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Du bist Berlin: Rascha Akil – Die Routengängerin

Rascha AkilDonnerwetter. Dieses Dorf hat es in sich und trotzdem die Ruhe weg. Rixdorf liegt in Nordneukölln, die dröhnende Karl-Marx-Straße ist nur ein paar Gehminuten entfernt. Aber man hört von ihr – nichts. Gar nichts. Rascha Akil legt die Finger auf die Lippen. „Und, spürst du die Ruhe? Obwohl wir in Neukölln sind!“ Ihr Lachen klingt so fröhlich, als hätte sie diese Ruhe persönlich bestellt. Vielleicht haben Neuköllner Stadt­teilführerinnen ja besonde­re Kompetenzen.
Defilieren wir wirklich gerade durch das dürftig beleumundete „Problemgebiet“ Nordneukölln? Doch, schon. Aber der Richardplatz liegt an diesem Sonnabend still und beschaulich unter einem trüben Winterhimmel. Es ist nachgerade idyllisch. Wenn nicht der böige Wind wäre. Immerhin fällt kein Schnee. Bei ihrer allerersten Tour durch den Kiez Ende November war Rascha nicht so viel Wetterglück vergönnt. Es schneite, es war bitterkalt. Petrus kümmern Premieren herzlich wenig.

Rascha AkilDie Tour heißt „Ein internationales Dorf“, sie ist eine von zwei Stadtteilführungen der Route 44, die neuerdings Frauen und Mädchen vom Richardplatz als Projekt des eingetragenen Vereins Kulturbewegt machen; in Wedding gibt es seit zwei Jahren einen ähnlichen Rundgang. Die 44 steht übrigens für den alten hiesigen Postzustellbezirk. Man findet sie häufiger als Graffito an Häuserwänden.
Rascha Akil trägt einen dunklen Mantel und einen roten Schal, als sie mit uns ihre Tour abschreitet. Eigentlich haben sie und ihre beiden Mitstreiterinnen an diesem Sonnabend tourfrei. Sie ist 19 Jahre alt und im Kiez aufgewachsen. Sie plaudert munter drauflos, redet sicher und souverän. Sie lacht viel. Und sie hat jede Menge zu erzählen. Da ist zum Beispiel ein ehemals besetztes, selbstverwaltetes Haus am Richardplatz. Seine Bewohner gaben sich einst kollektiv den Namen Krause, so hieß ein örtlicher Polizist. Die Behördenleute standen dann grübelnd vor den Namensschildern. 1982 gründeten die Besetzer einen Verein und nannten ihn Krause Selbsthilfe Rixdorf. Drei Jahre später folgte der erste Nutzungsvertrag. Gleich ne­benan: der Comenius-Garten, noch so ein Ruhepol, den ein Mann namens Hennig Vierck Mitte der 90er Jahre nach Ideen des im 17. Jahrhundert wirkenden böhmischen Gelehrten Johann Amos Comenius anlegte. Dessen Statue steht mittendrin. Mit dem langen Bart erinnert sie derart an Vierck, dass Rascha lange vermutete, er hätte dafür persönlich Modell gestanden. Oder das Böhmische Dorf, wo Anfang des 18. Jahrhunderts 18 glaubensverfolgte böhmische Familien eine neue Heimat fanden dank des Königs Friedrich Wil­helm I., dessen großes Denkmal dort eine reichlich dralle Gestalt offenbart.

Rascha AkilIm Dorf schlägt Rascha gern den Bogen ins Heute. „Man hat die Böhmen in Ruhe gelassen, sie mussten nicht gleich Deutsch sprechen“, sagt sie. 200 Jahre habe es gedauert, bis der letzte ihrer Nachkommen die tschechische Sprache abgelegt
habe. Soll heißen: Integration braucht einfach Zeit. „Ich bin dafür, dass die Leute ihre Sprache behalten“, sagt Rascha. Sie selbst spricht auch Arabisch und ist Mitglied im Verein Muslime aller Herkünfte, deutscher Identität, kurz M.A.H.D.I. Dieser will laut Eigendarstellung die Integration fördern, den Islam als friedliche, weltoffene Religion präsentieren und ausländischstämmige Jugendliche bei akademischen Abschlüssen unterstützen.
In diesem Semester hat auch Rascha ihr Jurastudium an der Potsdamer Universität angefangen. Sie möchte in die Diplomatie gehen. Zu den Vereinten Nationen oder ins Auswärtige Amt. Die weite Welt. Neukölln kann dafür eine gute Vorbereitung sein. Das Bevölkerungsgewirr mit mehr als 160 Ursprungsnationalitäten ist fast schon UN-ähnlich. Ihre Eltern kamen 1989 aus dem Libanon nach Berlin. Rascha ist die älteste von vier Schwes­tern, die fünfte ist unterwegs. Ihre Mutter arbeitet in Neukölln als Stadtteilmutter, sie berät in dem Pilotprojekt Frauen mit Migrationshintergrund in ozialen Fragen. Als Susanne Pozek, eine der beiden Leiterinnen des Route-44-Projektes, bei ihr nach Frauen für die Stadtteilführung anfragte, fiel der Mutter sofort ihre älteste Tochter ein. Die fand die Idee super. Raschas nächste Tour ist am 17. Januar.

Text: Erik Heier

Fotos: Jens Berger

www.route44-neukoelln.de


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