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Du bist Berlin: Mateo Dineen und Johan Potma – Die Monstermaler

Ein blaues, sehr haariges Monster sitzt in einer Blechbadewanne, die wurmartigen Arme hängen über dem Wannenrand. Das Monster grinst, der Mund ist riesig, die Zähne auch. Zwei seiner Augen liegen neben einem Kassettenrekorder auf der Fensterbank, ein drittes Auge schwimmt in einer Pfütze auf dem Holzboden.
„Out of Body Experience“ hat Mateo Dineen sein Bild mit dem haarigen Wesen in der Wanne genannt. Das ist auf vielen Werken des Künstlers zu sehen, als Gärtner, als tollpatschiger Riese, beim Friseur. Und es grinst einem augenlos auf Dineens Visitenkarte zu. Zusammen mit Johan Potma hat Dineen das Label Zozoville gegründet. Auf Potmas Visitenkarte steht eine Monsterdame im pinken Haarkleid.

Potma, 36, ist gebürtiger Holländer, Dineen, 38, ist aus Kalifornien. Beide sind sie in Berlin gelandet – Potma vor acht, Dineen vor sechs Jahren, weil sie sich in ihren Heimatländern jeweils in eine Deutsche verliebt haben, die irgendwann wieder zurück wollte. Beide haben Illustration studiert, Dineen in San Francisco und Potma in Groningen. Kennengelernt haben sie sich im Sommer vor sechs Jahren bei einer Ausstellung von Dineen in der Foggsi & Groschi Galerie in Friedrichshain. Potma arbeitete damals als Illustrator bei dem Internetprojekt Art Reflector, er lud Dineen zu sich ins Büro ein. Was Dineen dort zuerst auffiel, war ein riesiges Gemälde von einem Monster, eines von Potmas Bildern. „Wir haben schnell gemerkt, dass wir auf einer Wellenlänge sind. Also haben wir uns zusammengetan“, sagt Dineen. Nur ein paar Monate später, im März 2005, eröffneten sie die Zozoville-Galerie in der Mainzer Straße in Friedrichshain.

Fast jeden Nachmittag in der Woche ist zumindest einer der beiden Künstler dort. Besucher gehen ein und aus. An den Wänden entlang stehen kleine Schränke und Kommoden, darauf Blumen, Kerzen und allerlei Krimskrams. Holzkisten mit dicken, verrosteten Schlössern, Schubladen und Blechbüchsen stapeln sich auf dem Boden. Aus den alten Schubladen, Kisten und Türen  bauen Dineen und Potma die Rahmen für ihre Bilder. In ihrer Galerie – vorne ist der Ausstellungs- und Verkaufsraum, ein schmaler, langer Flur führt nach hinten zum Atelier der beiden – ist der Besucher umzingelt von unzähligen Fantasiegestalten, die von den Wänden blicken. Es sind Monster, aber Angst hat man vor ihnen nicht. Sie sind eher niedlich, oft ein wenig schrullig. Und sie sind vor allem eins: menschlich. „Die meisten Leute finden sich in den Bildern wieder“, sagt Dineen. „Wir machen so etwas Ähnliches wie Impro-Theater: Wir geben den Leuten, nicht mit Worten, aber mit unseren Bildern, eine erste Idee, und sie spinnen die Geschichten dann weiter“, erklärt Potma.

Die Zozoville-Monster erinnern an Geschöpfe, die man sich als Kind ausgedacht hat und in deren Welten man an manchen Nachmittagen stundenlang versunken ist. Stoff dafür gab es und gibt es noch immer mehr als genug in Bilderbüchern, in Cartoons und Animationsfilmen. „Monster AG“, „Shrek“ und „Findet Nemo“ sind die wohl bekanntesten Filme dieser Art aus den letzten Jahren. „Die Cartoons am Sonntagmorgen waren für mich wie Koks für Whitney Houston. Unwiderstehlich, und sie ruinierten meine Karriere als Sänger“, erzählt Dineen. „Wie alle Kinder sind wir mit Zeichentrickfilmen aufgewachsen“, sagt Potma. Der Unterschied: Dineen und Potma haben diese Begeisterung samt der fantastischen Gestalten mit in ihr Erwachsenenleben genommen. Und mehr noch: Sie ermöglichen anderen den Wiedereinstieg in die Welten ihrer Kindheit.
Nicht nur in der Galerie, auch auf dem Flohmarkt am Boxhagener Platz kann man die Bilder kaufen. Mitte September ist das Buch „Make Believe“ erschienen, darin die Zozoville-Geschichte, ein Interview und auf fast 300 Seiten Monster. Mehr über die sonderbaren Wesen erfährt man aber auch hier nicht. Bis auf den Titel der Bilder findet man kaum Erläuterungen. Manchmal ist Platz gelassen für eigene Notizen. Eine der wenigen Ausnahmen ist das haarige Monster in der Wanne: Es wird die Musik aufdrehen und Mathe lernen, steht dort. 

Text: Katharina Wagner

Fotos: David von Becker

Mateo Dineen & Johan Potma: „Make Believe“, Onkel & Onkel, 301 Seiten, 68?Ђ
Zozoville-Galerie
Mainzer Straße 12, Friedrichshain, Di-Sa 12-18?Uhr, www.zozoville.com


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