Stadtleben

Du bist Berlin: Yentz Köhler

Seit den frühen Achtzigern begleitete Yentz Köhler seine Freunde Farin, Bela und Hagen als T-Shirt-Verkäufer bei deren Konzerten. Und auch heute, 26 Jahre und einen Bassisten später, ist Yentz Köhler noch für die Fanartikel von Die Ärzte verantwortlich – wenn auch nicht mehr am T-Shirt-Stand. Als Geschäftsführer des deutschen Marktführers in Sachen Fanartikel, dem Merchandising-Unternehmen deutschrock, trägt er inzwischen die Verantwortung für 75 Angestellte und zehn Azubis. Zum Angebot gehören nicht mehr nur T-Shirts von Die Ärzte. Inzwischen existieren darüber hinaus rund 200.000 Artikel von 262 Bands. Sämtliche Major-Plattenlabels – Sony, EMI, Universal und Warner – haben Exklusiv-Verträge mit deutschrock. Dass all dies über die Jahre von der Öffentlichkeit weitgehend unbemerkt blieb, wundert Köhler nicht: „Dem Konsumenten ist egal, von wem die T-Shirts kommen. Solange die Qualität stimmt.“
Foto_von_Jens_BergerKöhlers Merchandising-Firma lief schon am Anfang bald so gut, dass andere Dinge im Leben des heute 42-Jährigen vorübergehend ins Stocken gerieten. Sein Politologiestudium hat er erst 1998 nach 22 Semestern erfolgreich abgeschlossen. „Politologie ist ja so ein Fach, bei dem man unter dem Verdacht steht, nur eingeschrieben zu sein, um Vergünstigungen wie verbilligten Eintritt in den Zoo zu bekommen“, sagt Köhler. Dabei hatte er schon früh eine Menge Uni-Scheine zusammen. Deren Prüfungsgültigkeit drohte mit den Jahren allerdings abzulaufen. „Da habe ich mich dann noch mal hingesetzt.“

Das Thema von Köhlers Abschlussarbeit lautete passenderweise „Jugendlebensstile und bedruckte T-Shirts“ und ließ sich am besten mit seinem Tagesgeschäft vereinbaren. Trotzdem war der nebenberufliche Aufwand für den akademischen Titel für ihn noch mal ein ziemlicher Spagat gewesen. Aufgeben sei aber nie in Frage gekommen. Es habe viel mit der Einstellung zum Leben zu tun, sagt Köhler, der in seiner Freizeit leidenschaftlich Ausdauersport betreibt. Beim Marathon steige man schließlich auch nicht bei Kilometer 30 aus.
Foto_von_Jens_Berger„Marathon kräftigt die Seele“, findet der Unternehmer. „Denn es gibt immer einen Punkt im Leben, an dem man sich fragt, höre ich jetzt auf oder beiße ich mich durch? Und wenn du dich durchbeißt, dann werden Endorphine ausgeschüttet, und du freust dich nachher umso mehr. Selbst wenn man nur einer von Zehntausend ist.“ Seit 1983 läuft Köhler Marathons. Den schnellsten bisher in unter dreieinhalb Stunden. Er weiß, dass es dabei nicht nur ums Ankommen geht, sondern vor allem auch darum, den Mut zu haben loszulaufen.

Wir hatten bei deutschrock nie einen Businessplan. Wir haben einfach losgelegt. Allein mit dem kaufmännischen Wissen, dass wir nicht mehr Geld ausgeben können, als wir einnehmen“, erinnert sich Köhler. „Als Die Ärzte nach ihrer Pause 1993 wieder zusammenkamen, haben die überlegt, wer sich im Freundeskreis für welche Arbeit anbieten würde. Dadurch, dass ich total unmusikalisch war, war man mit mir auf der sicheren Seite.

Bei mir stand fest, dass ich nie auf die Bühne drängen würde. Damals war es zwar nicht mein Ziel, ständig mit Textil- oder Baumwollpreisen zu hantieren“, lacht Köhler, „mittlerweile habe ich aber seit 15 Jahren damit zu tun.“

Text: Alex Fughoff
Fotos: Jens Berger

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