Stadtleben

Elektroroller auf dem Vormarsch

erockitMopeds und Motorräder mit Elektroantrieb kommen diesen Frühling zunehmend in Fahrt. Eigentlich wäre eine Metropole wie Berlin ideal für Mopeds und Motorräder: Sie sind schnell und ausdauernd genug, um auf den innerstädtischen Straßen die auf Autofahrertempo ausgelegten „grünen Wellen“ mitzunehmen, man kommt auch im Stau noch gut voran beziehungsweise an Autos vorbei. Und einen Parkplatz findet man mit den motorisierten zwei Rädern immer. Weil diese Fahrzeuge aber, anders als Autos, keine echten Zuladungsmöglichkeiten haben, die Fahrer vor dem Wetter weitgehend ungeschützt sind und Mopeds die zunehmend verabscheuten Abgase erzeugen, sind sie für die meisten Berliner keine dauerhafte Alternative im Verkehr. Bis auf vorübergehende Moden wie Vespa-Revivals setzen die meisten Berliner dann doch lieber auf den Öffent­lichen Nahverkehr, das Auto oder eben das Fahrrad, für das man im Unterschied zu Mopeds und Motorrädern nicht nur keinen Führer­schein braucht, sondern das zusätzlich auch noch der Umwelt und der eigenen Fitness dient.

Trotzdem bahnt sich ein Wandel an. Denn ähnlich wie in der Fahrradbranche, in der sogenannte Pedelecs, also Fahrräder mit zusätzlichem elektrischen Hilfsmotor, sportlich weniger ambitionierte Menschen zunehmend zum Kauf verleiten, so düsen inzwischen auch immer mehr Motorräder mit der Kraft aus der Steckdose über die Straßen. Schließlich sind die gängigen Reichweiten von rund 50 Kilometern pro Akkuaufladung für die Nutzung in der Stadt ausreichend: Einmal zur Arbeit und wieder zurück und dann abends noch um die Ecke zu Freunden.

Ideale Wege auch für „Tante Paula“, wie eine bei der Berliner Firma Rollout verkaufte und verliehene Hamburger Rollermarke heißt. So kommt „Ferdinand II“ von „Tante Paula“ im Look eines Tretrollers plus fahrrad-ähn­lichem Sitz daher, kostet rund 1.200 Euro, rollt mit einer Geschwindigkeit von maximal 20 km/h über die Straßen, hat eine Reichweite von etwa 30 Kilometern pro Akkuladung und verbraucht auf 100 Kilometern Strom für lächerliche 25 Cent. Unschlagbar, wie Rollout-Inhaber Michael Braunagel findet.

io_scooterDeutlich flotter – und weiter – kommt man indes mit dem iO E-Scooter, einem weitgehend in Österreich gefertigtem E-Moped im Vespa-Roller-Look voran, den man beispielsweise bei Hans Lehrke Service bekommt. Es fährt maximal 45 Sachen, kann deshalb mit einem Führerschein Klasse M (ab 16 Jahren) beziehungsweise dem Autoführerschein gefahren werden, kommt bis zu 70 Kilometer weit, verbraucht auf 100 Kilometern für ungefähr 60 Cent Strom und ist ab 2.700 Euro zu haben. Nachteil allerdings: Man muss das Fahrzeug direkt an der Steckdose, beispielsweise in einer Garage, laden: Der Akku ist, wie bei vielen E-Mopeds, nicht herausnehmbar.

Das haben Daniel Schmid und Thomas Martin, Geschäftsführer der Elektrofahrzeugwerke Suhl (efw Suhl), für ihre E-Schwalbe ganz anders angedacht. „Der Lithium-Ionen-Akku wird etwa zehn Kilo wiegen, kann herausgenommen und außerhalb des Fahrzeuges geladen werden“, sagt Thomas Martin. Doch mindestens genauso wichtig, wie die anspruchsvollen technischen Einzelheiten des nun kurz vor der Markteinführung stehenden Motorrads ist seine emotionale Ausstrahlung. Denn efw Suhl hat nicht nur den legendären Markennamen „Schwalbe“ von der Treuhand gekauft – so hieß auch das Kult-Fahrzeug der ostdeutschen Simpson-Werke. Das in drei Varianten hergestellte Motorrad – mit 25, 40 oder 80 km/h Höchstgeschwindigkeit – wird ab Ende Mai 2011 auch im weitgehend altbekannten Aussehen erscheinen: Mit einem in die Verkleidung integrierten vorderen Scheinwerfer und abgerundeten Ecken und Kanten. Zu haben sein wird das Gefährt, das, je nach Bauart, Reichweiten zwischen 50 und 200 Kilometern hat, ungefähr ab 4.000 Euro.

Einen guten Überblick über E-Fahrzeuge – nicht nur E-Motorräder – kann man sich übrigens bei „Lautlos durch Deutschland“ in Mitte verschaffen. Denn das von der Berliner Grünen-Bürgermeisterkandidatin Renate Künast eingeweihte Geschäft hat sich auf den Vertrieb und Verleih umweltfreundlicher Vehikel spezialisiert und beherbergt Pedelecs, E-Roller, -Scooter und Elektroautos. Betritt man den Laden und lässt seine Blicke schweifen, werden einem schnell zwei Dinge bewusst: Die Auswahl an E-Fahrzeugen ist größer, als der Laie vermuten mag. Außerdem lassen sich viele Modelle optisch kaum von ihren benzinbetriebenen Kollegen unterscheiden.

Nur das „eRockit“, ein Zweirad, das wie eine futuristische Enduro, also ein bisschen wie ein Geländemotorrad aussieht, ragt aus dem Angebot – nicht nur optisch – heraus. Denn das von dem in Berlin lebenden Österreicher Stefan Gulas entwickelte Fahrzeug ist weder ein Motorrad noch ein Fahrrad oder ein Pedelec, sondern irgendwie alles zusammen – und noch mehr. „Das Tempo des eRockit wird nicht mit einem Gasgriff, sondern mit den Pedalen reguliert“, sagt Andy zur Wehme, Mitglied der eRockit-Geschäftsleitung. „Die Pedalen wiederum treiben nicht direkt eine Kette oder einen Antriebsriemen, sondern einen Generator an. Wenn stärker in die Pedalen getreten wird, informiert ein Steuergerät die Batterien, die wiederum verstärkt Energie an den Antriebsriemen abgeben. Die eigene Tretkraft wird so also potenziert.“ Bis zu 80 Sa­chen schafft das eRockit auf diese Weise – für rund einen Euro Stromkosten auf 100 Kilometer.

Allerdings ist das bei „Lautlos durch Deutschland“ ausgestellte eRockit noch eines der wenigen Vorführmodelle. Die „echte“ Produktion läuft erst demnächst an. Dennoch ist Andy zur Wehme felsenfest davon überzeugt, dass das eRockit – es soll etwa 12.500 Euro kosten – und vor allem sein Antriebsprinzip absolut zukunftsweisend sind. „Das wird die Welt verändern“, redet er sich in Fahrt. Denn eines sei ja wohl klar: „Benzin ist nicht nur wegen der begrenzten Ölvor­räte eigentlich völlig out.“

Text: Eva Apraku/Jacqueline Mayen

Fotos: eRockit und io Scooter

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