Stadtleben

Eine Radreise auf dem Mauerweg

Berliner_MauerwegEin Donnerstagmittag im April: Vor der East Side Gallery drängeln sich Touristen, sie posieren für Fotos, sie kritzeln ihren Namen und das Datum auf den Beton, sie flanieren zum Spreeufer, sie blättern in Reiseführern und drehen Karten. Eine Amerikanerin zeigt Richtung Kreuzberg: „Imagine, you couldn’t just go over there“, sagt sie zu ihrem Freund. „Weird“, sagt der. Seltsam finden die beiden das. Sie stehen mit ihren Leihfahrrädern an der Oberbaumbrücke auf der Friedrichshainer Seite und blicken nach drüben. Drüben, auf der anderen Seite der Brücke, neben den Clubs Watergate, Magnet und Comet sitzen junge Leute zum Mittagessen und Kaffeetrinken draußen in der Sonne. Das Cafй im Grenzbereich in der Falckensteinstraße gibt es nicht mehr. Das Schild ist übermalt, in den Räumlichkeiten ist die Pan Aroma Bar mit vietnamesischer Küche. Nur ein paar hundert Meter von der East Side Gallery entfernt, mitten im ehemaligen Grenzgebiet, erinnert nichts mehr an die deutsch-deutsche Grenze.

Dieses Jahr jährt sich der Bau der Berliner Mauer zum fünfzigsten Mal. In der Nacht vom 12. zum 13. August 1961 machte der sowjetische Sektor Berlins die Grenze zu den westlichen Sektoren dicht. In den Jahren danach errichtete man rund um West-berlin einen bis zu vier Meter hohen und 160 Kilometer langen Grenzwall. Doch was ist eigentlich noch übrig von dieser Grenze, die vor 50 Jahren über Nacht Freunde, Familien, Nachbarn und Liebesbeziehungen auseinanderriss? Und die man nach dem Mauerfall vor 20 Jahren einfach nur noch weg haben wollte. Eine Ahnung, was von dem einstigen gigantischen Grenzwall und seinem Todesstreifen heute noch zu sehen ist, bekommt man erst, wenn man den vor zehn Jahren fertiggestellten Mauerweg mit dem Rad entlang fährt. Es ist eine Spurensuche, eine Grenzerfahrung. Die East Side Gallery, das mit 1316 Metern längste noch erhaltene Mauerstück, die ­posierenden Touris, das amerikanische Pärchen an der Oberbaumbrücke, die Schle­sische Straße hat man schnell hinter sich gelassen. Fast ein bisschen erleichtert. Da, wo die ­vielen Berlin Besucher staunen, nervt die Mauer. Im Alltag möchte man hier einfach nur durch, zur Arbeit, nach Hause oder um Freunde in einer Bar oder in einem Cafй ­treffen.

mauerwegWestlicher Kaffeegeruch im Osten

An der Lohmühle vorbei, am Flutgraben und am Landwehrkanal entlang, kommt man nach Neukölln und Treptow. Plötzlich ist da der doppelte Kopfsteinpflasterstreifen, der den Verlauf der Mauer markiert und auf der Strecke immer wieder auftauchen wird. In der Bouchйstraße ersetzt er den Parkstreifen, in der Heidelberger Straße teilt er die Straße in Ost und West. Anwohner passieren diese Andeutung des Grenzstreifens, niemand würdigt ihn auch nur eines Blickes, als hätte es nie eine geteilte Stadt gegeben – Klar, denn das ist ja auch längst vorbei. Fast ist Berlin schon wieder so lange vereint, wie es mal geteilt war.
Doch je länger man dem Kopfsteinpflaster folgt, desto absurder erscheint es, dass ab 1961 genau an dieser Stelle einfach eine massive Wand mit Stacheldraht errichtet wurde, dass man Suchscheinwerfer aufgestellt hat und das ganze rund um die Uhr bewacht hat. Mitten in einem Wohngebiet. Ein Gedanke, den man auf den nächsten Kilometern noch öfter haben wird.
Kurz nach dem ehemaligen Grenzübergang Sonnenallee riecht es nach frischem Kaffee. Und das muss bereits in den 80er-Jahren, sowohl im Westen als auch im Osten,  so gewesen sein. 1981 hat Kraft Foods in unmittelbarer Nähe der Mauer auf westlicher Seite eine der größten Röstkaffee-Produktionsanlagen der Welt eröffnet, bis heute hat das Unternehmen in der Neuköllner Nobelstraße seinen Standort. Acht Jahre später wurde hier zum letzten Mal vor der Grenzöffnung ein Flüchtling an der Mauer erschossen. Bei dem Versuch, durch den Britzer Kanal auf die Nobelstraße zu gelangen, starb der 20-jährige Chris ­Gueffroy im Kugelhagel der Grenztruppen. Daran erinnert eine Stele im Grünen. Die genaue Zahl der Menschen, die bei Fluchtversuchen starben, ist nicht bekannt. Über 100 müssen es aber gewesen sein.  

mauerwegGeschichte im Grünen

Entlang der A 113: Autolärm, Verbotsschilder „Betreten des Autobahngeländes verboten“, Teltowkanal, Spaziergänger mit Hunden, Schiffe, Einfamilienhäuser, Proteste der Anwohner gegen die sechsspurige Straße, die Schäferwiesen mit ihrer sogenannten Spontanvegetation, ein Biomasse-Kraftwerk. Dann, mitten auf einer Wiese zwischen Autobahn und Wohnhäusern, ein Stück Mauer, bunt bemalt, eingezäunt. Auf dem Boden davor liegen alte Silvester-Raketen.
Dieser Rest der Hinterlandmauer ist das erste Mauerstück seit der East Side Gallery, seit über 14 Kilometer. Und es wird das vorerst letzte für die nächsten fast 50 Kilometer sein. Die Hinterlandmauer sieht aus wie viele andere Berliner Mauern und Hauswände: voller Graffiti. Hier an der A113 wirkt sie irgendwie verloren, fast lächerlich. Das soll die Mauer gewesen sein? Wüsste man es nicht, würde man bei diesem Stück buntem, eingezäunte Beton weder anhalten noch Fotos machen.
Dann der Grenzübergang Waltersdorfer Chaussee, man sieht es nicht, man liest es im Reiseführer. Damals lautete der Befehl: „Für Bundesbürger und Ausländer nur zum Flughafen Schönefeld“, heute sausen Autos in beide Richtungen. Mitten im Grenzstreifen liegt der Ponyhof Bolsmann. Pferdekoppeln, Mistgeruch. Wenig später, hinter einer Kurve, ragen graue Wohnblöcke in den Himmel. Gropiusstadt, Christiane F., sozialer Brennpunkt.

Auf dem Mauerweg am Teltowkanal und der A 113 entlang vergisst man nie, dass man in Berlin ist. Aber man vergisst schnell, dass man auf dem Mauerweg fährt. Vor allem aber vergisst man, dass man gemütlich auf dem ehemaligen Todesstreifen entlang radelt. Keine Betonwände, kein Stacheldraht, keine Grenztürme. Berlin ist wohl kaum irgendwo idyllischer als da, wo die Mauer im Süden der Stadt stand, von Lichtenrade bis Potsdam und zum Wannsee, an Marienfelde und Lichterfelde vorbei, durch Zehlendorf und Kleinmachnow durch. Meistens verbirgt sich die Geschichte im Grünen, man muss sie finden wollen. Manchmal aber steht sie unvermittelt vor einem. So wie in dem ehemaligen Grenzbereich zwischen Mahlow und Lichtenrade: Mitten im Wald, zwischen Birken, Gestrüpp und Gräsern, ein wenig abseits vom Mauerweg, der nur noch ein Trampelpfad ist, stehen eine orangefarbene und drei graue Stelen mit Schwarz-Weiß-Fotos­ – im Gedenken an den 33-jährigen Eduard Wrobleski, der 1966 beim Fluchtversuch hier erschossen wurde.

mauerwegNeue Baustellen im Grenzbereich

Freitagvormittag, kurz nach 11 Uhr: Da, wo die Mauer Lichterfelde vom heutigen Landkreis Teltow-Fläming trennte, blühen rosafarbene Kirschblüten vor blauem Himmel. Japanische Bürger haben die Kirschbäume 1996 gespendet, aus Freude über die Wiedervereinigung. Rentner mit hinter dem Rücken verschränkten Armen spazieren auf und ab, Jogger und Hundebesitzer kommen vorbei. Dunkle Holzbänke laden zum Verweilen ein. Links vom Weg ist ein Neubaugebiet, acht Einfamilienhäuser werden hier gerade hochgezogen. Bauschutt, Backsteine und stapelweise Dachziegel säumen den Mauerweg. Bewacht werden muss diese Großbaustelle nicht, anders als vor 50 Jahren, als an dieser Stelle schon einmal gebaut wurde, unter Aufsicht von Volkspolizei und Nationaler Volksarmee. Um hier die einstige Mauer vor dem inneren Auge zu sehen, muss man schon all seine Vorstellungskraft aufbringen.

„The Invisible Frame“ heißt eine Doku von 2009. Im Juni vor zwei Jahren fuhr Tilda Swinton den Mauerweg ab, begleitet von einer Kamera. Das ist genau das, was man jetzt: Man radelt an einem unsichtbaren Rahmen entlang. 1988 legte die Schauspielerin  den Weg schon einmal zurück, innen auf Westberliner Seite. Um wie Tilda Swinton eine Reise in die Vergangenheit des geteilten Berlins anzutreten, muss man aber nicht wie sie die Strecke bereits vor dem Mauerfall einmal gefahren sein. Man muss nicht einmal unbedingt die Mauer damals live erlebt haben. Ein Fahrrad, ein Reiseführer mit einer ausführlichen Routenbeschreibung, eine detaillierte Karte und mindestens drei Tage Zeit reichen.

mauerwegDas Unsichtbare sichtbar machen

Am Teltowkanal dann gelingt es, die verschwundene Mauer in Gedanken zu rekonstruieren: Alle paar Meter steht eine gelbe Bank am Ufer. Ungehindert blickt man über das Wasser auf die andere Seite. Neigt man den Kopf ein bisschen nach oben, schaut man direkt auf eines dieser kleinen Mauerweg-Schilder. Es hängt in einer Höhe von etwa vier Metern. So hoch war der Grenzwall an vielen Stellen. Hätte man sich damals hier auf einer Bank ausruhen können, hätte man im Todesstreifen gegessen und direkt gegen eine graue Wand gestarrt. So wäre es den Anwohnern am ehemaligen Kleinmachnower Mauerstreifen auch gegangen: ein Vorgarten im Todesstreifen. In der Neuruppiner Straße auf der westlichen, der Zehlendorfer Seite spielen Kinder auf einem Schulhof. Eine Frau klopft die Fußmatte vor ihrer Haustür aus. Autos parken in Hofeinfahrten, in den Vorgärten blühen die ersten Blumen. Am Ende der Straße, am Adam-Kuckhoff-Platz, ist Wochenmarkt. „Die sind aus rein biologischem Anbau“, sagt ein Verkäufer zu einer älteren Dame und reicht ihr zwei Kartoffeln …

Den gesamten Erlebnisbericht unserer tip-Autorin Katharina Wagner lesen sie in der aktuellen tip-Ausgabe 10/2011.

Fotos: Harry Schnittger, Oliver Wolff, Katharina Wagner

Fahrradläden in Berlin

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