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Du bist Berlin: Sarah Bitterling – Die Durchboxerin

Sarah BitterlingIhre Karriere als Ringrichterin begann Sarah Bitterling mit einem kleinen Fauxpas schon vor der ersten Runde. „Bevor es losgeht, musst du nicht nur den Kopfschutz und die Handschuhe kontrollieren“, erklärt sie, „sondern auch schauen, ob die Kämpfer ihren Tiefschutz tragen. Das macht man mit einem leichten Schlag“. Sie grinst: „Das Problem war, der eine hatte keinen an.“ Dieser unbeabsichtigte Tiefschlag war so ein Moment, auf den alle warten, die meinen, dass Frauen beim Boxen nichts zu suchen haben.
Aus der Ruhe bringen lässt sich die drahtige Erzieherin, die in einer Mädchenwohngruppe im Wedding arbeitet und Sozialarbeit studiert, durch so etwas nicht, denn sie ist Widerstand gewohnt. Seit sechs Jahren ist sie Berlins einzige amtierende Punkt- und Ringrichterin im Amateurboxen. Zwei Jahre hat sie davor selbst geboxt, dann die Ausbildung zur Punkt- und Ringrichterin beim Berliner Boxverband gemacht. Zusammen mit 20 Männern. „Aber am Ende hatte ich die beste Note.“

Sarah BitterlingBei 350 Kämpfen saß die gebürtige Weddingerin, die heute in Neukölln in der Pannierstraße lebt, seitdem am Punktrichtertisch. Rund 300 Mal bei den Männern, 50 Mal bei den Frauen. „Klar wird man beäugt, wenn man da immer als einzige Frau sitzt“, sagt sie, „aber mittlerweile bin ich akzeptiert“. Sie hat das, was man beim Boxen ein gutes Auge nennt, sieht Nuancen, behält den Überblick. „Meine Punktzettel sehen gut aus.“ Man glaubt das sofort. Alles am kleinen, drahtigen Körper der 31-Jährigen wirkt konzentriert. Sie spricht in klaren kurzen Sätzen.
Vor acht Jahren hat die 31-Jährige das Boxen für sich entdeckt. Davor einiges ausprobiert: Judo, Tennis, Feldhockey, Fußball und Akrobatik. Dann nahm sie eine Freundin an den Mariannenplatz in die Boxhalle mit. Und sofort wusste sie, das war das Richtige. „Ich hatte immer viel Energie übrig am Ende des Tages, wollte mich auspowern“, sagt sie. Und dann den vielleicht entscheidenden Satz: „Ich wollte etwas Untypisches machen.“ Damals galten Frauen im Ring noch als Exoten, wurden von den Machos in den Vereinen offen bekämpft oder milde belächelt. „Das war eine ganz andere Kiste als heute“, sagt Bitterling. Trotz der Profi-Boxerin Regina Halmich, die unter anderem 2001 Stefan Raab vor sieben Millionen Zuschauern vermöbelte. Oder vielleicht auch deshalb.
Seitdem entdecken immer mehr Frauen das Boxen als Fitness-Sportart. Als Kombination aus Eleganz, Kraft und Ausdauer. 2012 wird die Sportart auch für Frauen olympisch.

Sarah Bitterling„Da hat sich schon einiges verändert in den letzten Jahren“, sagt Sarah Bitterling, die ihren Teil dazu beiträgt. Als Trainerin des Kreuzberger Jugendprojekts „Boxgirls Berlin“ der FU-Professorin Heather Cameron bringt sie jungen Mädchen das Boxen bei. Dreimal in der Woche steht sie am Marheinekeplatz in der Halle. Demnächst fliegt sie mit dem Verein nach Kenia und Südafrika und trainiert dort Mädchen aus den Slums: „Boxen stärkt das Selbstbewusstsein“, sagt sie.
Ihre eigene Wettkampfkarriere ist dagegen noch ausbaufähig. Bisher steht nur ein Kampf auf ihrem Startausweis, und den hat sie nach Punkten verloren. „Die andere hatte schon ziemlich viele Kickboxerfahrung“, sagt sie, „aber ab und zu hab ich auch mal getroffen“. Sie lacht. Vielleicht kann man mit Niederlagen so umgehen, wenn man sich sonst ganz gut behauptet.
Wenig entspannt geht die Amateurboxerin nur mit erotischen Fotos der Profis um. Dass sich ausgerechnet die starken Frauen immer wieder mit Nacktaufnahmen ihrer Weiblichkeit versichern, findet sie befremdlich. „Unser Frauenbild ist nicht so sehr, dass man sich aufstylen muss, um Männern zu gefallen“, sagt sie, „trotzdem sehen wir selbst natürlich auch gern unheimlich gut aus. Vor allem taktisch und technisch“.
Für ihren nächsten Auftritt als Ringrichterin hat sich Sarah Bitterling für den Tiefschutz-Test übrigens etwas Neues einfallen lassen: „Das nächste Mal nehme ich dafür nicht meine Hand, sondern die des Boxers. Als Frau muss man da ein bisschen umdenken.“

Text: Björn Trautwein

Fotos: Benjamin Pritzkuleit

www.boxgirls.org 

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