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Du bist Berlin: Sebastian Krämer – Der Situationenwender

Sebastian_KraemerSo singt also Krämer. Sanfte Klavierakkorde, helle Schmeichelstimme. Das Lied heißt: „Wovon träumst du“. Er bei der Hausarbeit, ständig: Herd­abwischen, Fensterputzen, Rasenmähen. Sie auf dem Sofa, schlummernd. „Ich will in deinen Träumen bei dir sein.“ Bei so was landet anderswo schon mal Damenunterwäsche auf der Bühne. Dann aber eskaliert das Lied. Am Ende sie, immer noch schlafend, traumtief. Und er an der Dielenschleifmaschine, Startknopf bis zum Anschlag, seine Stimme taumelt grell in den Looping: „Kennst du eigentlich Freddy Krüger?“ Und Krämer hämmert auf die Tasten, mit beiden Handflächen, der reine Furor. Nichts mehr für heransegelnde Büstenhalter. Eher für Baldrianpillen.

Seit mehr als 15 Jahren bearbeitet der 34-Jährige, aus einem Dorf im ostwestfälischen Kalletal stammende Pianopoet die vielen kleinen Bühnen des Landes, 70 bis 80 Tage im Jahr ist er unterwegs, immerhin Friedrichshainer Familienvater mit zwei kleinen Söhnen. Wobei die Bühnen jetzt immer größer werden. Neulich bespielte Krämer mit seiner Revue „Krämer bei Nacht“ die Berliner Wühlmäuse, mit dem Mendelssohn-Kammerorchester Leipzig. Man erlebt ihn auch öfter im Fernsehen: „Nightwash“, „Ottis Schlachthof“, „Neues aus der Anstalt“, „Pro7 Quatsch Comedy Club“.
Dabei sieht Krämer auf den ersten Blick aus wie ein Vertreter beim Klinkenputzen. Anzug aus Überzeugung, Geschäftsbesorgungslächeln. Er trägt oft Krawatte. Die Eigenheiten aber liegen im Detail. Beim Schlipsknoten, mit zwei zusätzlichen Schlaufen. Oder bei den Manschettenknöpfen, Muttern und Schrauben aus dem Baumarkt.

Sebastian_KraemerSo ist es auch mit seinen Liedern und Sprechtexten. Der erste Blick weist meist in die falsche Richtung. Krämer wendet Lebenssituationen – das Wort „Alltag“ mag er nicht – mit mäandernden Assoziationen um, voller Wortlust an subtil he­ranschleichender Boshaftigkeit. Sicher ist vor ihm nichts und niemand. Nicht der U-Bahn-Musikant, der bitte vor der Fahrgastbeschallung erst mal üben soll. Nicht Deutschlehrer, die die Rechtschreibreform hätten verhindern sollen (sein Vater ist übrigens Studienrat und, nun ja, Deutschlehrer). Nicht einmal Bonn. Einer seiner besten Sprechtexte dekliniert grotesk durch, weshalb er ausgerechnet die Rheinstadt bombardieren würde – „wenn ich einer von den anderen wäre“.

Krämers beschreibt sein Schaffen so: „Es ist ja eigentlich ernsthaftes Liedgut. Bloß dass ich immer missverstanden werde.“ Dabei ist er nicht nur lyrisch virtuos. Seine präzise geordneten Akkorde wechseln ebenso oft die Richtung wie seine Poesie, kippen unerwartet von Dur in Moll. Sie ergeben immer Sinn. Seine Ehrungenliste ist lang. Deutscher Poetry-Slam-Preis 2001 und 2003, ers­ter Preis beim Bun­deswettbewerb Gesang, Sparte Chanson 2003, im vergangenen März Deutscher Kleinkunstpreis in der Sparte Musik/Lied/Chanson. Es gibt schlimmere Missverständnisse.

Sebastian_KraemerSchon als Schüler hatte Krämer Musicals für seine Klasse geschrieben. 1996 kam er für sein nie abgeschlossenes Studium nach Berlin. Musikwissenschaften, Germanistik, Philosophie. Er zog erst nach Schöneberg, unweit der Scheinbar, wo er bald oft auftrat. Vorher hatte er unter anderem in Freiburg Kabarett gespielt, war Mitglied der Friedberger Akademie für Poesie und Musik SAGO.
Seine Heimspiele trägt Krämer nun seit vier Jahren regelmäßig im Zebrano-Theater in Friedrichshain aus. Nur 70 Plätze, keine staatlichen Subventionen, aber viele Ambitionen, strikt literarisch und musikalisch. So steht er an jedem ers­ten Sonntag im Monat als Showmaster dem „Club Genie und Wahnsinn“ vor. Nächster Gast ist am 7. Februar die Jazzsängerin Mara Rot.
Sebastian Krämer hat selbst bereits ein halbes Dutzend CDs und eine DVD veröffentlicht. Jetzt will er mit einer Studioplatte noch stärker als Komponist auffallen: Swing, Chanson, Bossa Nova. Wie passt das zu seinen Texten? „Die Gefahr wäre, dass man belangloser werden müsste, damit die Musik stärker berücksichtigt wird“, sagt er. „Aber den Gefallen werde ich den Leuten nicht tun.“ So singt also Krämer.

Text: Erik Heier
Fotos: Judith Triebel

www.sebastiankraemer.de

 

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