Stadtleben

Du bist Berlin: Renй Marik

Puppenspieler_Rene_MarikDass Rockbands über das Internet innerhalb kürzester Zeit berühmt werden, ist nichts Besonderes mehr. Bei einem Puppenspieler wie Renй Marik ist solch ein Internethype aber eine Ausnahme. Seit irgendjemand einen Clip von seinem Auftritt in der „Kurt-Krömer-Show“ auf YouTube gestellt hat, ist er praktisch über Nacht bekannt geworden. Anlass für die Begeisterung ist seine absurde Puppen-Comedy für Erwachsene, die minimalistischen Nonsens mit Gaga-Dada-Wortquatsch durchmischt und dabei hinreißend unfertig und verdammt lustig ist.

Die Hauptakteure: ein blinder Maulwurf mit eigentümlichem Sprachfehler, der eine Barbie-Rapunzel umwirbt, ein besserwissender Schauspieler-frosch namens Falkenhorst und der heftig berlinernde Eisbär Kalle vom Eisberg, den einst die Titanic rammte. Die Zahl der Clicks mancher von ihm später als „maulwurf1970“ selbst eingestellten Puppenclips auf YouTube liegen mittlerweile jenseits der Millionengrenze. Er wurde mit dem Prix Pantheon ausgezeichnet, und seine Live-Auftritte sind proppenvoll. Innerhalb kurzer Zeit spielte Marik, der bis vor einem halben Jahr gar kein Management hatte, sein Programm „Autschn! Ein Abend über die Liebe“ nicht mehr vor 30, sondern vor 300 hysterisch lachenden Leuten.

„Es ist ein Programm mit allem, was mir Spaß macht“, sagt er, während er an einem großen Küchentisch in seiner Friedrichshainer Wohnung sitzt. Das sind nicht nur die Puppennummern, sondern unter anderem auch schnulzige Bobby-Vinton- Gesangseinlagen und überaus witzige Rezitationen der unfreiwillig komischen Lyrik von Elsbeth Bel­lartz. Puppenspieler_Rene_Marik

Auf den großen Erfolg reagiert er nun mit einer Tour quer durch die Republik und der DVD „Autschn!„, die aber nicht nur abgefilmtes Kleinkunstprogramm ist. „Das wäre einfach stinklangweilig“, sagt der 38-Jährige. Deshalb sieht man auch die Puppen auf Tour, wie sie im alten Bus sitzen und aus ihrem Touralltag berichten. Den Regisseur der DVD kennt er noch aus Hausbesetzerzeiten, als er Mitte der 90er Jahre ursprünglich für ein Mathe­studium aus dem Westerwald nach Berlin kam. „Da war aber auch eine, die hat Puppenspiel studiert“, erinnert sich Marik. 1995 brach er Mathe ab, bewarb sich dann an der Schauspielschule „Ernst Busch“ und wurde angenommen für die Puppenspielerausbildung. Vier Jahre später hatte er sein Diplom.

Was seine Puppen anbelangt, hat Marik eine Vorliebe für das Unfertige, wenn aus Nichts ganz viel entsteht. Seine Puppen bezeichnet er als räudig. Sie sind ihm alle irgendwo begegnet: Der Maulwurf wurde von Kommilitonen gebastelt, der Frosch war früher einer von vier Kermits, mit denen er „Romeo und Julia“ nachgespielt hat. Der Eisbär kommt von einer Freundin. Die Putzlappen sind Putzlappen, und Barbie ist Barbie. Die Ideen dafür probiert Marik vor Publikum – wo sie dann entweder funktionieren oder nicht. Auch proben tut er nicht, und er schreibt auch nichts auf. „Man kann Hagekage und Rapante auch nicht aufschreiben“, sagt er. Den Sprachfehler hatte der Maulwurf schon vom ersten Moment an, als er ihn auf die Hand nahm.

Puppenspieler_Rene_MarikMit den Puppen ist er viele Jahre nur nebenbei aufgetreten – seit 2001 auch im „Quatsch Comedy Club„. Eigentlich hat er aber als Schauspieler gearbeitet. Zu seinen Stationen gehörten die Berliner Schaubühne und das Deutsche Theater. Danach folgten Engagements in Halle und Jena, wo er in einer – wie er sagt – „Chaos-WG“ mit dem Kabarettis­ten und Liedermacher Rainald Grebe lebte. „Rainald ist sehr bei sich mit dem, was er tut“, sagt Marik. Er bewundert, dass Grebe überhaupt nicht nach dem Popstar-Prinzip denkt.

Auch Marik wirkt so und nicht wie jemand, der den Erfolg erzwingen will. Nur um einen Fernseh­auftritt zu bekommen, würde er sich nicht reinreden lassen. „Man muss aufpassen, dass man nicht zur Nutte wird, wenn die etwa anfangen, einem Dia­loge umzuschreiben“, sagt er. Dass ihn mit den Puppen eines Tages vielleicht keiner mehr sehen will, macht ihm keine Angst. Marik sieht das eher pragmatisch: Wenn es keiner mehr sehen möchte, was er mit Frosch, Maulwurf und Co. macht, will er einfach wieder als Schauspieler arbeiten.


Text
: Sascha Rettig

Autschn! im Quatsch Comedy Club, Friedrichstraße 107, Mitte,
Mi 5.11. + Mo 10. bis Mi 12.11., 20 Uhr

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