Eric Wrede gilt als bekanntester Bestatter Deutschlands. Jetzt läuft eine berührende Doku über seine Arbeit im Kino: „Der Tod ist ein Arschloch“. Gibt es eine neue Kultur, über das Sterben zu reden?

Bestatter Eric Wrede: „Das Tabu, über den Tod zu reden, gibt es nicht“
tipBerlin Herr Wrede, hat sich in den gut zehn Jahren, seit Sie als Bestatter arbeiten, Ihr Blick auf den eigenen Tod verändert?
Eric Wrede Wissen Sie, was sich am meisten geändert hat? Ich bin mittlerweile Vater und das heißt, ich habe noch weniger Bock zu sterben. Ich glaube, ich bin noch mal hypochondrischer geworden. Jetzt bin ich 45. Es ist jetzt nicht selten, dass hier Menschen versterben, die jünger sind als ich. Wo man dann denkt: Okay, ich überlebe die ersten.
tipBerlin Bevor Sie Bestatter wurden, waren Sie in der Musikbranche tätig, hatten mit Westernhagen, Flake oder Selig zu tun. Ist Ihre berufliche Vergangenheit von Vorteil für Ihre berufliche Gegenwart?
Eric Wrede Ich überlege, ob ich darauf antworten sollte (lacht). Es ist total gut, weil Künstler-Charaktere auch sehr sensibel sind. Ich habe ja mit Trauernden zu tun, wo ich viel auf Kleinigkeiten und Bedürfnisse achten muss. Mit Künstlern umzugehen, ist ein gutes Training dafür, auf Befindlichkeiten zu achten.
Podcaster Wrede: „Es gibt ein Bedürfnis, über den Tod zu reden“
tipBerlin Sie sagen oft, niemand habe uns beigebracht, über den Tod zu reden. In Ihrem Podcast „The End” haben mittlerweile aber mehr als 50 Menschen darüber gesprochen, vom Musiker Caspar über den Beziehungsexperten Michael Nast bis zur Tatortreinigerin Franka Mantei. Reden wir jetzt endlich mehr über den Tod?
Eric Wrede „Niemand hat uns beigebracht, über den Tod zu reden“ heißt nicht, dass wir das nicht wollen. Es gibt dieses Tabu nicht, da bin ich mir mittlerweile sehr sicher. Es gibt ein Bedürfnis, darüber zu reden. Und vielleicht gar nicht immer über den Tod, aber über Trauer. Eine der wichtigsten Sachen, die ich in diesen Jahren gelernt habe, ist: Trauer ist nie zu Ende. Das heißt nicht, dass sie immer gleich schlimm sein muss. Aber bleiben wird die Trauer immer.
tipBerlin Ende November kommt der Film „Der Tod ist ein Arschloch” in die Kinos, bei dem der Regisseur Michael Schwarz Sie und Ihre Kolleginnen fast zwei Jahre bei der Arbeit begleitet hat. Hatten Sie dabei Zweifel?
Eric Wrede Ja, wir dachten erst, das haut alles nicht hin. Dann war Michael Schwarz vorher einmal 14 Tage einfach nur hier bei unserer Arbeit mit dabei. Danach haben alle Kolleginnen gesagt, wir trauen denen zu, dass sie die Prozesse nicht stören. Die haben auch so mit ganz kleinem Besteck gedreht. Also immer nur eine Kamera, nicht viele Leute. Eine meiner Ängste war, dass die Menschen, die so offen über ihre Situationen sprechen, das eventuell im Nachhinein bereuen könnten. Das hat sich überhaupt nicht bewahrheitet.
Da steht im Kino ein Mann auf und sagt: Meine Frau ist gestern verstorben. Ich bin jetzt mit meiner Tochter hier
tipBerlin Was erhoffen Sie sich von dem Film?
Eric Wrede Er soll im besten Falle eine Kommunikation lostreten. Wenn da ein Tochter-Mama-Paar im Kino sitzt und beide sagen: Ach, darüber müssen wir auch mal reden.
tipBerlin Es gibt viele berührende Szenen. Zum Beispiel mit Gabi, die sterbenskrank ihre eigene Abschiedsfeier groß plant. Popcornkino ist das jedenfalls nicht.
Eric Wrede Es ist echt krass. Wir hatten viele Rückmeldungen zum Vorverkauf, und ich denke: Entschuldigung, wer kauft sich denn für eine Dokumentation über Bestattungen vorher ein Ticket?
tipBerlin Im Frühjahr und Sommer waren Sie damit ja auch schon auf Filmfestivals unterwegs.
Eric Wrede Der Film scheint etwas zu schaffen: dass die Leute aufmachen, ganz krass. Das Heftigste hatten wir in München. Da stand ein Mann auf, und ich dachte erst, der macht einen Witz, weil er sagte: „Meine Frau ist gestern verstorben. Ich bin jetzt mit meiner Tochter hier. Weil ich heute Morgen eine Erinnerungs-E-Mail bekommen habe, dass meine Frau diese Tickets hier gekauft hat.“
tipBerlin Der ganze Saal muss geheult haben.
Eric Wrede Gänsehaut. Der Film macht eine Tür zum Miteinanderreden auf. Die Q&As danach dauern immer länger als geplant. Die Festivals sagen: Normalerweise sind das 30 Minuten, und wir reden jetzt hier seit eineinhalb Stunden! Und deswegen haben wir uns auch noch mal für diese Tour durch die Kinos entschieden, einen Monat lang.
tipBerlin Ist der Tod denn nun ein Arschloch – oder besser als sein Ruf?
Eric Wrede Ich muss Ihnen darauf eine doofe Antwort geben. Ich glaube, der Tod ist schlimmer, als wir uns alle gerade glauben machen wollen. Es gibt eine tolle Wissenschaftlerin aus München, die kommt jetzt auch in meinen Podcast. Sie forscht darüber, inwieweit Instagram, Hospize und so weiter eventuell eine Illusion entstehen lassen im Sinne von: Das wird leicht. Als wenn es den schönen, leichten Tod gäbe. Und diese Gefahr verstehe ich. Ich habe selbst mal über die Instagramisierung des Sterbens geschrieben…
tipBerlin Habe ich gelesen. Auf Instagram!
Eric Wrede Sie haben den Humor mitbekommen… Aber tut mir leid, der Tod ist ein Arschloch! Ich bin mir nicht sicher, ob ich dem so viel Gutes abgewinnen möchte, aber daraus erwächst ja etwas total Wichtiges. Und das meinte ich gerade mit Trauer. Ich bin mit den Jahren immer weiter weggegangen vom rein technischen Akt des Bestattens, hin zu Prozessen. Es ist mir noch egaler geworden: Wo und Was? Mir geht es um: Wer und Warum?
Herr Wrede, wie beurteilen Sie Ihre Wirkung auf den Diskurs übers Ende?
tipBerlin Ihr Institut „lebensnah Bestattungen” verschreibt sich einer „modernen und vor allem persönlichen Abschiedskultur“. Sie geben Interviews, machen den Podcast, Ihr autobiografisches Buch „The End“ ist verfilmt worden, mit Edin Hasanović als Eric. Sie gelten als Deutschlands bekanntester Bestatter. Wie beurteilen Sie Ihre Wirkung auf den Diskurs übers Ende?
Eric Wrede Wo ein Einfluss da ist, ist der eher branchenintern. Ich könnte Ihnen 40 Bestatter bundesweit nennen, die Bestatter geworden sind, weil sie unseren Weg gesehen haben.

tipBerlin Im Film ist die Atmosphäre sehr liebevoll, sehr achtsam, auch humorvoll. Aber manchmal sorgt der Tod nicht dafür, dass die Hinterbliebenen sich vertragen, sondern immer noch streiten.
Eric Wrede Ein Großteil meiner Aufgabe ist es, zu gucken, warum ist ein Konflikt da? Das klingt jetzt wie ein Kalenderspruch. Aber der Tod ist da echt ein Katalysator. Und natürlich gibt es nicht nur die Konflikte untereinander, sondern auch Konflikte in einem selbst. Der verlässlichste Treiber für einen beschissenen Trauerverlauf ist schlechtes Gewissen. Aber das Dilemma wird niemand auflösen.
tipBerlin Welche Trends sehen Sie in der Bestattungskultur? Ich habe gelesen, dass der Sarg immer mehr zum Auslaufmodell wird.
Eric Wrede Statistisch totaler Bullshit! Wird Ihnen keiner belegen können. Ich sehe andersherum Sachen, die belegbar sind. Eine Abkehr von anonymisierten Begräbnissen. Man kann sehen, dass jetzt eine Generation mit Selbstwertschätzung ins Sterben kommt. Die Generation meiner Oma, – sie lebt noch, ist 90! – die sich selbst nicht wertschätzt, die ist eigentlich fast weg. Jetzt kommt gerade eine Generation von „Ich hab was gerissen im Leben. Und das möchte ich auch zeigen.“
tipBerlin Die derzeit gern geschmähten Boomer lassen es selbst beim Ableben krachen?
Eric Wrede Das klingt materialistischer, als ich es meine. Nein, die sagen: Ich habe eine tolle Familie, ich bin ein guter Typ. Und ich möchte schon, dass das alles auch vernünftig wird. Was sich natürlich in Berlin verändert, ist die Verarmungssituation. Also Menschen, die sich nicht mal das Trauern leisten können. Wir haben damit nicht so viel zu tun, aber wir machen auch zwei, drei Sozialbestattungen im Monat.
Herr Wrede, gibt es in Berlin einen Bestatter-Stammtisch?
tipBerlin Wie ist das bei Ihnen: Urne oder Sarg?
Eric Wrede Auf keinen Fall Verbrennen!
tipBerlin Friedhof oder Waldbestattung?
Eric Wrede Auf jeden Fall Friedhof! Wälder sollen Wälder bleiben. Und da ich nicht verbrannt werden möchte, kann ich auch gar nicht in den Ruheforst.
tipBerlin Lieber über den Tod diskutieren oder über das Leben?
Eric Wrede Immer über das Leben!
tipBerlin Gibt es eigentlich einen Berliner Bestatter-Stammtisch?
Eric Wrede Gibt es. Die Netten, die ich kenne, treffen sich regelmäßig und tauschen sich aus. Aber in der Branche hacken sich viele auch ziemlich die Augen aus. Da ist das Zusammenarbeiten teilweise echt schwierig.
Ostkind Wrede: Was haben Sie vom Mauerfall mitbekommen?
tipBerlin Sie sind 1980 in der damaligen DDR geboren und haben Ihre Kindheit in Rostock verbracht, Ihre Eltern hatten beruflich mit Hochleistungssport zu tun. Wie haben sie die Wende bewältigt?
Eric Wrede Sie sind beide doll hingefallen, aber ganz schnell, sehr erfolgreich wieder aufgestanden. Und das ist glaube ich, was ich, was bei mir dann hängen geblieben ist. Was zum Teufel soll mir eigentlich passieren? Im Zweifel stehe ich morgen in der Kneipe und zapfe Bier. Auf der einen Seite bin ich sehr hypochondrisch, aber das hat mir das eine Form von Angstfreiheit mitgegeben.
tipBerlin Beim Mauerfall waren Sie neun. Was haben Sie davon in Rostock mitbekommen?
Eric Wrede Da war ich schon in Berlin. Und, kein Witz, in der Czarnikauer Straße – zu Besuch bei meiner Tante.
tipBerlin Die Czarnikauer Straße liegt nur ein paar Minuten vom ehemaligen Grenzübergang an der Bornholmer Straße, wo am 9. November 1989 zuerst die Grenze aufging.
Eric Wrede Meine Eltern hatten totalen Schiss, mich abzuholen, weil die nicht wussten, was da los ist. Die haben sich gefragt: Was ist, wenn wir jetzt rüber gehen? Zählen wir dann zu denen, die ganz in den Westen wollen? Und was, wenn die dann die Grenze wieder zumachen? Das war ja eine Phase, wo nicht absehbar war, wo das alles hingeht. Meine Eltern haben sich erst sehr spät nach der Öffnung der Mauer rübergetraut – und sich zum Beispiel nie diese 100 Mark abgeholt, weil sie meinten: Das sind so Almosen, das wollen wir nicht. Was ich gut finde.
tipBerlin Inwieweit ist der Umbruch, den Ihre Eltern überstanden haben, mit Ihrem eigenen Umbruch vergleichbar?
Eric Wrede Mein Umbruch war freiwillig, das muss man immer dazu sagen. Aber ich glaube: Zu sehen, dass Umbrüche möglich sind, war eine Erfahrung, die ich bei meinen Eltern gesehen habe. Und dass man sie freiwillig machen kann, das ist der Schritt, wo ich selber hinkommen musste.
Herr Wrede, ist die Bestattungskultur in Bonn anders als in Berlin?
tipBerlin Mittlerweile hat lebensnah Bestattungen neben Berlin auch Standorte in Potsdam, Bonn und Leipzig. Gibt es lokale Unterschiede in der Bestattungskultur?
Eric Wrede Natürlich. Eine Stadt wie Bonn hat eine andere Geschichte als eine Stadt wie Leipzig. Das liegt aber an anderen Gründen, als man im ersten Moment denkt. Vielleicht fragt in Bonn weniger häufig jemand danach, wie viel irgendwas kostet, weil es den Menschen finanziell besser geht. Aber als Beispiel: In Leipzig haben wir häufig Seebestattungen. Weil das eine Sehnsucht für die alteingeborenen Leipziger war, an die Ostsee zu fahren.
tipBerlin Und in Berlin?
Eric Wrede Die Freiheit, die sich Menschen nehmen, ist in Berlin schon am größten, was ich aber auch sympathisch finde. Was nicht heißt, dass es ihnen egal ist. Die Frage, was könnte denn mein Nachbar vielleicht denken, die stellt sich der 60-jährige Berliner nicht mehr, weil er darübersteht.
tipBerlin Berlin ist ja auch eine Stadt der Singles.
Eric Wrede Meine Schwester (die auch bei lebensnah Bestattungen arbeitet, Anm. der Red.) hat gerade gesagt, dass wir es noch nie so häufig erlebt haben wie jetzt, dass eine Hausgemeinschaft sagt: Die alte Frau Schmidt ist gestorben, die hatte noch niemanden, das machen wir als Hausgemeinschaft. Also abseits von Familienmodellen, dass Freundeskreise agieren. Dafür ist natürlich Berlin prädestiniert, weil sich Familienstrukturen hier auflösen.
tipBerlin Weinen Sie eigentlich manchmal auf Beerdigungen, die Sie selbst ausrichten?
Eric Wrede Ja. Erstens: Wenn ich Freunde weinen sehe, nimmt mich das immer mit. Und Männer über 70, die weinen. Das triggert irgendwas Tiefenpsychologisches in mir. Weil es das auch so selten gibt. Dann bekommt mich das sehr.
- Zur Person Eric Wrede, 45, ist Bestattungsunternehmer, Podcaster und Moderator. Er arbeitet als Musik-Manager, als er bei einer Heimfahrt von einer Tattoo-Convention ein Interview mit dem Bestattungspionier Fritz Roth hört. 2013 beschließt er daher – und weil ein Freund sterbenskrank wird –, Bestatter zu werden. Sein autobiografisches Buch „The End“ (2018) wurde 2024 als „Sterben für Beginner“ verfilmt. Das von ihm begründete Institut „lebensnah Bestattungen“ hat seinen Hauptsitz am Arnimplatz in Prenzlauer Berg und betreibt mittlerweile Filialen in Potsdam, Leipzig und Bonn. Am 27. November kommt über seine Arbeit und die seiner Kolleginnen der Dokumentarfilm „Der Tod ist ein Arschloch“ von Michael Schwarz in die Kinos.
Mehr Interviews aus und über Berlin
Neue Wege im Umgang mit dem Tod: Wir haben mit Charlotte Wiedemann vom ahorn Space gesprochen. „Show Me Love“ war erst der Anfang: WizTheMc im Interview. Paula Hartmann sagt: „In Berlin wächst man mit einem Grundmodus von Reizüberflutung auf“. „Den Futschi mal mit Cola Light trinken“: Jutta Hartmann über „Juttas Futschi Freizeit“. „Lästern kann uns helfen, empathisch zu sein“: Autorin und Journalistin Yasmine M’Barek im Interview.


