• Stadtleben
  • Du bist Berlin: Peter Wawerzinek – Der Rückkehrer

Stadtleben

Du bist Berlin: Peter Wawerzinek – Der Rückkehrer

PETER_WAWERZINEK„Das erste Mal, dass wir in diesem Jahr draußen sitzen“, stellt Peter Wawerzinek fest und lässt ­seinen Blick über die vielen besetzten Tische vor dem Kinocafй Intimes schweifen. Petra, seine Freundin, schaut ihn fragend an. „In Berlin, meine ich.“ Sie nickt. Es war viel los in diesem Sommer.

Alles begann mit dem Bachmannpreis für einen Auszug aus seinem Roman „Rabenliebe“. Ihren Irlandurlaub unterbrachen die beiden für eine Talkshoweinladung ins SWR-„Nachtcafй“. Der NDR lotste Wawerzinek für einen Fernsehbeitrag vom nächsten Ferienort auf Hiddensee nach Rerik – ein Schauplatz seines Romans. Am nächsten Tag ­stehen drei Pressetermine an. Doch der 55-Jährige wirkt an diesem Abend erstaunlich gelassen. Er nippt an seinem Gin-Tonic und erzählt von „Matthias“ BAADER Holst, dem Dichter, Freund und Weggefährten, zu dessen 20.?Todestag er am Tag zuvor im Stadtmuseum Halle vor über hundert Leuten aus einer Festschrift las. Das Buch dazu heißt „Das Desinteresse“.

Peter_WawerzinekDas war es, was dem frühverstorbenen ­BAADER Holst und auch Wawerzinek oft entgegen­geschlagen ist: Desinteresse. Zum Beispiel von den Dichtern aus Prenzlauer Berg. Für „nicht relevant“ ­befanden sie die poetischen Entwürfe der beiden Freunde, die gegen Ende der 80er-Jahre als eine Art Poesie-Performance-Duo durch die ostdeutschen Lande tingelten. Man spürt die Verletzung, wenn Wawerzinek rückblickend über Papenfuß, Anderson und Co. schreibt: „Ein Haufen Dichter, die keine sind, maßen sich Urteile an, werten ab, verunglimpfen alles, was ihre Kreise stört.“
Eine literarische Heimat fand Wawerzinek im frisch nach dem Mauerfall gegründeten Maas-­Verlag, der neben BAADER Holst auch Bücher von Thomas Kapielski, Funny van Dannen und Harry Hass verlegte. Aus dem ersten Roman „Nix“ hat Wawerzinek vor 19 Jahren das erste Mal in Klagenfurt gelesen. Damals reichte es nur für Platz vier.

Dann folgten Bücher im Jahrestakt, viel Al­kohol, exzessive Bühnenauftritte und ein Leben als Szeneliterat, den die meisten kumpelhaft Schappi nannten. Um das Jahr 2000 herum hatte ­Wawerzinek genug vom Literaturbetrieb, weil er es wieder spürte: das Desinteresse. „Ich bin ­niemand der kämpft, sondern verlasse dann eher das Abteil“, sagt er. Sein Rückzug führte ihn ins schleswig-holsteinische Wewelsfleth, wo er nach einem dreimonatigen Arbeitsstipendium hängenblieb. Er freundete sich mit dem Direktor der ­dortigen Trinkerheilanstalt an, machte als Nicht­insasse eine Alkoholtherapie, wurde Redakteur der Anstaltszeitung. Daneben schrieb er an einem ­Roman über sein Lebensthema, das er bislang ­immer ausgespart hatte: den Mutterverlust.

Peter_WawerzinekPeter Wawerzinek war zwei, als seine Eltern 1956 in den Westen flohen und ihn und seine ­einjährige Schwester in der Rostocker Wohnung zurückließen. Nachbarn entdeckten die beiden verwahrlosten und halb verhungerten Kinder. Es folgten Jahre in Kinderheimen und bei Adoptiv­eltern. Eindringlich beschreibt er in „Rabenliebe“ die Entwicklung des Sonderlings, der er wurde – jemand, der stets abseits stand, durch die Gänge schlich und nur mit Vögeln kommunizierte. Beim Schreiben hat er oft das Gefühl, durch Schnee und Nebel zu irren, die Erinnerungen nicht fassen zu können, ihren Täuschungen zu erliegen, zu viel zu „fantern“, wie er sagt. Freunde ermutigen ihn, ­weiterzumachen, drängen zum Besuch der Mutter. Man ahnt: Es wird eine Enttäuschung sein.
Am Ende bleibt Wawerzinek die Gewissheit, ­„in der Mutterlosigkeit daheim“ zu sein. Dafür hat er eine Menge Geschwister kennengelernt, die nicht in seiner Geschichte vorkommen wollen, und ist gespannt auf deren Reaktion, wenn das Buch am 19. August erscheint. „19 ist meine Lieblingszahl“, erklärt Wawerzinek. Dann zieht er sein Jackett über das T-Shirt vom Berliner Ensemble, das er von seiner Freundin hat, die dort arbeitet. Sie ­hatte ihn bei sich wohnen lassen, als er ohne Geld vor knapp zwei Jahren nach Berlin zurückkehrte. Aus Dankbarkeit widmete er ihr das Buch.
Nun überlegt er, wem er mit seinem Preisgeld helfen kann. „Es gibt ja Autoren, die das alles nur für sich behalten“, sagt Peter Wawerzinek. Ganz ohne Ironie.

Text: Ralph Gerstenberg
Foto: Benjamin Pritzkuleit

Lesung aus „Rabenliebe“ am 24.9. in der Volksbühne


Weitere Porträts aus „Du bist Berlin – Die Serie“

Patrick Lenhard – Der Häuslebauer

Porträt: Johannes Spatz – Der Rauchmelder

Porträt: Melda Akbas – Die Stuhltänzerin

Porträt: Markus Schatte – Der Boateng-Coach

 

 

Mehr über Cookies erfahren