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Ein Gespräch über das Menschen Museum in Mitte

Angelina Whalley und Gunther von Hagens

Keine Spur von Sensationslust. Konzentration ist an diesem Donnerstagvormittag die vorherrschende Stimmung im neu eröffneten Menschen Museum. Ganz ruhig sehen sich die Besucher längs aufgeschnittene Oberschenkelknochen und plastinierte Lungen an. Universitäten sind die Hauptkunden des Heidelberger Instituts für Plastination, das Angelina Whalley leitet. Es stellt die besten Plastinate der Welt her, zum Studium für angehende Ärzte. Whalley hat das Menschen Museum konzipiert. Ihren Willen zur Aufklärung spürt man, aber auch den zur Philosophie. Es geht um Anatomie ebenso wie um Gesundheit und das Streben nach Glück.
Angelina Whalley ist mit Gunther von Hagens verheiratet, dem Mann, der mit seiner Forschung nicht nur die Plastination, sondern auch die Möglichkeiten des Menschen, ein Bild von sich selbst zu gewinnen, revolutioniert hat. Im Menschen Museum sind auch seine Ganzkörperplastinate wie „Der Ringturner“ und „Paar in Umarmung“ zu sehen. Ob man sich das anschaut oder nicht, sollte der mündige Mensch selbst entscheiden dürfen.

tip Der Bezirk Mitte wollte die Eröffnung des Menschen Museums verbieten mit der Begründung, Sie würden Leichen ausstellen, die unter das Bestattungsgesetz fielen. Warum sagen Sie, dass Plastinate keine Leichen sind?
Angelina Whalley?Ein Leichnam hat bestimmte Qualitäten. Ein Leichnam verwest. Ein Leichnam ist für eine Bestattung vorgesehen. Ein Leichnam ist ein Individuum, hat noch die gesamten persönlichen Eigenschaften eines lebenden Menschen. Diese Dinge treffen auf die Plastinate nicht zu, diese sind entindividualisiert. Das heißt, es ist nicht nachvollziehbar, welches Individuum dahintersteckt. Ein Plastinat hat nach unserer Ansicht eher die Qualitäten eines Skeletts. Skelette sind nach den bestehenden Gesetzen nicht bestattungspflichtig. Sie sind dauerhaft konserviert und sie werden für wissenschaftliche Zwecke verwendet.
Gunther von Hagens?Ein Plastinat ist nicht mehr ein Objekt der Trauer, sondern ein Objekt der Aufklärung.

Menschen Museumtip Warum haben Sie mit dem Menschen Museum nun eine dauerhafte „Körperwelten“-Ausstellung geschaffen?
Angelina Whalley?Uns ist es wichtig, den Menschen die Möglichkeit zu eröffnen, jederzeit ihre eigene Leiblichkeit anzuschauen. Es gibt zwar heute eine Vielzahl von Animationen, bildgebenden Verfahren und 3D-Modellen. Aber Sie können auch nicht den Wald begreifen, indem Sie sich Bilder anschauen. Das echte Exponat hat eine völlig anders­geartete Erlebnistiefe. Und es ist diese Erlebnistiefe, die den Betrachter anhält, über sich selbst nachzudenken.
Gunther von Hagens?Alle bisherigen Museen zeigen den Menschen selbst nicht. Warum? Es ist so, dass wir in unserem sozialen Leben eingetrichtert bekommen, der Körper sei innen drin eklig, nicht sauber. Es wird uns verboten, den Finger in die Nase und die Ohren zu stecken. Man kann kein Blut sehen, da fließen Horrorgeschichten mit ein. Deshalb kommen die Kritiker mit der Erwartung hierher, jetzt kann man endlich Leichen sehen. Aber sie werden in der Ausstellung immer ruhiger. Wir zähmen dieses Interesse und transformieren es in ein eigenes Erlebnis. Und das ist die menschliche Hochachtung vor sich selbst. Das war auch der Grund für mich, so stark auf Ästhetik zu achten.

tip „Körperwelten“-Plastinate sind in vielen Ländern unterwegs. Gibt es unterschiedliche Erfahrungen in unterschiedlichen Kulturen?
Angelina Whalley?Die „Körperwelten“ touren schon seit 1995. Wir waren in sehr unterschiedlichen Ländern unterwegs, in Japan, Taiwan, Korea, Südafrika, USA, Mexiko, und es war bestechend zu beobachten, dass die Reaktionen der Menschen in der Ausstellung überwiegend gleich waren: Die Menschen sind in sich gekehrt und man hat das Gefühl, dass sie sich in ganz besonderer Weise nahekommen. Was unterschiedlich war, das war die öffentliche Wahrnehmung. Die heftige Kontroverse, die in Deutschland jahrelang grassierte, gab es in keinem anderen Land.

tip Woran könnte das liegen?
Angelina Whalley?Das mag an der deutschen Geschichte liegen. Die Menschen sind, zu Recht, sehr sensitiv, wenn sie erfahren, dass menschliches Gewebe – für welche Zwecke auch immer – verwendet werden.

tip Was sind die Motivationen der Körperspender?
Angelina Whalley?Sehr viele Körperspender entscheiden sich, nachdem sie die Ausstellung gesehen haben, aus dem Gefühl heraus, dass es etwas Großartiges ist und man damit den nächsten Generationen etwas geben kann. Viele sagen, dass sie persönlich für medizinische Hilfe schon sehr dankbar waren. Und andere sind einfach begeistert von der Idee, dass man diese Welt nicht sogleich ganz verlassen muss, sondern sich so eine kleine Unsterblichkeit erwirbt.

Interview: Stefanie Dörre

Fotos: Harry Schnitger

Menschen Museum, Panoramastraße 1?a (Sockelgebäude Fernsehturm), ?Mitte, Mo–Fr 9–19 Uhr, Sa+So 10–19 Uhr

?www.memu.berlin

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