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Du bist Berlin: Stephanie Quitterer – Die Kiez-Ethnologin

stephanie_quittererFür die meisten ist es eine albtraumhafte Zumutung, unangemeldet an einer fremden Wohnungstür zu klingeln, um sich zu einem Kaffeekränzchen bei Unbekannt einzuladen. Genau das ist für Stephanie Quitterer, eine Regieassistentin am Deutschen Theater in Eltern­zeit und inzwischen stets ausgerüstet mit Kaffee und selbst gebackenem Kuchen im Henkelkorb, seit diesem Sommer die tägliche Herausforderung. Neben zittrigen Händen und kaltem Schweiß war der Auftakt dieser anfänglichen Selbstüberwindungsaktion von der Erkenntnis begleitet, dass auch die freudige Ankündigung „Ich habe Schweineohren dabei!“ im Treppenhaus verhallen kann, ohne dass Türen aufgehen. „Deswegen war der Abschluss einer Wette genau der richtige psychologische Kniff gegen die eigene Schüchternheit“, erklärt die 28-Jährige. Zumal sich der eigene Mann mit „Dich lässt keiner rein“ als Zweifler outete. Doch die Neugier, hinter die Fassaden ihres Wohnviertels rund um die Winsstraße zu schauen, einer Gegend im „Spannungsfeld von Sauna-Aufzug-Südterrasse und Etagenklo“, wie Stephanie Quitterer es umreißt, siegt jeden Tag. Wettstand und Kaffeeklatsch dokumentiert Quitterer alias „Rotkapi“ in ihrem Weblog „Hausbesuchwins“.

Ihre erste Gastgeberin in der Immanuelkirchstraße, Silvia, Architekturpraktikantin aus Italien, bat die junge Mutter, deren Tochter bei vielen Küchentischgesprächen dabei ist, nach ersten Anlaufschwierigkeiten mit einem breiten Lächeln herein und verzehrte tapfer die leicht verunglückten Schweineohren. Seitdem drückte Stephanie Quitterer auf über 1.183 Klingelknöpfe und setzte sich an über 90 Tische. Dabei scheint die Faustregel, die für jede gute Party gilt, auch hier zu greifen: In der Küche quatscht es sich am besten. Die Kaffeekränzchen haben Stephanie Quitterer eine Gewichtszunahme von etwa zwei Kilo beschert. Und intime Einblicke in fremde Leben. Bis heute staunt sie, wie rasch sie am „magischen Küchentisch“ als fremde Freundin plötzlich dazugehört.

So hat sie auch Christoph kennengelernt, einen Stabsoffizier, der seit seiner Rückkehr aus Afghanistan an einer posttraumatischen Belastungsstörung leidet. Trotzdem sind es nicht nur diese eher ungewöhnlichen Begegnungen, die den Forscherdrang einer Frau anstacheln, die nach dem Abi in Brasilien Straßenkinder betreute und die ehrenamtlich bei der Telefonseelsorge arbeitet. „Ich finde es auch faszinierend, wenn jemand ganz besonders bürgerlich ist.“ Zwar gibt es Wohnungen, die samt ihren Bewohnern verschiedenen Klischees zu entsprechen scheinen. Trotzdem hat Stephanie Quitterer bei ihren Kaffeekränzchen die Erfahrung gemacht, dass man dem Phänomen Prenzlauer Berg nicht gerecht wird, indem man gut verdienende Spießbürger in ihren videoüberwachten Festungen abgehängten Alteinwohnern oder „Muttertrampeltieren“ gegenüberstellt. Festgestellt hat sie stattdessen, dass der erste Blick oft trügt. Denn auch der vermeintlich lässige Szenegänger gibt mitunter den Spießer und lässt Ruhestörungen mit dem Anruf bei der Polizei ahnden.

Als Stephanie Quitterer vor zwei Jahren zu ihrem Freund, einem Musiker, in die Immanuelkirchstraße zog, haderte sie anfangs mit dem Prenzlauer Berg und der Situation auf der Straße: „Einfach zu wenig Blickkontakt.“ In der gebürtigen Niederbayerin wuchs der Wunsch, den Hauptfeindbildern in ihrem neuen Kiez, „Yuppie“ und „Prenzlauer-Berg-Mutter“, nachzuspüren. Zumal sich die Regieassistentin, die vor ihrer Zeit am Deutschen Theater an der Berliner Schaubühne und am Maxim Gorki Theater gearbeitet hatte, als junge Mutter nun selbst in der weithin verachteten Rolle wiederfand.

Doch kann das Eintauchen in fremde Wohnungen nicht auch gefährlich werden? Tatsächlich war da einmal so eine Situation: Ein Mann, der nach ihrem Betreten die Wohnung verschloss und den Schlüssel abzog. Wie sich später jedoch herausstellte, handelte es sich nur eine harmlose Gewohnheit des Gastgebers, eines bei Hauskonzerten in einer Ritterrüstung auf einem Abflussrohr Didgeridoo spielenden Universalkünstlers.

Kaum weniger überraschend war Stephanie Quitterers unvermuteter Besuch in einem Swinger-Club, der sich hinter der 60. Tür befand. Bianca, die ihr die Türe öffnete und eigentlich Altenpflegerin ist, versicherte ihr, dass der Club dank der Herrenüberschussparties zum Wochenstart bestens laufe.

Wenn Stephanie Quitterer an den 16. Januar denkt – er markiert das Ende des Wettzeitraumes –, kommt bei ihr so etwas wie Wehmut auf. Die fremden Wohnungen und die unerwarteten Geschichten sind in ihrem Leben mittlerweile elementar geworden. Schon liebäugelt sie mit einer Fortsetzung der Küchentischgespräche.

Text: Katrin Falbe

Foto: Meike Gronau

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