Stadtleben

Ein Tag im Columbiabad Neukölln

ColumbiabadAm Anfang kommen die Dünnen. Morgens, wenn die Sonne noch nicht beißt, der Mülleimer noch leer und der Kinderpipianteil im Planschbecken noch marginal ist, stehen vor allem sportliche Menschen am Eingang des Freizeitbads am Columbiadamm mit wenig Gepäck: kleines Handtuch, Flasche Wasser. Badehose haben sie drunter. Sie ziehen im großen Becken ihre Bahnen, der Kopf liegt dabei tief im Wasser, einer atmet zwei rechts, zwei links, wie die Profis.

Doch ab dem Vormittag wird es laut. Die Familien wuchern lang­sam über den Rasen wie Moos: Auf der vom Kinder­becken durch eine Hecke getrennten, mit schönen alten Bäumen bepflanzten Wiese belegt eine Großfamilie fast einen ganzen Hektar. Kinder aller Altersstufen schwirren herum und reißen Saft- und Chips­tüten auf, Teenage-Mädchen lassen ihre Carsafs fallen und zeigen die Ganzkörperbadebekleidung darunter, ihre Mütter hocken um Decken herum, einer der erwachsenen Männer entblößt beim Ausziehen eine Menge Tattoos auf seinem haarigen Brustkorb. Er ist in seiner Badehose der Nackteste der Familie. Ein Mädchen trägt über dem schwarzen, langärmligen und -beinigen Anzug noch ein grell rosa und rot gemustertes Badekleid. Wie ein bunter Hai prescht sie durch das Kinder­becken, legt sich auf den wasserspeienden Pilz und ärgert ihre Brüder.

ColumbiabadLangsam werden die in Rot-Schwarz gekleideten Securityguards, bedächtige Männer mit be­eindruckender Körperfülle und Zopf, munter. Seit dem von der Boulevardpresse genüsslich ausgeschlachteten Vorfall Anfang August, bei dem eine Gruppe von 50 notorischen Jungen und Jugendlichen so lange vom Beckenrand sprang, die Springtürme belagerte, die Badegäste provozierte und den Bademeister ignorierte, bis dem Schwimmbadbetreiber der Kragen platzte und er sie per Poli­zei ausweisen und Anzeigen we­gen Hausfriedensbruch schreiben ließ, sollen sie schnellstens dees­kalieren, falls etwas im Busch ist. Eine Massenrandale wie diese, die ein Schwimmbad in der öffentli­chen Meinung schnell vom Familienvergnügen zum Problemherd hinunterstufen kann, soll nie wieder stattfinden.
Je heißer die Sonne knallt und je besser besucht das Bad ist, des­to aufmerksamer sind die Guards. Schon am Eingang stehen sie in Zweiergruppen und beobachten die Gäste, später sieht man sie Eis leckend mit ein paar storchenbeinigen, frechen Jungs mit Migrationshintergrund diskutieren. An der Kasse hängt jetzt auch ein Schild, auf dem „Verboten“ auf Deutsch und Türkisch über Bildern von Messern prangt, und im Büro des Bades liegt schon einiges an konfisziertem Schneidewerkzeug.

Aber heute stehen die Zeichen auf fun in the sun. Die Kids trollen sich wieder, die Sicherheitsleute schlendern an immer voller werdenden Wiesen vorbei, die nicht nur durch mehr, sondern auch durch di­ckere Menschen okkupiert werden: Mädchen oben mit, Jungen mit
Busen oben ohne, blau tätowierte Arschgeweihe auf mäch­tigen Love Handles, ausgedachte Tribals auf Babyspeck-Bäuchen. Eine Teen-
Clique spielt im Schwimmerbecken Bademeis­ter-Ärgern und platziert minutenlang Arschbomben in eine Ecke des Bassins, dann springen sie immer wieder vom Beckenrand. „Blaue Badehose, rote Badehose, raus da! Nicht springen!“, rügt der Bademeister, der in Schlappen, Hose und Sonnenbrille auf seinem Turm sitzt wie eine Neuköllner „Baywatch“-Variante, durch sein Megafon. Er muss es noch ungefähr zehn Mal
sagen. Von weitem klingen seine stark verzerrten Aufforderungen wie die Aufnahmen von der Mondlandung – the eagle has landed. Ein dicker, Base­ballkappe tragender, juveniler Troublestarter deutet immer wieder pantomimisch Verbotenes an, der Bademeister ruft ihm zu, womit er als Strafe zu rechnen hätte: Auf den gesperrten Dreimeterturm klettern – 50 Euro. Beide lachen, als ob das Provozieren und das Reglementieren nur ein Spiel zwischen Freunden sei.

ColumbiabadEs ist mittlerweile später Nachmittag geworden, und der wie King Kongs Atem über dem Bad stehende Pommesduft ist bis zum Kinderspielplatz auf der hinteren Wiese gedrungen. Hier dreht ein Filmteam immer wieder eine Sequenz, in der ein dicklicher, arabisch aussehender Junge mit einem Schulranzen auf dem Rü­cken von zwei anderen Jungs mit Wasserpistolen eine Abreibung bekommt. Nach zwei Stunden sind sie fertig, und jetzt bespritzen das ehemalige Opfer und seine Kollegen kichernd das Team, das sich über die Erfrischung freut. Mit Trapperhut und Weihnachtsmann­bart schleicht ein Botaniker daneben um ein paar Bäume herum und macht sich Notizen über das Blattwerk. Neben ihm schmeißt ein kleines Mädchen mit Hannah Montana-Badeanzug die Kaffeeflasche ihres Vaters um. Eine letzte, diesmal verständliche Durchsage lässt die Teens aufhorchen: Wer dabei hilft, Müll aufzusammeln, bekommt eine Freikarte. Die fleißigen Helfer sollen sich um 19 Uhr am Bademeisterturm melden. Später sieht man tatsäch­lich junge Mülljungen- und Mädchen friedlich Pommeskartons und Eispapiere entsorgen. Im Schwimmerbecken sind wieder nur die Dünnen zurückgeblieben, die ein paar letzte Bahnen pflügen. Hoffentlich bleibt es noch eine Weile heiß.

Text: Jenni Zylka
Fotos: Harry Schnitger

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