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Du bist Berlin: Philippa Ebenй – Die Kompromisslose

Philippa_EbeneDie Sitzreihen in dem kleinen Raum der Antonio-Amadeu-Stiftung in Mitte sind bereits hoffnungslos mit Journalisten, Menschenrechtlern und anderen Aktivisten überfüllt. Auch das Podium ist bis auf einen noch freien Platz komplett besetzt. Nur die Hauptperson, Philippa Ebйnй, Geschäftsführerin der Neuköllner Werkstatt der Kulturen, fehlt noch. Irgendjemand ruft: „Philippa, bitte komm jetzt.“ Und tatsächlich, da ist sie dann: hochgewachsen, schlank, die dunklen Lo­cken aus dem ernst blick­en­den Gesicht gekämmt, feuerroter Lippenstift. Nur die Augen wirken müde, sind gerötet. Seit dem Eklat um die von ihr knapp eine Woche vor der am 1. September geplanten Eröffnung abgesagten Ausstellung „Die Dritte Welt im Zweiten Weltkrieg“ in der Werkstatt der Kulturen dürfte die Geschäftsführerin keine ruhige Minute mehr gehabt haben. „Zensur!“, schallte es Frau Ebйnй aus allen Ecken entgegen. Dabei, daran lässt sie auch bei der heutigen Veranstaltung keinen Zweifel, ist sie sich sicher, richtig gehandelt zu haben: 70 Jahre nach Beginn des Zweiten Weltkriegs sei es an der Zeit gewesen, die bis heute un­terschlagenen, millionen-fachen Opfer, die der Krieg auch auf dem asiatischen, südamerikanischen und afrikanischen Kontinent gefordert hat, zu würdigen. „Ich wollte eine Hommage und keine Relativierung dieser Opfer“, sagt Philippa Ebйnй in Anspielung auf eine Handvoll Aus­stellungs­tafeln, in denen es um arabische Nazi-Kollaborateure ging – der Grund, weshalb sie die Schau platzen ließ.

Philippa_EbeneHätte es nicht einen Tick weniger dramatisch zugehen können? Philippa Ebйnй eröffnet wie geplant die Ausstellung, übergeht die aushängenden, ihr missliebigen Tafeln aber galant? Schließlich, das gibt sie selber zu, sei ihr Kontakt zu den Kölner Ausstellungsmachern um den Journalisten Karl Rössel während der Planungs­phase eher sporadisch gewesen. Was genau und in welchem Umfang gezeigt werden würde, hat sie offenbar nicht gewusst. Ein Fehler, der gegenüber des zu erwartenden Häufchens an Vernissagegästen und angesichts der guten Ausstellungsabsicht leicht hätte unter den Teppich gekehrt werden können. Doch Philippa Ebйnй tickt anders. Sie ist im Februar 2008 in der Werkstatt der Kulturen als Geschäftsführerin angetreten, um „People of Colour“, also Menschen jenseits der westlich-weißen Hegemonialkultur, endlich die ihnen zustehende Anerkennung zu verschaffen. Dass die Tochter eines kamerunischen Arztes und einer deutschen Buchhändlerin es bis in die Leitung der bis dahin ziemlich verschnarchten Werkstatt der Kulturen schaffte, war ein erster Erfolg. Schließlich neigt man hierzulande trotz vergangener Einwanderungswellen immer noch hartnäckig dazu, alteingesessene, weiße Deutsche in zentrale Positionen zu zementieren, von denen aus sie bestimmen können, wie fremde Kulturen zu definieren sind.

Für die Mitte der 1960er Jahre geborene Afro-Deutsche der blanke Hohn. Denn auch sie wird erfahren haben, wie Mitglieder der Mehrheitsbevölkerung, auch ohne nähere Bekannschaft mit ihr, stets zu wissen glauben, mit wem sie es zu tun haben: einem „Besatzungskind“. Einer Sportskanone. Einem musikalischen Naturtalent, Stilrichtung Soul und Rap. Oder einer „Ausländerin“, die „raus“ muss. Auch als sie Teenagermutter wird, oder später, ausgebildete Schauspielerin, werden noch einige Schubladen für sie aufgezogen worden sein. „Früher bekam eine afrodeutsche Schauspielerin kaum andere Rollen als die der Nutte oder Asylbewerberin“, beklagte sich Philippa Ebйnй gegenüber der „taz“.

Philippa_Ebene
Philippa Ebйnй ist eine Kämpferin und nicht gewillt, sich Fremdbestimmungen zu fügen. Das Hinterfragen von Rollenzuweisungen scheint sich wie ein roter Faden durch ihr bewegtes Leben in Kamerun und Deutschland zu ziehen: Sie studiert Ethnologie, leitet ein Frauenhaus, gründet das Schauspielerensemble abok, das sich vorwiegend mit den Texten afrikanischer Autoren beschäftigt. Auch als Leiterin der Werkstatt der Kulturen geht sie konsequent ihren Weg: Die von ihr ausgewählten Fachbereichsleiter entstammen ausnahmslos dem Kulturraum, mit dem sie sich auseinandersetzen.

So eine wie Philippa Ebйnй lässt sich auch von einem alten Haudegen wie Karl Rössel nicht schrecken. Zwar wird schnell klar, dass der Journalist im Kampf um die Ausstellung – sie wird in die Weddinger Uferhallen verlegt und zum Publikumsmagneten – den Sieg davontragen wird. Philippa Ebйnй aber hat sich einmal mehr nicht in eine für sie vorgesehene Rolle gefügt. In ihren Augen wohl ein Triumph.

Text: Eva Apraku
Fotos: Martin Hühnemann

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