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Du bist Berlin: Michael Skibbe – Der Platzanweiser

Die türkische Provinzhauptstadt Eskisehir liegt ungefähr vier Stunden südöstlich von Istanbul an einer Haltestelle der alten Bagdadbahn. Touristen kommen nicht in Scharen hierher, und auch Fachkräfte aus Deutschland zieht es nur in besonderen Fällen in die Gegend. Der Fußballtrainer Michael Skibbe aber hat zuletzt einige Monate in Eskisehir gearbeitet, und zwar durchaus erfolgreich: Er hat das Außenseiterteam Eskisehirspor in die oberen Bereiche der Tabelle der türkischen Liga geführt.
Dass er während dieser Zeit aber auch immer ein scharfes Auge auf die Geschehnisse in Deutschland hatte, davon muss man ausgehen, und so wird er nicht überrascht gewesen sein, als vor einigen Wochen Michael Preetz, der Manager von Hertha BSC, an ihn herantrat. Denn in Berlin zeichnete sich immer deutlicher ab, dass Markus Babbel, der Trainer des unmittelbaren Wiederaufstiegs nach der Katastrophensaison 2009/2010, seinen Vertrag nicht über Juni 2012 hinaus verlängern wollte. Die persönliche Kränkung, die dieser Umstand für Preetz mit sich brachte, war dem Manager deutlich anzusehen. Umso wichtiger, dass Michael Skibbe nun von Beginn an die richtigen Worte fand: Er befand nicht nur den Berliner Kader für vollkommen in Ordnung (normalerweise fordern neue Trainer zuerst einmal neue Spieler), er ließ auch durchblicken, dass er in Berlin sogar eine Wohnung nehmen wird (ein Schritt des Ankommens in der Stadt, zu dem der Münchner Babbel sich nie hatte durchringen können).

Michael Skibbe hat aber auch gute Gründe, für sein äußerst diplomatisches Vorgehen. Denn einmal mehr bietet Hertha hier einem Trainer die Chance, sich zu rehabilitieren: Erst im März 2011 war er bei Eintracht Frankfurt entlassen worden, zwei Monate später war der hessische Traditionsclub abgestiegen. Mit Skibbe wäre das nicht passiert – das behauptet jedenfalls Michael Skibbe. So aber musste er ein Angebot aus der Türkei annehmen, was ihm auch deswegen nicht so schwer gefallen sein mag, weil er von 2008 auf 2009 schon einmal den dortigen Hauptstadtclub Galatasaray Istanbul trainiert hatte, nachdem man ihn bei Bayer Leverkusen entlassen hatte.

Entlassungen gehören zum Trainer­geschäft wie rote Karten zum Fußballspiel, aber für Skibbe war vor allem das ­Scheitern in Frankfurt doch ein empfindlicher Rückschlag. Denn er erfolgte nach einem zunächst bemerkenswerten Höhenflug, und zu einem Zeitpunkt, da sich im deutschen Fußball allgemein ein bisschen Kontinuität bemerkbar macht und eine Reihe sogenannter „Konzepttrainer“ ziemlich gute Arbeit leisten.
Ob Skibbe so einer ist, ist unklar. Auf jeden Fall gehört er aber schon zu einer neuen Generation, die sich nicht mehr ausschließlich über „Stallgeruch“ und alte Verdienste aus der Zeit eigener Tätigkeit als Profifußballer definieren. Seine Karriere als Spieler endete wegen schwerer Verletzungen früh, er brachte es nur auf 14 Bundes­ligaspiele, mit 22 Jahren war er nach zwei Kreuzbandrissen Sportinvalide. Er arbeitete dann ein Jahrzehnt bei Borussia Dortmund, wo er 1998 aus dem Nachwuchsbereich zum Cheftrainer befördert wurde. Nach eineinhalb Jahren wurde er entlassen.

Es folgte der denkbar größte Karriere­sprung: An der Seite von Rudi Völler wurde Skibbe zum deutschen Nationaltrainer bestellt, ein Amt, das er immerhin vier Jahre ausüben konnte. In diese Phase fiel auch ein persönlicher Umbruch, denn Skibbe verließ seine Ehefrau Bärbel, nachdem er sich in eine bei der Deutsche Fußball Liga (DFL) tätige Sekretärin verliebt hatte.
Wenn man die Arbeit von Michael Skibbe nur an den Titeln misst, die er gewonnen hat, dann steht er mit dem Vize-Weltmeistertitel für Deutschland 2002 zwar nicht schlecht, aber doch mit leeren Händen da. In Berlin hat er aber die Ambitionen gleich ein bisschen höher geschraubt, als es die betont zurückhaltende Vereinsführung äußern würde: In absehbarer Zeit will er den Club im oberen Tabellendrittel etablieren. Dort war Hertha einmal eine Weile gut vertreten, nur die Schulden aus dieser Ära sind auch heute noch da. Als Konsequenz daraus verfügt Hertha über einen der billigsten Kader. Mit dem muss Michael Skibbe nun arbeiten – von seinen Anweisungen hängt es ab, welchen Platz im Fußball Hertha BSC künftig einnehmen kann. 

Text: Bert Rebhandl
Foto:


1. FC Nürnberg – Hertha BSC

Sa 21.1., 15.30
HERTHA BSC – Borussia Mönchengladbach (DFB-POKAL VIERTELFINALE)

Mi 8.2., 19.00

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