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Du bist Berlin: Ruede Hagelstein – Der Clubpoet

RuedeHagelsteinWer sich mit einem DJ zum Gespräch verabredet, rechnet intuitiv mit einem Termin in der hinteren Tageshälfte. Nachtmenschen müssen schließlich auch mal schlafen. Ruede Hagelstein jedoch schlägt 11 Uhr vor, im „Kuchenkaiser“ am Oranienplatz. Dort sitzt der Mann mit Zehn-Tage-Bart und grauem Kapuzenpulli am Fenster und ist bestens gelaunt. Rührei mit Toast bestellt er, dazu eine Tasse Earl-Grey-Tee: solide Grundlagen für einen vollen Tag. Nachmittags geht sein Flieger nach Wien, abends wird er dort im Flex Club auflegen. Bis dahin will er sich noch bei den Kollegen einer Magazinredaktion verabschieden, wo er bis vor Kurzem die Party-Sparte betreute. „Ich hatte das mal angefangen, weil ich dachte: Was mach’ ich, wenn ich mal einen Tinnitus kriege? Wenn ich nicht mehr auflegen kann?“
Doch die Zeit reicht nicht mehr für den Nebenjob. Seit zehn Jahren im Party­geschäft, ist der 32-Jährige heute zu hundert Prozent mit dem DJ-Leben samt Reisen und Produzieren beschäftigt. Ruede Hagelstein ist ein bekannter Name in der deutschen und auch europäischen Clublandschaft, spätestens seit er im Watergate zu den Residents zählt. Geholfen haben ihm eigene Tracks, die zu Clubhits wurden: die Electro-Disco-Nummer mit dem glitschigen Titel „Sweaty Balls“ etwa oder „Emergency“ mit dem schön benebelten Ohrwurm-Chorus, den er mit Verzerreffekten singt.

„Wenn du keine Musik produzierst, bleibst du am Ende nur ‚Berliner DJ'“, sagt er, „wenn du eigene Sachen machst, nimmt man dich auch eher im Ausland wahr.“ Für den gebürtigen Rüdersdorfer sind die Zeiten vorbei, als er jede Anfrage, auch die obskureren, angenommen hat und sich zur Not drei Nächte am Stück um die Ohren schlug. „Am Anfang bleibt dir gar nichts anderes übrig“, erzählt er, „die Miete muss ja reinkommen.“ In seinen Wanderjahren hat Ruede, der im Pass Tobias heißt, neben Berlin auch oft das Umland abgeklappert, Rave-Partys in Mecklenburg oder Brandenburg beschallt – Begegnungen der dritten Art inklusive. „Es kam schon mal vor, dass mir irgendein Bodybuilder-Typ gegenüberstand und fragte: ‚Was willst du denn hier?‘. Oder dass Veranstalter nicht liquide waren, die irgendwo in der Pampa ein mega Line-up hingezimmert haben; dann regnete es ein bisschen, es kamen weniger Leute als geplant, und sie hatten kein Geld“, erinnert er sich. „Mit Anfang 20 hast du da einen anderen Enthusiasmus, da steckst du es auch leichter weg, wenn’s eine Scheißparty ist, wo nur Stiernacken rumstehen mit Stroh 80 in großen Bechern.“

In der Nähe, die in Berliner Clubs zwischen DJ und Feiernden normal ist, fühlt sich Hagelstein wohl. „Ich find’ es klasse, wenn alle um dich ’rum sind und wenn auch hinter dir Leute sind und tanzen. Ich tanze selber gerne, bin darüber überhaupt zum Techno gekommen. Ich kann sechs oder sieben Stunden lang durchtanzen – ohne Drogen!“ Ein Gesundheitsapostel unter den Auflegern sei er aber nicht gerade. „Ich versuche schon, möglichst nüchtern zu bleiben. Kiffen zum Beispiel geht gar nicht.“ Denn wer als DJ zu lahm ist, den bestraft das Nachtleben. Eine ruhige Gemütslage hebt sich der gelernte Tontechniker, der zurzeit an der TU in Philosophie eingeschrieben ist, für sein eigenes Studio auf. Hier hat er sein Debütalbum „Soft Pack“ aufgenommen, das die Tiefschwarz-Brüder Ali und Basti Schwarz auf ihrem Dance-Label Souvenir herausbringen.
Es ist kein Techno-Album.

Die Stücke sind mehr Songs als Tracks, verströmen mit leisen Gitarren und Bläsern eine intime Atmosphäre; Klangschnipsel wie Vogelgezwitscher, Straßenlärm oder ein Monolog durchs Telefon fügen sich zur großstädtischen Stimmungskollage, mit Hagelsteins warmen Gesangsmelodien als rotem Faden. Geschrieben hat er sie mit seinem Songpartner, dem kalifornischen Musiker und Videokünstler Justin Evans, der auch zu seiner Band The Noblettes gehört. „Techno ist nicht alles für mich“, sagt er, „es gab immer Zeiten, in denen ich davon abgekommen bin. Manchmal gehen mir Techno oder House auf die Nerven.“ Die Songs stellen Ruede Hagelstein & The Noblettes am 3. November im Watergate vor, anders als im üblichen DJ-Set-Format, nämlich um Mitternacht, bevor die eigentliche Party startet. „Man kann das Album als Widerstand bezeichnen“, sagt er und grinst, „Widerstand gegen die Clubgewalt!“

Text: Ulrike Rechel

Foto: Oliver Wolff

Ruede Hagelstein & The Noblettes: „Soft Pack“ (Souvenir)
Live: Watergate, Falckensteinstraße 49,
Kreuzberg, Do 3.11., 24 Uhr

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