Stadtleben

Ein Sonntagnachmittag im Zoo

Eisbaer-Wolodja-neu-im-Tierpark-BerlinEs ist Sonntagnachmittag im Berliner Zoo, und der Eisbär steckt im Spalt. Die Hinterseite zeigt er dem Publikum, was er aber mit der Schnauze, den Vorderläufen, generell mit sich selbst macht, das bleibt im Dunkeln. Denn der Eisbär hat sich zur Hälfte in eine der Felsöffnungen zurückgezogen, die seinen Lebensraum begrenzen. Er will wohl mit der Welt nichts zu tun haben, jedenfalls für den Moment. Und wer möchte es ihm verdenken? Von den vielen Kreaturen, die aus aller Welt hierher verfrachtet wurden, um sich bestaunen zu lassen, hat es der Eisbär an so einem Sonntag im Mai besonders schwer. Würde man zumindest meinen, während die Sonne freundlich grüßt und jeden Gedanken an die langen Berliner Polarnächte verscheucht.

Doch vielleicht will der Eisbär ja gar nicht gegen den Klimawandel protestieren, den man ihm auferlegt hat. Vielleicht legt er einfach nur Wert auf ein bisschen Privatsphäre. Damit berührt er natürlich das zentrale Thema im Zoo. Denn die Unterbringung von 1?044 Säugetieren in 169 Formen (Stand Ende 2013) soll ja verschiedenen Interessen genügen: Wir wollen die Tiere sehen, wir würden sie aber gern so sehen, wie sie sind, wenn wir nicht hinsehen. Das geht natürlich nicht. Schon bei den Löwen bemerke ich an diesem Sonntag, an dem ich mir vorgenommen habe, mir den Zoo einmal als Institution anzuschauen, dass es sich auch hier ein wenig so verhält wie mit dem lieben Nachbarn. Die meisten Tiere wohnen nämlich relativ bürgerlich: mit Haus und Garten.

Allerdings leben sie darin anders. Denn bei ihnen ist der Garten die Privatsphäre, während zum Beispiel die Löwen und die Tiger beim Essen immer Besuch haben. Die Gitter, hinter denen Rilke in seinem berühmten Gedicht den Panther hin- und hertigern sah, gibt es nur im Wohnzimmer. Draußen sorgen quasi natürliche Barrieren für den nötigen Abstand. Unwillkürlich überlege ich mir, wie das aussehen würde, wenn ein Tapir versuchen würde, über den Wassergraben zu springen.

Bei den Tigern gibt es zusätzlich einen Spezialeffekt: ein Sichtfenster, das sich direkt auf einen Platz im Gehege öffnet, an dem die Katzen vermutlich gerne dösen. Heute haben sie gerade gegessen, deswegen machen sie noch einen kleinen Verdauungsspaziergang, der sie aber immer wieder bis auf wenige Zentimeter an die gaffende Menge heranführt. Ich frage den Tierpfleger, der sie gerade wieder ins Freie gelassen hat, ob das Fenster verspiegelt ist. Er verneint. Den Tigern ist es vermutlich auch egal, was wir hinter der Scheibe so tun. Oder egal geworden.
Vor ein paar Wochen hat An­dreas Knieriem, der neue Direktor der Berliner Tiergärten (der in Friedrichsfelde heißt offiziell „Tierpark“, der in Charlottenburg ist der „Zoo“), sein Amt angetreten.

Er hat sich dabei nicht erst mit diplomatischen Floskeln aufgehalten, sondern erkennen lassen, dass es viel zu tun gibt. Das Raubtierhaus hat er als „Sündenfall“ bezeichnet. Tatsächlich ist der Anblick eines Königs der Tiere, der mürrisch an einem Knochen nagt und zwischendurch pflichtschuldig einmal ein Brüllen vernehmen lässt, ein perfekter Beweis dafür, dass Natur und Kultur sich nicht einfach zusammenlegen lassen. Man kann endlos darüber streiten, welche Beschäftigungstherapien den Tieren in ihren Käfigen geboten werden müssen; das war in etwa die Ebene, auf der sich die vielen Kritiker mit dem Vorgänger von Knieriem, Bernhard Blaszkiewitz, herumschlugen. Doch an dem zentralen Faktum, dass es sich um ein begehbares Gefängnis handelt, ändert sich auch nichts, wenn die Affen mehr Spielzeug bekommen.

Während ich zu den Flusspferden spaziere, schnappe ich ein paar typische Bemerkungen auf. „Wo sind se denn nun, die Viecher?“, piesackt ein Mann seine Begleiterin. Wie mag dieser Satz wohl auf Russisch lauten? Das ist die Sprache, die an diesem Sonntag neben dem Berliner Idiom am häufigsten zu hören ist. Gut drei Millionen Besucher kommen jährlich in den Zoo, der aufgrund seiner Geschichte und seiner besonderen Architektur regelmäßig in den einschlägigen Top-Ten-Listen auftaucht. Die Spaziergänger im Bestiarium scheinen sich keine großen Gedanken darüber zu machen, dass ihre Frage nach dem Verbleib der Tiere gleichsam die Scheuerstelle des Tiergärtnerischen berührt.

Dass ich dann bei den Flusspferden am längsten bleibe, hat mit einer der interessantesten Lösungen für dieses Problem zu tun. In diesem Haus gibt es nämlich großes Kino. Die Leinwand besteht dabei aus Panzerglas, dahinter steht das Wasser eineinhalb Meter hoch. Und im Wasser tummeln sich die flinken Viecher, dass es eine Lust ist. Das Geheimnis dieser Inszenierung ist, dass man ganz nahe dran ist – und doch auf sicherer Distanz. Das geht eben nur mit einer Glasscheibe, die in diesem Fall zwei Elemente voneinander trennt, die im Zoo generell unterschieden werden. Zur Hälfte bewegen sich die Flusspferde in einem Aquarium, zur anderen Hälfte strecken sie die Nüstern in die Luft, die auch wir atmen.

Den Ausgang nehme ich wie immer durch das eigentliche Aquarium, für das extra Eintritt zu bezahlen ist. Hier sehe ich eine Weile den Schlangen beim Nichtstun zu. Das Panzerglas macht sich in diesem Fall besonders bezahlt, denn es markiert nicht nur eine sichere Schwelle zwischen mir und der Python, sondern auch eine zwischen meinem Unbewussten und dem, was daraus an vager Furcht vor dem „Natterngezücht“ selbst an einem schönen Sonntagnachmittag noch hervorlugt. Das eine oder andere schaurige Märchen der Kindheit wirkt da überraschend nach.

Wenn Andreas Knieriem von einem „Sündenfall“ spricht, meint er sicher ganz konkrete Dinge, die zu verbessern sind. Aber dieser aufgeladene Begriff aus der Mythologie wird ihm wohl nicht zufällig unterlaufen sein. Der Zoo ist tatsächlich ein außergewöhnlich interessantes Sinnbild dafür, dass es mit dem Paradies ein für alle Mal vorbei ist. Dort waren ja nicht nur Adam und Eva nackt, es lagen auch die Wölfe bei den Lämmern. Vom Panzerglas war in der Bibel nicht die Rede.

Text: Bert Rebhandl

Foto: Tierpark Berlin

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