Stadtleben

Ein Plädoyer für den Verzicht

im alter von ellenVor zwei Jahren schrieb der ehemalige Beatle Paul McCartney einen Brief an den Dalai Lama. Er bat die höchste Autorität des tibetischen Buddhismus in aller Höflichkeit da­rum, künftig kein Fleisch mehr zu essen. Die Tötung und der Verzehr von Tieren vertrage sich nicht mit dem Ideal der Gewaltlosigkeit, auf das die Buddhisten auch deswegen verwiesen sind, weil sie an die Wiedergeburt glauben – bei schlechtem Karma steht ein Abstieg auf der Reinkarnationsleiter in Aussicht. Der Dalai Lama gab eine recht trockene Antwort: Seine Ärzte hätten ihm empfohlen, Fleisch zu essen. Damit hätte es eigentlich sein Bewenden haben können – wenn nicht Paul McCartney wenig später in einer amerikanischen Talkshow noch einmal nachgelegt hätte: „Im Notfall würde der Dalai Lama vielleicht mich essen“, sagte er auf eine provokante Frage des Journalisten Stephen Colbert. Dass jemand den beliebtesten geistlichen Würdenträger dieses Planeten mit Kannibalismus assoziieren kann, zeugt davon, wie ernst viele Menschen, die kein Fleisch mehr essen, ihren Entschluss nehmen. Selten bleibt es bei einer individuellen Entscheidung. Häufig wird danach auch missioniert. Und dabei sind die Argumente und die rhetorischen Tricks immer wieder handfest.

So bezeichnete zum Beispiel Elizabeth Costello, eine Figur des südafrikanischen Literaturnobelpreisträgers J. M. Coetzee, in dem Buch „Das Leben der Tiere“ die Schlachthöfe als „ein System der Entwürdigung, der Grausamkeit und des Tötens, das sich mit allem messen kann, wozu das Dritte Reich fähig war“. Und Hans Wollschläger, der vor drei Jahren verstorbene bekannteste intellektuelle Vegetarier Deutschlands, sprach von dem „Potenzial Mengele“, das sich im Verzehr von Fleisch zu erkennen gebe. Diese schweren argumentativen Geschütze bilden den Hintergrund für eine ganze Reihe von neueren Plädoyers für ein Leben im Einklang mit den verwandten Kreaturen. Das sehr erfolgreiche Buch von Jonathan Safran Foer „Tiere essen“ vereint moralische und politische Reflexion mit dem Lebenshorizont eines New Yorker Hipsters. Bei Karen Duve kehren in „Anständig Essen“ klassische Aussteigermodelle auf eine reflektiertere Weise wieder. Und selbst der häufig als Spinner belächelte Prinz Charles träumt von einer Harmonie des Lebens auf dem Planeten Erde, in der es zwar nicht immer auf konsequenten Vegetarismus ankommt, aber auf jeden Fall auf eine würdevolle Tierexistenz (die anschließend auch den viel besseren Braten ergibt). Prominente leben uns vor, wie das richtige Leben aussehen könnte oder sollte. Und sie steigern ihre Beliebtheit noch um den Faktor des guten Gewissens.

In allen genannten Beispielen kommen viele unterschiedliche Motive zusammen, die sich aber doch auf ein sehr zeitgemäßes Anliegen verdichten lassen: Es geht darum, Grenzen zu ziehen. Unser ganzes Leben besteht inzwischen zu einem nicht geringen Teil daraus, dass wir uns einerseits abgrenzen und andererseits Bereiche eingrenzen, mit denen wir uns identifizieren. In den digitalen Netzwerken bilden wir persönliche Zonen und hoffen darauf, dass diese nicht in ihrer Substanz dann doch technisch „ausgelesen“ werden. Gegen die alles erfassende Dynamik der Globalisierung versucht nicht nur Thilo Sarrazin, Grenzen des Überschaubaren zu ziehen. Gegen das überwältigende Produktangebot und den entsprechenden Werbedruck versuchen wir uns durch Prinzipien der durchdachten Wahl zu immunisieren – das „bewusste Konsumieren“ („conscious consumerism“) gilt als eine letzte Chance für die Freiheit im Warenkapitalismus. Wer sich also dafür entscheidet, kein Fleisch mehr zu essen, zieht auch eine Grenze – und löscht zugleich eine andere aus. Denn selbst der Dalai Lama geht ja noch davon aus, dass die Tiere zu der anderen Welt der Ressourcen gehören, die den Menschen zur Verfügung stehen. Um dieses besondere Phänomen geistigen Lebens auf einem peripheren Planeten im endlosen Weltall noch ein wenig weiterzuführen, werden Tiere als Nahrung benötigt. Vegetarier, Veganer, Pes­cetarier, Ovo-Lacto-Vegetarier sehen diese hingegen als nahe Verwandte. Sie machen an der industriellen Verarbeitung der Tiere oft die grundsätzlichen Entfremdungsphänomene fest, von denen unser Leben geprägt ist. Vor allem die epochale Industrialisierung hat dazu geführt, dass nun mit dem Klimawandel das Leben auf der Erde insgesamt in Gefahr geraten kann.

Der Verzicht auf Fleisch ist also mehr als nur eine Veränderung der persönlichen Lebensweise. Er stellt eine Intervention dar, eine Grenzziehung gegen all die objektivierenden Mächte, mit denen wir es täglich zu tun haben, und die uns zum Beispiel Fleisch im Supermarkt so steril und abstrakt präsentieren, dass niemand mehr an das dafür getötete Tier denken muss. Was häufig im politischen Bereich als Ohnmacht erlebt wird, äußert sich im ethischen Bereich als Macht. Zumindest über einen meistens sehr schwer reformierbaren Bereich glauben wir, gebieten zu können: das individuelle Genießen. Und wie bei allen Grenzziehungen gibt es auch hier die entsprechenden Streitigkeiten gleich hinterher: Denn vielen Veganern sind die herkömmlichen Vegetarier schon nicht mehr radikal genug. In dem Film „Im Alter von Ellen“ von Pia Marais, der im Januar in die Kinos kommt, taucht Julia Hummer in einer Gruppe von Tierschützern auf, die sich als eine neue Art revolutionärer Zelle verstehen. Ihre Sabotage-Aktionen sollen für Aufsehen sorgen, aber auch den sorglosen Konsum stören. Sie rühren damit an eine Grenze, vor der die meisten Vegetarier aus guten Gründen zurückscheuen würden: Ethik wird militant und verwandelt sich in eine politische Religion. Und das bringt Polarisierungen mit sich, an die Paul McCartney mit seinen starken Worten sicher nicht gedacht hat.

Text: Bert Rebhandl

Foto: Real Fiction Filme

Mehr über Cookies erfahren