Pride Week

Ehe gut, alles gut?

Während mit dem Beschluss zur „Ehe für alle“ ein Sieg für Homosexuelle errungen ist, hat der Kampf für trans* Menschen gerade erst begonnen. Zum diesjährigen CSD will die Community ihre Forderungen lautstark vorbringen

Parisa, Foto: Privat

Als am 30. Juni, um 9.11 Uhr, Konfetti über den Zaun vorm Bundeskanzleramt flatterte; als ein paar hundert Menschen, von Teenagern im Regenbogen-Cape bis hin zu Paaren über 50, stundenlang im Regen feierten; als im Bundestag die „Ehe für alle“ beschlossen wurde, begann für viele Menschen in Deutschland ein neues Leben. Nicht so für Parisa Madina. „Schwule Männer und lesbische Frauen können jetzt feiern”, sagt sie dem tip noch am gleichen Nachmittag. „Good for them. Mein Leben wird dadurch wenig verbessert.“

Während durch den Beschluss des Bundestages, die Ehe auch für homosexuelle Paare zu öffnen, für viele Menschen in Deutschland ein jahrzehntelanger Kampf endet, sehen sich andere noch immer mit Ablehnung und Hass konfrontiert. 83 Prozent der Deutschen befürworten die Ehe für alle, aber im selben Atemzug fänden es 41 Prozent unangenehm, wenn der eigene Sohn schwul wäre. So steht es in einer Studie der Antidiskriminierungsstelle des Bundes vom Januar 2017. Gleiche Chancen, gleich viel Respekt klingt anders. Schwerer noch als Lesben und Schwule haben es in Deutschland aber trans* Personen. Menschen, denen bei Geburt, psychisch betrachtet, das falsche Geschlecht zugewiesen wurde.
Auch Parisa Madina ist trans*. Vor zwei Jahren ist die heute 21-Jährige von Hannover nach Berlin gezogen. Parisa macht hauptberuflich Drag-Shows, dienstagabends sieht man sie in der Monster Ronson’s Karaoke Bar an der Warschauer Straße. Wenn man so will, ist sie eine Ausnahme – denn entgegen der landläufigen Meinung sind die meisten Drag-Performer*innen schwule Männer, keine trans* Menschen. „Diskriminierung ist Alltagsprogramm für queere Weiblichkeiten auf Berliner Straßen“, sagt Parisa. „Mir reicht’s! Ich hab keine Lust darauf – weil ich das schon mein ganzes Leben lang mitmache.“
Die Mär vom ach-so-toleranten Berlin, sie zerbricht meist schnell, wenn man mit trans* Menschen spricht. Queere trans* Menschen und Frauen würden in den Straßen Berlins genauso diskriminiert wie in Hannover. „Dass Berlin so liberal und offen sei – das können nur Menschen sagen, die keine Diskriminierung erfahren“, sagt Parisa. Auf einer Drag-Party sei sie letztens sehr unangenehm angefasst worden, ein Gast habe ihr sogar ins Gesicht geschlagen. Zu jeder Drag-Show fährt sie mit dem Taxi statt mit der U-Bahn. Das Risiko, mit hohen Schuhen und Make-Up auf die Straße zu gehen, ist zu hoch. An jeder Bahnstation, in jeder Straße werde sie eklig angemacht. „Im Wedding sind mir Menschen hinterhergelaufen, haben mich bespuckt, beworfen und bedroht“, sagt Parisa.
Trans-Diskriminierung gibt aber nicht nur an Orten, an denen man Intoleranz erwartet – sondern auch innerhalb der queeren Community. „Ich habe das Gefühl, die Diskriminierung hat in beiden Fällen den gleichen Kern“, sagt Parisa. „Weil es immer gegen Menschen geht, die mehr Angriffsfläche bieten als man selbst. Und meist geht es gegen Weiblichkeit.”

Vieles spricht dafür, dass gerade schwule Männer, die selbst Diskriminierung erfahren haben, diese Gewalt oft weitertragen. Eigentlich wünscht sich Parisa von der Community Respekt und Zusammenhalt – „weil man einen Schutzraum braucht“. Parisa bewahrt sich den Gedanken von Community als Utopie. Eine Utopie, an der auch sie mit ihren Performances mitarbeiten will. Zu viele Menschen seien an den Anblick von trans* Körpern nicht gewöhnt. In ihren Shows zeigt Parisa deshalb viel Haut, ist oft halbnackt. „Auch weil das für mich Therapie ist, um mit meinem Körper besser klarzukommen“, sagt sie.
Auf dem Berliner CSD, Deutschlands größter Demonstration für die Rechte von Queers, sieht man Performer*innen wie Parisa selten. Warum? „Beim CSD sind seit Jahrzehnten trans* Menschen dabei, müssen dort aber Forderungen hinterherlaufen, die sie gar nicht mit einschließen oder betreffen“, sagt Leo Yannick Wild, Journalist und Politikwissenschaftler, der beim Verein TransInterQueer als Experte für trans* Identitäten arbeitet. „Wer fühlt sich überhaupt eingeladen? Bleibe ich dort, wenn ich zum Beispiel feststelle, dass ich der einzige Mensch vor Ort bin, der schwarz und trans* ist, oder trans* und HIV-positiv? Es wäre schön, wenn nicht immer die einzige trans* Person im Raum ihre Anliegen vorbringen müsste, sondern auch Mitstreiter*innen das Wort für ihre Anliegen ergreifen.“
Und Parisa? Kritisiert, sie habe letztes Jahr auf dem CSD nur oberkörperfreie, weiße, schwule Männer gesehen. Und sich dabei unwohl gefühlt. Sie könne sich nicht daran erinnern, eine andere trans* Person als solche erkannt zu haben. „Alle entsprachen westlichen Körperidealen oder passen sich ihnen sehr gut an. Das war kein Ort, an dem ich mich glücklich gefühlt habe oder auch nur repräsentiert.“ Gerade weil Menschen, die sich nicht repräsentiert fühlen, nicht (mehr) zum CSD gehen, sind sie erst recht nicht präsent: ältere Leute, Menschen mit dunkler Hautfarbe; sogar Menschen, die sich nicht mit dem schwulen Regenbogenpartylook identifizieren können, wie man ihn von CSDs aus den Medien kennt.

Tatsächlich macht sich der CSD in seinen politischen Forderungen auch für trans* Identitäten stark. Den Veranstalter*innen des Queer Liberation March geht das jedoch nicht weit genug. Sie wollen deshalb eine Art Alternativ-Event zum großen CSD bieten. In ihrer Stellungnahme kritisieren sie, die Parade sei zur kommerziellen, viele Menschen ausschließenden Massenveranstaltung geworden. Mit einer Demo und einem Picknick – an dem alle teilnehmen können, die nicht durch die Straßen ziehen können oder mögen, wollen sie Menschen wie Parisa locken, die der große CSD skeptisch macht.
Was ist Parisas Wunsch für die Zukunft? „Ich wünsche mir die meiste Zeit, dass auch das, was ich bin, normal ist”, sagt sie. „Ich wünsche mir, dass die Gesellschaft auch mich und andere, die nicht so sind wie Menschen im Fernsehen, akzeptiert. Aber ich glaube, es dauert noch, bis es mal schön wird für uns, für mich.“ So lange eine trans* Identität vom Gesetz und von der Medizin als Krankheit verstanden wird, bleibt der Kampf für trans* Rechte ein akutes Bürgerrechtsthema unserer Zeit. Denn noch ist Parisas Würde jeden Tag aufs Neue antastbar.

Text: Stefan Hochgesand und Julia Lorenz

Berliner CSD 2017 Sa 22.7., Start: 12 Uhr, Kurfürstendamm, Höhe Joachimsthaler Str.

Queer Liberation March/ Picknick Sa 22.7., Demo-Route wird noch via Facebook bekanntgegeben, Picknick: ab 15 Uhr, Volkspark Hasenheide

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