Stadtleben

Ein Blick in zwei Berliner Sportclubs

karl grünbergUlf Fritzmann ist der Trainer und Besitzer vom Fenriz. Gerade geht er von Pärchen zu Pärchen, erklärt dabei, korrigiert Bewegungen. Dazu sagt er Sachen wie: „Die Verteidigung ist nur der kurze Übergang zum nächsten Angriff.“ Oder: „Ihr müsst immer kreativ sein, findet neue Lösung, wenn die alten nicht funktionieren.“ Fritzmann ist studierter Sportwissenschaftler und um die 40 Jahre alt. Er selbst bezeichnet sich als Pionier des MMA in Deutschland. Als Jugendlicher inspirierte ihn der Action-Film „Bloodsport“, ein Kultfilm unter Kampfsportlern mit Jean-Claude Van Damme. „Ich war fasziniert davon, was der Held in dem Film ausstrahlte: Gefährlichkeit und Macht, aber auch Disziplin, Größe und Charakterstärke“, sagt Fritzmann. Die Schlüsselfrage des blutigen Hau-drauf-Films – Wer ist der Stärkere, der Bessere, wer gewinnt? – beschäftigte ihn. Er begann Sportwissenschaften zu studieren, um den Körper und seine Reaktionen zu verstehen. Gleichzeitig ging er zum Thai-Boxen, um Treten, zum Boxen, um Schlagen, zum Ringen, um den Kampf am Boden, und zum Judo, um Werfen zu lernen. Daraus entwickelte er seinen eigenen MMA-Stil.

Der Fenriz-Chef kennt das schlechte Image von MMA: „Es ist ein harter Sport und zieht erstmal harte Jungs an. Solange die da sind, traut sich kein anderer zu kommen.“ Wenn es nach ihm ginge, dann würde MMA als ganz normaler Vollkontakt-Kampfsport akzeptiert werden. Gleichzeitig kritisiert er auch die Veranstalter verschiedener MMA-Kämpfe. „Wenn auf Plakaten mit Männern geworben wird, die sich prügeln, die tätowiert und brutal aussehen, soll das besonders viel Blutrünstigkeit suggerieren.“ Für Fritzmann hat MMA grundsätzlich nichts mit Gewalt auf der Straße zu tun. Die meisten seiner Schüler, sagt er, wollten ihre Emotionen kanalisieren, hätten das Bedürfnis nach der Bewegung des Körpers oder die Herausforderung in der Wettkampfsituation. „Denen kannst du zusehen, wie sie ruhiger und entspannter werden.“ Ein anderes Problem: Die rechtsextreme Szene versucht bei MMA-Kämpfen vor allem in Ostdeutschland immer wieder mitzumischen. Dem SPD-nahen Informationsportal „Blick nach rechts“ zufolge traten beispielsweise Anfang Februar bei der „Neubrandenburger Fightnight“ drei der rechten Szene zugehörige Kämpfer in den Ring. Zwei von ihnen posierten dabei mit nacktem Oberkörper für das offizielle Veranstaltungsplakat. Dabei sind Runen, die in Kameradschaftskreisen verwendet werden, deutlich zu erkennen.
Ulf Fritzmann weiß um die Schwierigkeiten mit der Neonazi-Szene in seinem Sport. Seine Antwort ist ebenso simpel wie eindeutig: Er hebt seine Fäuste, streckt beide Mittelfinger in die Höhe.

karl grünbergIn den USA sind MMA-Kämpfe längst zu einem millionenschweren Geschäft geworden. UFC machte 2010 einen Umsatz von 411 Millionen Dollar. Besonderes Merkmal des Branchenprimus ist der achtseitige Käfig, in dem die Kämpfe stattfinden. Der soll dafür sorgen, dass die Kämpfer nicht im Publikum landen, schafft aber gleichzeitig eine Atmosphäre von römischen Gladiatorenkämpfen. Derzeit beginnt das „Ultimate Fighting Championship“ dem amerikanischen Wrestling den Rang abzulaufen. Die Zuschauer wollen keine Show-Kämpfe mehr sehen, bei denen der Gewinner vorher feststeht, sondern „the real thing“, wie es Börsenkommentatoren formulierten. Szenenwechsel von Kreuzberg nach Weißensee: Auch im Boxtempel Berlin, wo der im Kesselhaus unterlegene Magamadov herkommt, wird Freefight unterrichtet. Der Chef des Kampf- und Kraftsportstudions, Ralf Hackradt, dirigiert an einer riesigen mit Boxhandschuhen ausgestatteten Pitbull-Statue vorbei hinein in eine düstere mit Teppich ausgelegten Halle. Der Schweißgeruch treibt Tränen in die Augen. Dann öffnet Hackradt eine weitere Tür und ruft: „Nicolae, hier will einer mit dir über deine Rambo-Klasse reden.“ 

In dem Raum liegen blaue Trainingsmatten auf dem Boden, die nackten Wände sind weiß getüncht, Boxsäcke hängen von der Decke, von den Fensterscheiben perlt das Kondenswasser. Ein CD-Player spielt zackige Arbeiterkampflieder. Nicolae Mirocinic ist hier der Trainer. Der 37-Jährige kommt aus Russland. Er hat kurze dunkle Haare und ein kantiges Gesicht. Sein Habitus strahlt Ruhe und Gelassenheit aus. Nur mit seinen Augen taxiert er ständig sein Gegenüber: Was will er von mir? Wo sind seine Schwächen? Wie kann ich ihn besiegen? Wenn Mirocinic mit einem seiner Schüler kämpft, sieht es aus, als ob sich ein Tiger an seine Beute anschleicht. Er lauert, er wartet ab, um dann blitzartig seinen Gegner anzuspringen und im Fallen komplizierte Hebeltechniken anzusetzen. Mit zwölf Jahren begann Mirocinic in der damaligen Sowjetunion, Kampfsport zu trainieren. „Die Schulen waren kostenlos, aber die Trainer sehr hart. Es ging nur darum, gute Kämpfer zu bringen, alles andere war egal“, sagt er. „Das versuche ich meinen Jungs beizubringen. Mein Training ist auch sehr hart. Neulinge schaffen das selten.“

karl grünbergWenn Mirocinic eine neue Technik erklärt, sind seine Anweisungen knapp und präzise. Die meisten seiner Schüler sind zwischen 20 und 30 Jahre alt. Die wenigen Worte, die sie miteinander wechseln, sind auf Russisch. „Für einen Kampf in Berlin gibt es heute um die 100 Euro“, erzählt Mirocinic. „Das ist nichts. Das reicht nicht mal für einen neuen Zahn. Für meine Jungs ist das zwar eine Erfahrung, aber ich würde für das Geld heute nicht mehr kämpfen.“ Die Tür geht auf und ein kleines Mädchen, vielleicht neun Jahre alt, stolziert in den Raum. „Meine Tochter“, sagt Mirocinic. Dann stürzt sich das Mädchen auf ihren Vater, ringt ihn zu Boden und setzt sich auf seinen Bauch. Mirocinic lächelt kurz und lässt sich dann besiegen. Seine Schüler üben gerade Würgegriffe. Obwohl Mirocinic nie Berufskämpfer war, ist der Kampfsport sein Leben. „Früher dachte ich, dass ich der Stärkste bin, der Mittelpunkt des Universums, absolut unverletzlich. Ich habe, ohne Rücksicht auf mich zu nehmen, Turniere gekämpft. Mit 30 kam zum ersten Mal die Angst, dass ich mich beim Kampf richtig verletzen könnte. Jetzt habe ich zwei Kinder, jetzt muss ich denken.“

Drei- bis viermal in der Woche trainiert er nun. „Ich kann nicht ohne den Kampf. Ich gebe meine Aggressivität in den Kampf. Wenn ich zwei Monate nicht kämpfe, werde ich aggressiv.“ Dann schweigt Mirocinic eine ganze Weile. „Wenn ich nicht mehr kämpfe, was bleibt dann?“, fragt er. „Die Kämpfer geben hier alles. Da draußen sind sie dann ganz ruhige Leute. Jemand, der sicher ist, dass er stark ist, will auf der Straße nicht mehr zeigen, dass er stark ist.“ Nach Deutschland kam Nicolae Mirocinic für die große Liebe. Er folgte seiner damals 17-jährigen Frau, die mit ihrer Familie nach Deutschland gegangen war. Das war Anfang der 90er-Jahre. Als er auf seinen eigentlichen Beruf zu sprechen kommt, lacht er nur. „Ich bin Goldschmied. Das hättest du nicht gedacht. Ein Kämpfer – und dann Goldschmied.“

Text/Foto: Karl Grünberg

* Name von der Redaktion geändert

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