Stadtleben

Ein Blick in zwei Berliner Sportclubs

karl grünbergWenn er den schwarzen Maschendraht-Käfig betritt und die Tür von außen mit eisernen Riegeln verschlossen wird, dann fühlt Timo* sich am Leben. Er fixiert prüfend seinen Gegner, dann hebt er seine Fäuste zur Begrüßung. Der Kampf kann beginnen.
Vorsichtig, langsam umkreisen sie sich, dann schlägt der eine zu, der andere fängt ab, tritt zurück. Sie verhaken sich ineinander, reißen sich gegenseitig zu Boden. Mit den Fäusten drischt der oben dem unten ins Gesicht. „Eigentlich ist es ja völlig beknackt, sich freiwillig auf die Birne schlagen zu lassen, aber ich spüre dann, dass ich nicht aus Glas bin“, wird Timo später sagen. „Ich habe ein paar blaue Flecken und ein bisschen Abschürfungen, aber ich bin am Leben.“ Noch kommen die Schläge nur mit halber Kraft. Denn das Ganze ist ein Training und kein richtiger Kampf. Die beiden schützen sich mit Mundschutz, Genitalschutz, leichten Handschuhen. Dennoch, dass die Lippe mal aufplatzt und es blutet, dass die Knie und Ellbogen aufgeschürft sind, dass der ganze Körper schmerzt, das gehört dazu. Drei Sparring-Runden später japsen Timo und sein Partner nach Luft und taumeln zur Tür. „Mach auf“, stöhnt der eine. „Wasser“, der andere.

Nach vier Stunden Training lehnt Timo völlig erschöpft an der Duschwand. Wasser prasselt auf seine Haut und spült den Schweiß runter. „Ich will kämpfen“, sagt er. „Mein erster Freefight-Kampf steht bald an.“ Jetzt kehrt die Energie in ihn zurück, die Erschöpfung fällt ab. Er richtet sich auf. 1,80 Meter groß, breite Schultern, muskulöser Körper, verschmitztes Lachen. „Da muss ich konzentriert sein, keine Partys, kein Alkohol, auf das Essen achten.“ Er meint es ernst. Seinen ersten Kampf sieht er als die absolute Herausforderung. Fast jeden Tag trainiert er dafür im Fenriz-Trainingszentrum in Kreuzberg. Treten, boxen, würgen, hebeln, werfen, fallen. Kampf im Stehen, Kampf auf dem Boden. „Das ist der anspruchsvollste und härteste Kampfsport, den es gibt“, sagt Timo, schaut dabei auf seine blauen Flecken: „Das ist normal.“ Freefight, das klingt modern und gefährlich, nach einem Kampf ohne Regeln, auf Leben und Tod. Der Ursprung von Freefight liegt jedoch rund 2600 Jahre zurück. Im Staub der Arenen von Olympia, im Schatten des Tempels von Zeus, der Austragungsstätte der antiken Olympischen Spiele, kämpften griechische Sportler das Pankration. Bei diesem „Allkampf“ – einer Mischung aus Boxen und Ringen – war nur Beißen und Augenausstechen verboten. Die Kämpfer attackierten sich so lange, bis einer kapitulierte oder tot am Boden lag.

karl grünbergHeute kommt Freefight dem antiken Pankration sehr nahe. Um den Gegner k.o. zu schlagen oder ihn durch Hebel und Würger zur Aufgabe zu zwingen, vermischen die Kämpfer verschiedene Kampsportarten. Deswegen heißt Freefight auch Mixed Martial Arts, kurz MMA. Richtig gekämpft wird beim „Fightclub International“. Es ist eine der wenigen Freefight-Veranstaltungen in Berlin. Ein Tag im April 2011: Im Kesselhaus der Kulturbrauerei liegen Anspannung und Schweißgeruch in der Luft. Ein Kampfring, etwa 200 Plastikstühle, 30 schwere Türsteher, ein Dutzend Kämpfer aus Deutschland und Osteuropa und ein überwiegend männliches Publikum, kräftig gebaut, tätowiert und kurze Haare – mehr braucht es nicht für eine typische Kampfarena inmitten von Berlin. Zwei Nummerngirls in knappen Hotpants und Bikini warten auf ihren Einsatz. Sanitäter stehen mit Rolltrage und Verbandskoffer in Bereitschaft. „Noch ist ja nichts passiert“, sagt einer. Jetzt kündigt der Ringsprecher den nächsten Kampf an. „Freefight, dreimal fünf Minuten.“

Ein Raunen geht durch die Menge. Am oberen Ende einer Metalltreppe tritt der erste Kämpfer ins Scheinwerferlicht, Ireneusz Ziolkowski heißt er, vom polnischen Berserkers Team. Sein Schädel ist glattrasiert, der Körper sehnig und durchtrainiert. Auf Armen, Beinen und Schultern prangen viele Tätowierungen. Immer wieder schlägt er im Takt der Musik mit seinen Fäusten in die Luft. Der Auftritt wirkt martialisch. Jetzt kommt auch der zweite Kämpfer in den Ring. Sehr jung sieht er aus, vielleicht 18 oder 19 Jahre alt. Der Moderator kündigt ihn als Kämpfer vom Boxtempel Berlin an, Islam Magamadov. Bevor der Ringrichter den Kampf eröffnet, kontrolliert er die dünnen Handschuhe und ermahnt die Kämpfer, sich an die Regeln zu halten. Auf dem Boden darf nicht gegen den Kopf getreten und nicht mit den Ellenbogen gegen den Kopf geschlagen werden. Die Beiden strecken sich zur Begrüßung ihre Fäuste entgegen. Dann schnellt der Tattoo-Kämpfer nach vorne. Mit Tritten und Schlägen treibt er den jungen Berliner in eine Ecke. Magamadov versucht zurückzuschlagen. Doch plötzlich springt der Mann vom Berserkers Team nach oben, umklammert mit seinen Beinen die Schulter und den Kopf des Berliners, lässt sich zu Boden fallen und hat dessen Arm in einem Hebel gefangen. Dieser schlägt mit der anderen Faust auf das Gesicht des Tattoo-Kämpfers ein. Doch der lässt nicht locker. Der Berliner taumelt durch den Ring, den Tattoo-Kämpfer am Arm. Dann hält er dem Druck nicht mehr stand und klopft den Kampf ab.

karl grünbergSofort geht der Ringrichter dazwischen. Ziolkowski steht auf und vollführt Freudensprünge. Magamadov ist sichtlich enttäuscht über seine Niederlage. Doch dann schlagen sich die beiden Kämpfer freundschaftlich auf die Schulter. Das Publikum hingegen murrt. Es gibt kaum Beifall. Der Kampf hat vielleicht eine Minute gedauert. „Es ist ja überhaupt nichts passiert“, zischelt eine Zuschauerin. In Deutschland leidet Freefighting schon länger unter einem schlechten Ruf. Aber nachdem 2009 das millionenschwere amerikanische MMA-Unternehmen „Ultimate Fighting Championship (UFC)“ begann, die ersten Kämpfe in Köln zu veranstalten, geriet MMA in Deutschland immer stärker auch unter politischen Druck. Brutal sei der Kampfsport, dumm wären die Kämpfer. So hieß es dann. Kritisiert wird vor allem die Zurschaustellung von Gewalt rund um die öffentlichen Publikumskämpfe. Im November 2009 sprach der Deutsche Olympische Sportbund MMA die Einordnung als Sportart aufgrund der „Pervertierung der sportimmanenten Werte“ ab. In Reaktion auf geplante Käfig-Kämpfe in Berlin nannte Ende 2009 der Berliner Innensenator Ehrhart Körting (SPD) MMA-Kämpfe eine „Inszenierung der Gewalt“. Am 18. März 2010 verbot der Fernsehausschuss der Bayerischen Landeszentrale für neue Medien die Übertragung von MMA-Kämpfen im Sportsender DSF. Bestätigt wurde dieses Verbot vom Bundesverfassungsgericht im Dezember 2010. Immer wieder versuchen Städte, geplante Kampfveranstaltungen zu untersagen, wie zuletzt im März 2011 in Gießen.

In Berlin gibt es nur eine Handvoll Sportclubs, die sich auf das MMA-Training konzentrieren. Einer davon ist eben das Fenriz-Trainingszentrum in Kreuzberg, wo sich Timo auf seinen ersten Kampf vorbereitet. Im zweiten Stock einer lichtdurchfluteten ehemaligen Fabrikhalle schwitzen an diesem Tag neun Männer und eine Frau beim Training. Bodenkampf ist angesagt, paarweise. Zwei jeweils um die 100 Kilo schwere Jungs liegen dabei aufeinander, Bauch an Bauch, Beine und Arme in einander verkeilt. Die, die unten liegen, versuchen sich mit heftigen Beckenbewegungen zu befreien und gleichzeitig ihre Gesichter vor den angedeuteten Schlägen zu schützen. Der Schweiß läuft in Strömen.

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