Stadtleben

Du bist Berlin: Sigrid Kwella

DuBistBerlin_Christina_GoersEine gemütliche Wohnung in Steglitz, etwas abseits der städtebaulichen Katastrophe Schloßtraße. „Das ist hier vielleicht etwas spießig“, sagt Sigrid Kwella. „Dafür ist es ruhig und grün und nett.“ In Steglitz ist sie aufgewachsen. Ihre Mutter hatte während der Schwangerschaft Contergan eingenommen, das Schlaf- und Beruhigungsmittel des Pharmakonzerns Grünenthal. Allein in Deutschland wurden bis Anfang der sechziger Jahre etwa 5000 Kinder wie Sigrid Kwella mit verkürzten oder missgebildeten Gliedmaßen und Organschäden geboren. Für die deutsche Mehrheitsgesellschaft ein tragischer, aber eher historischer Fall, für die Leidtragenden eine alltägliche Auseinandersetzung mit Sinn und Sein. Der Contergan-geschädigte Filmemacher Niko von Glasow zeigt das in seinem Dokumentarfilm Nobody’s Perfect: Zwölf Betroffene aus Deutschland und England, für ein Akt-Kalender-Projekt versammelt, reden über sich und ihre Behinderung und skizzieren dabei Drama, Selbstverständnis und unterschiedlichste Lebensentwürfe. Sigrid Kwella ist auch dabei. „Ich bin, anders als der Regisseur, mit meiner Behinderung durch, das habe ich alles in meinen späten Teenie-Jahren für mich geklärt“, so Kwella. „Im Grunde, etwas unfreundlich formuliert, hat er uns dafür benutzt, seine eigene Behinderung aufzuarbeiten.“

DuBistBerlin_Christina_GoersTrotz kurzer Arme, trotz der Belastung, die auch banalste Tätigkeiten bedeuten – „wenn ich morgens aus dem Haus gehe, habe ich mindestens eine Stunde Fitnesstraining hinter mir“ –, engagiert sich Sigrid Kwella für andere. Acht Jahre lang hat sie ehrenamtlich bei Kassandra e.V. gegen sexuelle Gewalt an behinderten Frauen und Mädchen gearbeitet. Dann scheiterte das Projekt: Weder Berlin noch der Bund wollten den Verein weiter finanzieren, um EU-Gelder hat sich Kwella nicht bemüht. „Damit ist ein ungeheurer Antragswust verbunden, Beweisführungen, unglaubliche Papierarbeit“, sagt sie, zweifelt aber nicht an der Notwendigkeit des Projekts, denn die zuständigen Institutionen sind kaum auf die besonderen Bedürfnisse Behinderter eingerichtet. „Man erreicht behinderte Frauen nicht mit ausgelegten Flyern, man kann nicht darauf warten, dass die in eine Behörde kommen.“ Mindestens zwei Vollbeschäftigte wären nötig, so Kwella, um „Kontakte herzustellen und zu halten und ständig vor Ort präsent zu sein“.
Bürokratie ist ein ausgesprochenes Reizwort für Sigrid Kwella, in fast allen ihrer Lebensbereiche hört man den Amtsschimmel wiehern. Seit August arbeitet die ausgebildete Sozialpädagogin beim Jugendamt Spandau, auch da sieht sie die Lücken im System. „Es fehlt die Zeit für die nötige, auch prophylaktische, präventive Arbeit. Die Anweisung ist, um jeden Preis Geld zu sparen. Das Regelwerk ist schwierig, die Qualität der Arbeit leidet. Einige meiner Kollegen haben 70, 80 Fälle – wie soll man die richtig betreuen?“ Und Kwella kennt auch die andere Seite des Verwaltungsapparats. Endlos müsse man Anträge und Widersprüche formulieren, um etwas mehr Krankengymnastik zu bekommen, auch nötige Hilfsmittel wie Lesehilfen oder ein Auto gibt es nur nach langwierigem Papierkrieg. Ein Auto ist wichtig, sagt Sigrid Kwella, nicht nur wegen der Mobilität, sondern auch als „Schutzraum gegen Gewalt und für meinen persönlichen, seelischen Schutz“. Denn öffentliche Verkehrsmittel sind nicht nur gefährlich – „wenn ich nicht gleich einen Sitzplatz habe, stürze und rutsche ich durch den ganzen Wagen“ –, sondern auch unangenehm, weil man auch heute noch endlos unverblümt angestarrt werde.

DuBistBerlin_Christina_GoersVor zwölf Jahren hatte Sigrid Kwella ihr Coming-out, nach zwölf Jahren Ehe und zwei Kindern lebte sie fast acht Jahre mit einer Frau zusammen. Sind Frauen sensibler im Umgang mit Behinderten? „Das stimmt so leider nicht. In der lesbischen Szene ist die Diskriminierung nur subtiler, das geht einem dann aber auch näher.“ Kwella, die nicht nur malt und als DJ arbeitet, begeisterte Tangotänzerin ist und auch Kurse gibt, macht die Verlogenheit zu schaffen. „Die Frauen gehen nicht auf mich zu, weil ich nett aussehe oder einen netten Eindruck mache und die mich kennenlernen wollen, sondern weil es PC ist, sich mit behinderten Frauen zu beschäftigen.“ Und sie fügt an: „Inzwischen habe ich meine blinden Flecken, ich nehme bestimmte Sachen nicht mehr wahr, das könnte man sonst wahrscheinlich nicht alles ertragen.“

Text: Thomas Klein

zurück zur Übersicht 

Mehr über Cookies erfahren