Stadtleben

Du bist Berlin: Nomad – Der Sprüher

Nomad Foto: Christina Görs / tipAuf die Frage, ob es ein Ziel gibt in seinem Leben sagt Nomad: „Ja. Surfen lernen. Oder?“ Er guckt hoch zu der Frau am Nebentisch, die uns zuhört. „Strand und Surfbrett. Dit wär’s wa?“ Von großen Ausstellungen und hohem Marktwert sagt er nichts. Essen, ein Dach über dem Kopf und Zeit für Freunde und gute Projekte reichen ihm zum Glücklichsein. Das erscheint bescheiden, doch gleichzeitig bezeichnet er sich als der wahrscheinlich meistgesammelte Künstler Europas: Etwa 8000 Gegenstände im öffentlichen Raum bemalte und beschriftete er seit 1999. Die meisten davon verschwanden, einige davon zieren nun die Küchenwände hipper Kunstinteressierter.

Inzwischen geht Nomad nicht mehr mit Sprühdose und Marker aus dem Haus. „Ich wollte mich im Street-Art-Sandkasten nicht mehr mit den anderen um die Förmchen streiten“, sagt der 38-Jährige, dessen Graffiti-Wurzeln über 20 Jahre zurückliegen.

Als Street-Art um 2004 zur galeriefähigen Zeitgeistkunst hochgejubelt wurde, hätte auch Nomad ordentlich absahnen können. Wie sein britischer Kollege Banksy, dessen Arbeiten mittlerweile bei Angelina und Brad im Wohnzimmer hängen sollen, gehört er zu den prägenden Künstlern seiner Schule. Mit Swoon, Obey und Banksy stellte er 2003 auf der ersten Backjumps-Ausstellung in Berlin aus. Der Zeitpunkt, sich für oder gegen eine Karriere zu entscheiden, wie er sagt. „Ich habe etwas zu sagen, das will ich loswerden. Ich richte mich nach meinem Gefühl, nicht nach dem Zeitgeist.“

Nomad Foto Christina Görs / tipNomad antwortet in langen und unaufdringlichen Monologen. Dabei rollt er ein wenig das R. Auf die Frage, wo er herkomme, antwortet er: „Das ist egal.“ Seine Mutter ist Tschechin, sein Vater Deutscher. Irgendwann sei er hier gelandet.

Bekannt geworden ist Nomad mit Mr. Friendly, das Männchen mit dem ellipsenartigen Kopf, der dem Betrachter Ratschläge wie „Don’t fight the feelings“ oder „Help yourself“ gibt. Auch der lachende Hund oder der Hasentotenkopf bestehen aus abstrahierten und fließenden Linien. „Die Außenlinie begrenzt die Realität und wird wieder zur Fläche“, erklärt der Künstler. Die Straße sei eine gute Schule gewesen. Nie sei es ihm darum gegangen, sich öffentlichen Raum anzueignen, eher wollte er Gefühle einnehmen. „Du veränderst die Welt nur mit einer reinen Absicht. Wie bei einem exakten Schwerthieb“, erklärt er Intention und Entwicklung. Nomad bezeichnet seine Arbeit als „bewegliche Meditation“. „Es geht um die
simple Reflexion von Schönheit und Verfall.“ Über seine Bilder spricht Nomad genauso geordnet und reflektiert, wie sie selbst sind. Ob er das reduzierte Bild brauche, um sein inneres Chaos zu ordnen? Über seine Psyche mache er sich wenig Gedanken, aber die ästhetische Abstraktion helfe dem Menschen natürlich, Gedanken zu ordnen, sagt er. Kunst studiert habe er „Gott sei Dank“ nicht. Nur ein Fotografiestudium hat er begonnen, das er abbrach, weil ihm das Geld fehlte. Auch heute lebt er mit dem Nötigsten, da er noch immer hohe Strafen abzahlen muss, die ihm unter anderem die Sammelklage eines österreichischen Dorfes eingebrockt hat. Doch nicht nur die Polizei suchte nach dem Mann hinter dem Pseudonym.

Nomad Foto Christina Görs / tipDie Visitenkarte der Charlottenburger Galerie Raab landete nur über Umwege bei ihm. Man bot ihm eine Einzelausstellung in den Räumen an, in denen sonst große Maler wie Baselitz und Lüpertz hängen. „Wieso icke?“, habe er gedacht und lehnte – auch aus Zeit- und Geldmangel – ab. Einzelne Bilder zeigte die Galerie dann in einer Gruppenausstellung – der Moment, in dem er sich fragte: „Bin ich ein Künstler?“ Immer noch arbeitet er mit keiner Galerie fest zusammen. Er brauche auch eher einen Manager, weil er gerne mal Termine verschläft. Am Nebentisch schlägt die Frau „die wahre Liebe“ als Lebensziel vor. „Nee, das is immer nur temporär. Da hab ick mich die letzten Jahre mit beschäftigt.“

Text: Laura Ewert

www.myspace.com/nomad_yesmad

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