Stadtleben

Du bist Berlin: Valerie Smith

Wenn Valerie Smith aus dem Fenster ihres winzigen Büros blickt, sieht sie die Spree und das rot-gelb gefärbte Laub der Bäume. Zum Amtssitz von Angela Merkel ist es nur ein Katzensprung, ab und an tuckert ein Ausflugsdampfer vorbei. Eine Herbstidylle, doch Idyllen sind momentan nicht ihr Thema. Smith interessiert, wie Künstler die Grenzen dessen, was möglich ist, ins Extrem treiben und so Wege finden, Neues zu schaffen. „Rational/Irrational“ heißt die Ausstellung, mit der sie sich in Berlin vorstellt. Smith war lange Chefkuratorin am Queens Museum of Art, dem New Yorker Pendant zum Haus der Kulturen der Welt (HKW). Über Austauschprogramme kam der Kontakt zustande, und der HKW-Intendant Bernd Scherer war so klug, sie im Mai dieses Jahres an sein Haus zu holen. Es tut Berlin gut, die Sicht von außen zu bekommen. Ihre Sicht.

Zu „Rational/Irrational“ hat Smith unter anderem die deutsche Konzeptkünstlerin Hanna Darboven eingeladen. „Ihr Werk ist sehr systematisch, formelhaft. Es ist geradezu besessen von der Frage, wie man Informationen präsentiert, und wenn etwas so extrem wird, schlägt es ins Gegenteil um.“ Ins Irrationale. Der polnische Künstler Pawel Althamer hat mit bewusstseinserweiternden Drogen experimentiert, um eine andere Ebene zu erreichen. Der Chilene Juan Downey, Pionier der Videokunst, lebte acht Monate lang mit einem Amazonasstamm, für den die reale und die spirituelle Welt keine getrennten Sphären, sondern ein Kontinuum sind.

Insgesamt sechs Künstler hat Valerie Smith versammelt, mit denen sie aus unterschiedlichen Blick-winkeln die Grenzüberschrei?tungen zwischen dem Rationalen und dem Irrationalen beleuchtet. Aber als definitive Aussage will sie ihre Auswahl nicht verstanden wissen. „Das ist ein Vorschlag.“ Es gibt immer Einschränkungen: fehlende Zeit, fehlendes Geld, manche Arbeiten bekommt sie nicht. „Man muss immer Kompromisse machen. Ich hatte als Kuratorin bislang bei jeder Ausstellung dieses Gefühl, dass es ein Vorschlag ist.“

Valerie-SmithNach dem Studium der Kunstgeschichte hat Smith kurze Zeit Kunstkritiken geschrieben, dadurch die zeitgenössische Kunst entdeckt und begonnen, als Kuratorin zu arbeiten. Alles, was sie sagt, ist auf der einen Seite sehr genau durchdacht, und auf der anderen Seite sehr offen für Neues – für die Idee der Künstler, für das, was sie täglich erlebt. Für ihre Art, Ausstellungen zu machen, bekam sie in Amerika mehrere Preise. Und eine Veränderung, eine programmatische Fokusverschiebung, hat sie in Berlin auch schon vorgenommen. „Wir werden weiterhin zeitgenössische Künstler aus der ganzen Welt zeigen. Aber wir wollen auch stärker den Anschluss an Berlin suchen. Was wir machen, soll mehr Relevanz bekommen für die Menschen, die hier leben. Und wir werden Künstler, die in Berlin arbeiten, mit einbeziehen.“ Diese Idee, betont sie, tragen die beiden anderen Bereichsleiter und der Intendant voll mit. In New York sei diese Verknüpfung zwischen der Stadt und einem Haus verschiedener Kulturen allerdings leichter gewesen, erzählt Valerie Smith, weil es dort große Künstler-Communitys mit unterschiedlichen kulturellen Hin?tergründen gibt: aus Mexiko, aus Indien, aus Südostasien. In Berlin fehle das. Und die größte Gruppe hier, die Berliner Türken, seien kulturell bislang noch überhaupt nicht eingebunden und würden auch nicht ernsthaft genug angesprochen.

Valerie-SmithBereits 1994 kam Valerie Smith für ein Jahr nach Berlin, ihr Mann, der bekannte Künstler Matt Mullican, hatte ein DAAD-Stipendium. Damals waren ihre Zwillinge gerade drei Monate alt. Smith ist viel durch die Stadt gelaufen und hat sich in Berlin verliebt. Einer der Gründe, warum sie mit Familie wiedergekommen ist. „Berlin hat sich total verändert“, sagt sie. Damals waren die früheren Ostbezirke leer. Heute sind im Prenzlauer Berg überall Cafйs und Läden. „Es ist viel internationaler, und viele junge Künstler ziehen hierher. Auch wenn Berlin, im Vergleich zu New York oder London, immer noch eine leere Stadt ist.“

Mindestens einmal pro Woche streift sie durch die Galerien, auch die kleinen in Neukölln und Wedding, und trifft sich mit Künstlern. „Hier ist viel Energie, das ist toll.“ Und, können wir mit unserer Kunstszene inzwischen mit New York mithalten? „Das ist noch ein langer Weg“, sagt Valerie Smith und lacht.

Text: Stefanie Dörre

Fotos: Jens Berger

Rational/Irrational Haus der Kulturen der Welt, John-Foster-Dulles-Allee 10, Tiergarten, 8.11.08-11.1.09, Di-So 12-20 Uhr

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