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Du bist Berlin: Pamela Schobeß und Lars Döring – Die Schlaflosen

pamela_schobess_und_lars_doeringGoethes Gretchen war ein unschuldiges Mädchen, schön und rein. Chelsea Cains Gretchen war eine Serienkillerin, verführerisch und grausam. Und das Gretchen von Pamela Schobeß und Lars Döring ist ein Club, in dem die Musik so wunderschön wie brutal und knallhart sein soll.

Und wo könnte so ein Club besser hinpassen als nach Kreuzberg 61? In ein Gebäude, erbaut 1854, das schon die Stallungen des preußischen Ersten Garde-Dragoner-Regiments der Königin Victoria, eine Autowerkstatt und einen Schwulenclub beherbergte. Lars Döring und Pamela Schobeß, die zusammen auch das Icon betreiben, scheinen eine Vorliebe für Dinge zu haben, die auf den ersten Blick so wenig vereinbar sein mögen wie Schobeß‘ Motorrad, das im Innenhof ihres Büros parkt, und die pinkfarbene Schutzhülle ihres iPhones.

Noch so ein Paradox: Einen neuen Club aufmachen, wenn man mit dem einen, den man schon hat, so viele Probleme hatte, dass jeder verstanden hätte, wenn Schobeß ihren grün lackierten Mittelfingernagel in die Höhe gereckt und einfach gesagt hätte: Berlin, du pulsierende Clubmetropole, du kannst uns mal!

Seit 15 Jahren gibt es das Icon, in einer kleinen Seitenstraße neben dem Jahn-Sportpark in Prenzlauer Berg. Dieser kleine, stickige Laden ist mehr als nur ein Club für Schobeß und Döring. Er ist ihr Leben, und das ist in diesem Fall keine leere Floskel.

Am 4. November 1997, sie weiß das Datum noch ganz genau, war Pamela furchtbar schlecht gelaunt. Sie war mit einer Freundin im Icon verabredet. Es war saukalt, sie fand diese verdammte Seitenstraße nicht, kurvte durch Prenzlauer Berg, und das alles, um Paul van Dyk zu sehen, dabei hörte sie doch am liebsten Metal. Sie nahm den jungen Mann, der im Auto neben ihr an der Ampel hielt, gar nicht wahr. Sie fuhr geradeaus und verfuhr sich noch ein bisschen mehr. Er bog rechts ab und parkte vor dem Icon, wo er seit einem Jahr arbeitete. Später entdeckte er die junge, schlechtgelaunte Frau am Tresen wieder. Da fiel er auch ihr auf, mit seinen langen Haaren und den Armyhosen. Kurze Zeit später wurden sie ein Paar und Schobeß fing ebenfalls an, im Icon zu arbeiten.

Sie hätten sich ohne das Icon nie getroffen, das ist das eine. Das andere ist, dass sie zu denen gehören, die einen Club nur ganz oder gar nicht machen. Und ganz bedeutet: die ganze Woche von morgens bis abends im Büro arbeiten und ein Freitag, der immer ein 24-stündiger Arbeitstag ist. Denn die Künstler, die sie buchen, holen Schobeß und Döring immer selbst vom Flughafen ab, gehen mit ihnen essen, und schauen sich die Gigs an, bis es Samstag wird.  

Der Club, dein Leben, und dann kommt jemand, der viel Geld hat. Der baut mit diesem vielen Geld ein teures Haus für all die neuen Berliner, die das hippe Viertel vor der Tür als Versicherung gegen die eigene Spießigkeit mitmieten wollen – aber bitte nur, so lange es ab 22 Uhr auch schön ruhig ist. Sonst ruft man halt die Polizei. Die neuen Nachbarn des Icon hatten einen Sachbearbeiter im Bezirksamt auf ihrer Seite. Schobeß und Döring bekamen die Kündigung.

Doch während sie schon das Gretchen suchten und fanden, tat sich was: Unterschriften wurden gesammelt, Politiker setzten sich ein, der zuständige Stadtrat kehrte aus dem Urlaub zurück und wischte flugs die Entscheidung seines Sacharbeiters vom Tisch. Das Icon bleibt, alles wieder gut. Und Schobeß und Döring haben nun zwei Clubs.

Im Icon waren ihnen immer Grenzen gesetzt. Zu klein, um dort wirklich gut Konzerte stattfinden zu lassen, nur eine Tanzfläche, also wenig Spielraum. Das Gretchen hat zwei Räume, einer davon groß genug für 600 Leute. Und man weiß ja nie, es ist nachts schon ziemlich tot in den Straßen rund um das Icon, und noch immer beschwert sich eine Nachbarin, wenn die Gäste draußen vor der Clubtür stehen.

Es gab durchaus Momente, in denen sich Schobeß und Döring fragten: „Einen neuen Club, brauchen wir das?“ 37 Jahre sind sie jetzt alt. Schobeß sagt: „Wenn du nachts auf der Party stehst, die Leute schreien hörst, die komplett weggeschossen sind von der Musik?…“ Döring unterbricht: „… wenn du das Strahlen ihrer Gesichter siehst …“ Die beiden schauen sich an: „Ohne unseren eigenen Club würde uns einfach etwas fehlen.“

Text: Anne Lena Mösken

Foto: Benjamin Pritzkuleit

Gretchen Obentrautstraße 19-21, Kreuzberg, www.gretchen-club.de

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