entworfenen Kleidung an, dass sie sowohl das Schneiderhandwerk von der Pike auf erlernt, aber auch ihr Zeichentalent ausgebildet hat: Kaum ein Stück kommt ohne hintersinnige Motive aus. „Als ich neu in der Stadt war, habe ich mit einer Berlin-Kollektion begonnen, die viel Beachtung fand“, erinnert sie sich. Viel Beachtung findet aber auch der unschuldige Sex-Appeal, den ihre Kleidungsstücke ausstrahlen. Das Foto eines harlekinesken Models in einem Mari-Otberg-Jackett wurde in zahlreichen Zeitschriften abgedruckt: Dort, wo vorne eigentlich Abnäher die Form wahren sollen, lugten die Brustwarzen der jungen Frau hervor.

Mari OtbergÄhnlich aufreizend und naiv wirken viele der Bilder, Illustrationen oder Wandteppiche, die Mari Otberg neben ihrem Designerberuf etwa für ihre Präsentationen auf dem Artforum, aber auch für Verlage und andere Auftraggeber schafft. Dabei offenbart der zweite Blick auf ihre Werke nicht selten einen ernsten Hintergrund. Eine Bilderserie zur Mode-Kritikerin Isabella Blow – sie starb im Mai 2007 durch Selbstmord – demaskiert die Seichtheit, von der die Fashion-Szene letztlich geprägt ist.

Mari Otberg selbst ist alles andere als oberflächlich. Immer wieder meistert sie Themen, in denen eigentlich zahlreiche Fallstricke warten. Ihre Illustrationen für Kondomverpackungen etwa Warnen nicht nur vor Aids. Sie preisen auch die Freuden der Liebe. Offenbar ist es diese Kombination aus Fantasie, Lebenslust und Menschenkenntnis, die Mari Otbergs Zuversicht auch hinsichtlich der Auseinandersetzung mit der Hotelkette Marriott nähren. Statt ihre Energie „in einem womöglich jahrelangen Rechtsstreit gegen einen deutlich stärkeren Gegner“ zu verschleißen, richte sie ihren „Kampfgeist lieber in eine positivere Richtung“. Zwar sieht sie in der Fortführung ihres Ladens ohne den alten Labelnamen keinen Sinn mehr. Mit Resignation aber hat das nichts zu tun. Sie wolle „weiter Hochzeitskleider entwerfen“, außerdem stärker künstlerisch tätig werden. „Ich vertraue ganz auf meine Kreativität.“ Dass sie auf das richtige Pferd setzt, weiß man sofort.

Text: Eva Apraku
Fotos: Harry Schnitger

www.mariotberg.com

noch bis 25.2. in der Gipsstraße 9, 10119 Berlin, Tel: 46 60 45 14

 

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