Stadtleben

Du bist voll drin

Am 28.11.1975 muss Christoph Schlingensief, 15 Jahre, in einem Schulaufsatz eine Frage beantworten: „Was erwarte ich von meinem künftigen Beruf?“ Der junge Mann weiß, was er will, und er macht sich keine Illusionen: „Der Regisseursberuf ist leider heute schon mehr oder weniger zu einem Konkurrenzkampf geworden. Wenn man heute im Regisseurgeschäft aufsteigen will, muss man schon Qualität beweisen.“ Aber weil der Schüler schon ein paar Super-8-Filme gedreht hat, weiß er auch, wie die Kunst die Menschen verändern kann: „Die Teamarbeit verschafft mir eine Gabe, die ich so, glaube ich, bis dahin noch nicht sehr gut kannte, nämlich die Rücksichtnahme. Zum Beispiel bei einigen Szenen konnte ich lernen, was es bedeutet, auf andere Rücksicht zu nehmen.“ Wenn schon Regie, dann richtig, findet der Gymnasiast: „Sicher werde ich nun in den Augen von ein paar als völlig verrückt angesehen, aber es stimmt, dass ich das Gefühl haben muss, voll gefordert zu werden. Wenn ich dies nicht spüre, so mache ich die ganze Filmerei ohne jede Lust.“ Hübsch ist auch das Ende des Schulaufsatzes: „Zum Schluss möchte ich hier aber schrei­­ben, was mir ein Regisseur namens Imhoof einmal sagte, als ich ihn fragte, wie man denn Regisseur würde. Er antwortete mir: Christoph, du bist schon voll drin, Regisseur zu werden.“

Dass wir diesen hellsichtigen Aufsatz des 15-Jährigen lesen dürfen, verdanken wir einem schönen Buch, dass Aino Laberenz aus Schlingensiefs Texten und Tonbandaufzeichnungen zusammengestellt hat: Von Oberhausen nach Afrika, vom Experimentalfilm zu Richard Wagner, vom Kino zum Theater zu „Tötet Helmut Kohl“.  Ein Buch wie eine Achterbahnfahrt durch Christoph Schlingensiefs Leben.  

Christoph Schlingensief: Ich weiß, ich war’s, Kiepenheuer & Witsch, 286 Seiten, 17,99 Euro.

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