Stadtleben

Easyjet

Dürfte sich die Geschäftsführung von Easyjet eine Stadt backen, käme recht wahrscheinlich Berlin dabei raus. Eine Stadt mit einem weit entfernten Airport, der nur wenig Gebühren kostet – zudem randvoll mit Menschen, die sehr reisefreudig sind, deren Kontostand sich aber diametral zu dieser Reiselust verhält. Ein ständiger Strom urbaner Nomaden, der sich via S-Bahn gen Schönefeld an den äußersten Rand der Stadt ergießt, der außer dem Flughafen, der zunehmend aus containerartigen Fertigelementen besteht, nur noch einen Flatrate-Puff zu bieten hat: Familien, die nach Sardinien oder Ibiza fliegen, Pärchen, die es nach Paris oder Barcelona zieht, Kunstfanatiker, die nach dem Art Forum gleich zur Londoner Frieze weitermüssen, Ost-Nostalgiker, die die Internet-Cafйs in Riga oder Tallin aufsuchen. Erstaunlich ist auch, wie viele Wähler der Grünen jedes Wochenende auf Stadttrips das Klima rui­nieren. Sie alle machen sich bereitwillig in den engen Reihen klein und am kleinsten, wenn sie nach der Landung klatschen, als wäre es nicht die verdammte Pflicht des Piloten, anständig anzukommen. So viel Dankbarkeit würde sich mancher BVG-Busfahrer wünschen. Schön auch, dass die meisten Easyjet-Stewards ähnlich schlecht fremde Sprachen sprechen wie der gemeine Berliner und gern fragen, ob man das Mineralwasser „mit Gas oder ohne Gas“ möchte. Man trifft sich über den Wolken auf Augenhöhe.

München ist Lufthansa, Hannover ist TUI, Berlin ist Easyjet. Keine andere Stadt profitiert so sehr von dem englischen Schnäppchenflieger wie Berlin. Gerade am Wochenende kommen Tausende Vergnügungssüchtiger aus ganz Europa hierher, die sich die Bierpreise in ihren heimatlichen Innenstädten nicht leisten können, sich hier aber in den zahlreichen Bars auf die billige Tour betrinken. Das Geld für ein Hotel kann man praktischerweise auch sparen, schließlich haben die meisten Kneipen so lange auf, bis der nächste orangefarbene Flieger nach Hause geht.

Auch die neue Anrede im Flugzeug muss sich das Easyjet-Mana­ge­ment eigens für Berlin ausgedacht haben – so schroff ist sie. Statt „Liebe Fluggäste“ heißt es kurz und knapp: „Fluggäste …“ Wer nach Berlin kommt, für den geht es unfreundlich weiter. Man möchte sich gar nicht vorstellen, wie es ist, als ausländischer Tourist dort zu landen, sich den Weg zur Regionalbahn suchen zu müssen, durch die dunkle Unterführung mit den gammeligen Frittenbuden zum Gleis zu gelangen, der aussieht, als verkehre hier noch die DDR-Bahn – nur, um dann festzustellen, dass sich der Zug nach Oranienburg, den man hier im zugigen Südosten der Stadt vollmundig zum „Airport-Express“ umlügt, 20 Minuten verspätet kommt.

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