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Du bist Berlin: Volker Heise – Der Dokumentarist

Volker_HeiseVolker Heise sieht unglaublich müde aus, als er sich auf das Sofa fallen lässt, das bei Concept AV dankenswerterweise hinter den Schnittcomputern steht. Hier in der Gneisenaustraße wird seit einem Jahr an „24h Berlin“ gearbeitet, dem Mammutprojekt, das von Samstag bis Sonntag (5.9., 6 Uhr, bis 6.9., 6 Uhr) auf RBB und Arte gesendet wird. Dann kann man in Echtzeit miterleben, was rund 100 Protagonisten aus dem 5. September 2008 gemacht haben, vom Wachwerden über die Zeit bei der Arbeit, ihre Wege durch die Stadt bis zur Nacht und dem nächsten Tagesanbruch. Das Projekt, das Volker Heise und Zero One Film für das Fernsehen realisiert haben, sprengt jede Dimension: 80 Drehteams mit einem Regiestab, der sich wie ein Who’s Who der Berliner Dokumentarfilmszene liest, über 400 Mitarbeiter und am Ende vier Cutterteams für rund 750 Stunden Material, die nach Heises Vorgaben das 24-Stunden-Programm schnitten und mischten.

Im Augenblick sitzt Heise an einer 90-Minuten-Fassung, die eher zu einer 120-Minutenfassung wächst, wie der Regisseur mit ergebenem Lächeln zugibt. Die Zweistundenversion der Tagesdokumentation unterscheidet sich schon in der Konzeption vollkommen von der Langfassung. Die ist kein Film, sondern ein ganztägiges TV-Programm, wie Heise immer wieder betont, mit Programmblöcken, Jingles, Tricksequenzen, Nachrichtensplittern und Statistiken. Das Konzept war, eher impressionistisch zu arbeiten.“ Widersprüche und Brüche sind nicht nur erlaubt, sie sind gewollt, denn nur so lässt sich von der Stadt erzählen, „wo eigentlich keiner jemanden kennt und die Leute aneinander vorbeilaufen“. Das macht den Reiz der Großstadt aus, genau das hat den 1961 im niedersächsischen Hoya Geborenen in den 80ern zum Studium nach Berlin gezogen. Und das begeistert Volker Heise noch heute, wenn er den Stadtsoziologen Hartmut Häußermann zitiert, für den Stadt maximale Heterogenität auf minimalem Raum bedeute.Volker_Heise

So viel Theorie muss sein, um zu erklären, warum in „24h Berlin“ der Protagonist A auf dem Weg zur Arbeit nicht ausgerechnet in die U-Bahn steigt, die Protagonist B steuert. „Das hätte die Stadt zum Dorf gemacht, wo jeder jeden kennt.“ Die Milieus einer Großstadt mischen sich nicht, die Zehlendorfer bleiben genauso unter sich wie die Bewohner von Marzahn. Nur „Journalisten, Kammerjäger und Gerichtsvollzieher“ lernen bei ihrer Arbeit andere Milieus kennen. Seine Neugierde brachte Volker Heise nach dem Politikstudium zum Journalismus. Erste TV-Erfahrungen hatte er schon beim Studium als Kabelträger beim SFB sammeln können, einem wegen der guten Bezahlung bei Studenten beliebten Job, für den man lediglich Stehvermögen und eine gewisse Unempfindlichkeit gegenüber biederen Senderproduktionen mitbringen musste.

Nach dem Examen ging Heise dann beim linksalternativen Radio 100 auf Sendung. „Da hat man sich nach der Trial-and-Error-Methode selbst ausgebildet. Keiner hat einen gestoppt, man konnte den größten Unfug machen“, schwärmt Heise noch heute für den extrem unterfinanzierten Sender aus der Potsdamer Straße, für den das nötige Sendeband auch schon mal geklaut werden musste. Als er nach dieser Lehrzeit wieder zum SFB kam und sah, wie ein Kollege „Frischband, oh Frischband!“ (Heise) auf den Teller legte, bloß um Beiträge zu überspielen, die später in den Müll wanderten, war es um seine Fassung geschehen. „Da wär ich beinah gestorben.“ Fortan war er bei allen Modernisierungsschüben des ARD-Senders beteiligt, wie bei Radio 4 U, Fritz, Radioeins oder Inforadio. Nebenbei arbeitete er schon bei Zero One Film als Texter und Dramaturg mit dem Filmproduzenten Thomas Kufus Volker_Heisezusammen. 2002 wurde Heises Regiedebüt, die Doku-Soap „Schwarzwaldhaus 1902“, gleich mit dem Grimme-Preis ausgezeichnet. Seither sind neue dokumentarische Formate für das Fernsehen sein Spezialgebiet. Mit „24h Berlin“ ist jetzt ein gutes Stück medialer Grundlagenforschung hinzugekommen. Die Idee sei gewesen, „Was ist Fernsehen?“ zu fragen. „Der Fernseher steht da in der Ecke, man guckt rein, bleibt hängen, guckt morgens, mittags, abends“, begegnet vielleicht dem eigenen Leben. Das hinterließ Spuren. „Je länger ich das betrieben habe, desto deutlicher wurde mir, wie sehr ich doch in meiner kleinen Berlin-Welt lebe und Berlin aus dieser kleinen Welt heraus definiere – was einfach Unfug ist.“

Text: Nicolaus Schröder
Fotos: Jens Berger/tip

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