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DDR-Designer Erich John: 12 Entwürfe von Erika bis Weltzeituhr

Erich John ist der Mann, der mit seinen Gegenständen unseren Alltag prägte. Für Sprösslinge der DDR kann das der Omega-Staubsauger gewesen sein, der am Wochenende beim Hausputz zum Einsatz kam, oder der Eisbecher, in dem im Café Moskau im Sommer das Eis serviert wurde. Oder eben auch die Erika, der man im Büro begegnete: als Schreibmaschine war sie in Ämtern, Redaktionen oder am heimischen Schreibtisch anzutreffen. Bebo Sher – der Rasierapparat – verhalf Generationen von Männern zu gepflegtem Aussehen.

Erich Johns bekanntestes Design, die Weltzeituhr. Sie gehört zu den beliebtesten Sehenswürdigkeiten der Stadt Berlin. Foto: Imago/epd

Erich Johns Produkte reisten sogar, wenn auch unter anderen Namen, in den westlichen Teil des Landes oder noch weiter hinaus. Ach ja, die Weltzeituhr am Alexanderplatz hat er auch geschaffen – aber die kennt ja jeder. 2022 feiert John seinen 90. Geburtstag, der richtige Zeitpunkt, einige wichtige Arbeiten vorzustellen, die auch viel darüber erzählen, was sich in der deutsch-deutschen Geschichte hinter verschlossenen Türen abspielte. Maxime beim Entwurf war stets: Funktionalität, Zeitlosigkeit, Langlebigkeit – denn Ressourcen in der DDR waren knapp.


Radio mit Rücken: Undine II

Ein Radio mit Rückenverkleidung war 1956 neu. Erich John entwarf die Undine II als Student. Foto: Heike Schüler

Der volkseigene Betrieb (VEB) Elektro-Apparate-Werke (EAW) Treptow wollte sein Radiogerät Undine besser auf dem Markt positionieren. 1955 wurde dafür mit der Hochschule für bildende und angewandte Kunst in Berlin-Weißensee kooperiert, an der Erich John Formgestaltung studierte. Ihm fiel die Aufgabe zu, aus dem Radio einen Verkaufsschlager zu machen. Zu dieser Zeit galten Radiogeräte, genauer gesagt Röhrenradios, noch als Möbelstücke. Sie standen mit dem Rücken zur Wand, da sich keiner bisher darum bemühte hatte, den Kabelsalat, der zuweilen hinten hervorlugte, salonfähig abzudecken.

John tat genau dies und benutzte bei seiner Gesamtgestaltung nicht nur Holz, sondern auch das neu aufkommende Plastik. Mit dem modernen Antlitz fand Undine II, trotz ihres Preises von 760 Mark, 1956 einen reißenden Absatz und Erich John wurde für seine Arbeit ausgezeichnet. Es war sicher auch ein Prestigeprojekt, denn die Elektro-Apparate-Werke Treptow waren ursprünglich Teil der AEG, bevor die sowjetische Besatzungsmacht Betriebsstrukturen landesweit ummodelte. Darüber hinaus hatten die EAW auch kein Monopol in Sachen Radio in der DDR. Etwas weiter nördlich, in Weißensee, lag nämlich der VEB Stern-Radio Berlin, der sich auf Rundfunkgeräte spezialisiert hatte.

Ein Jahr später, 1957, griff ein Kommilitone Erich Johns Innovation der Rückwand auf, als er das Radiomodell Berolina K für die Konkurrenz Stern-Radio entwickelte. Heute befindet sich die Undine II nicht nur in Radiomuseen, sondern wird online auch zum Verkauf angeboten. Wo die Radiosendungen produziert wurden, die dann über die Undine II zu empfangen waren, erzählt euch unser Blick auf 100 Jahre Rundfunkgeschichte in Berlin und Umland.


Wärme für die Ohren: Rotlichtlampe

Erich John gestaltete mit Jürgen Peters 1959 nach dem Studium eine Rotlichtlampe für die Firma TuR. Foto: Heike Schüler

Der Hersteller für Medizintechnik TuR in Hohen Neuendorf wollte eine Infrarotlichtlampe, die bei Ohrenschmerzen Linderung schaffen sollte. Er wandte sich ans Institut für angewandte Kunst, für das Erich John, gemeinsam mit seinem Studienkollegen Jürgen Peters, nach der Hochschule arbeiteten. Der Leiter des Instituts schickte dann seine „Industrieformgestalter“ – so die offizielle Berufsbezeichnung – kreuz und quer durchs Land in Betriebe, die einen solchen Fachmann brauchten. So kam es, dass die beiden jungen Männer 1959 an einer solchen Lampe tüftelten, die sogar über die Grenzen der DDR hinaus erhältlich war. Das Unternehmen TuR befasst sich übrigens seit 1904 mit Medizintechnik und existiert noch heute.


Silber für die Schweiz: Besteck-Set

Erich Johns modernes Design für Silberbesteck wurde direkt in die Schweiz expotiert, ca. 1960/61. Foto: Heike Schüler

1959 hieß es für Erich John ab nach Karl-Marx-Stadt (heute Chemnitz), um in Sachsen Praktisches und Schönes aus Metall zu zaubern. Ein Gestaltungsatelier sollte er einrichten, das für die gesamte Metallindustrie in der DDR zuständig war. Ziel: Produkte zu schaffen, die auch im Westen gern gesehen waren und entsprechend Devisen scheffelten. Eine besonderes Privileg für Erich John war dabei Besteck zu entwerfen – aus Silber (!), das direkt in die Schweiz geliefert wurde. Also nix für die einheimische Bevölkerung.

Der Auftrag kam aus Döbeln, etwas außerhalb von Chemnitz, von der Firma Richard Köberlin, eine der wenigen Privatfirmen in der DDR. Sie war bereits seit 1873 im Silberwarengeschäft. 1972 – nach der Verstaatlichung – stand nur noch Aluminiumbesteck auf dem Programm. Damit wurde zwar mehr Geld gemacht, aber nicht ausreichend. 1988 gab der Betrieb auf. Sein feines Silberbesteck hat seine Macher aber überlebt: Im Internet sind solch Familienerbstücke weiterhin im Umlauf, inklusive Erich Johns Design aus den frühen 1960er Jahren.


Sommerglück im ganzen Land: Eisbecher

Die Eisbecher von Erich John bewährten sich: sie wurden von 1960 bis 1989 produziert. Foto: Heike Schüler

Zwar weniger exklusiv als das Silberbesteck für die Schweiz, aber dafür umso verbreiteter waren Erich Johns Eisbecher. Aus eloxierten Aluminium und in den Farben Silber, Gold, Rot, Blau, Braun und Rosa waren sie in Eisdielen stets griffbereit, wenn die Spezialitäten serviert wurden. Dabei gab’s neben der Schale in zwei Größen auch Eispokale. Beide entstanden 1960 für die seinerzeit halbstaatliche Firma Sonnau, eine Metallwarenfabrik, die in Chemnitz angesiedelt war. Die Eisbecher waren nicht nur schlicht, modern und schick, sondern auch praktisch: sie ließen sich gut stapeln. Das machte sie zum Dauerbrenner: bis 1989 wurden sie produziert, wenn auch in abgewandelter Form, das heißt der kegelförmige Fuß kam später aus Plastik daher. Ob Erich Johns Eisbecher in einer von Berlins besten Eisdielen zu finden ist?


Für Cocktails im Koala-Land: Cocktail Shaker

Erich Johns Cocktail Shaker mit eingebauter Zitronenpresse wurde von Australiern geliebt, ca. 1960/61. Foto: Heike Schüler

Der Erfolg des Eisbechers wurde sicher gefeiert, vielleicht auf einer Party, auf der ganz vornehm Cocktails gereicht wurden. Um diese auch mit Expertise zu mixen, wünschte sich die Firma Sonnau einen Cocktail Shaker für ihr Sortiment. Erich John war ihr Mann dafür, selbst wenn er nie einen Cocktail zubereitet hatte. Stattdessen schaute er dem Barkeeper im „Chemnitzer Hof“ genau auf die Finger und fand heraus, welche Handgriffe die Arbeit bestimmten und welches Zubehör vonnöten war, zum Beispiel die Zitronenpresse. Das inspirierte ihn dazu, die Zitronenpresse in den Shaker gleich einzubauen.

Das von ihm konzipierte Set namens „Partymix“ wurde Anfang der 1960er Jahre mit Stolz vorgestellt – und zwar vor internationalem Publikum auf der Leipziger Messe. Das machte die Frühjahrs- und Herbstmesse im Leipzig zum Event. Wann sonst waren in der an sich hermetisch abgeschlossenen DDR internationale Aussteller zu Gast samt internationaler Presse? Ein kosmopolitischer Wind wehte an den Tagen durch die Stadt, in der die Messe seit über 800 Jahren Tradition hat.

Die Australier waren übrigens von Erich Johns „Partymix“ besonders angetan und holten den Shaker en masse zu sich ans andere Ende der Welt. Da es Einheimischen nicht vergönnt war, in eine Bar in New York, Paris oder Tokyo zu spazieren, um dort exquisite Cocktails zu genießen, brachte die Firma Sonnau etwas internationales Flair ins eigene Heim: Mit dem Set kam nämlich ein kleines Büchlein mit Cocktailrezepten voll exotischer Namen wie White Lady, Melodie, Bronx oder Äquator-Fizz.

1971 fiel dann auch die Sonnau Metallwarenfabrik dem Verstaatlichungswahn der DDR zum Opfer und agierte anschließend als VEB Tafelgeräte Karl-Marx-Stadt weiter. Nach der Wende konnte sich der in den 1930er Jahren gegründete Betrieb nur noch bis 1995 halten. Aber an Cocktail Shakern mangelt es in Berlin nicht, denn die Stadt serviert in ihren vielen Bars gerne farbenfrohe Cocktails, auch alkoholfreie.


Bühnenkunst bewundern: Theaterglas Luxostar

Erich Johns Theaterglas Luxustar war in Gold-Schwarz eine Spezialanfertigung für die BRD, 1961. Foto: Heike Schüler

Die Rathenower Optischen Werke (ROW) hatten schon einige Theatergläser in ihrer Produktpalette, aber irgendwie fehlte ihnen das gewisse Etwas. Erich John als Produktgestalter sollte da Abhilfe schaffen. Nach seinem Ausflug ins Metallgewerbe in Sachsen, kehrte er nach Berlin zurück und widmete sich dem Stück, das Opern- und Theaterbesuche verschönern soll. Aus dem klobigen Gerät wollte er etwas Zierliches für die Handtasche machen. Gemeinsam mit Ingenieuren bei den Werken gelang ihm das. Das Ergebnis: Der Luxostar – nur 9cm lang und mit 87 Gramm war er leichter als eine Tafel Schokolade. In schwarzem Lederetui kam es auf den Markt – in Ost und West.

Das Versandhaus Quelle führte es in seinem Katalog unter den Namen Revue und mit zusätzlicher Auswahl: Während das Theaterglas in der DDR nur in Schwarz-Chrom erhältlich war, gab es in der BRD auch ein Modell in Schwarz-Gold. Das Gold wurde dafür extra aus dem Westen geliefert, um es im Osten zu verarbeiten und zurück schicken zu lassen. Erich John entwarf in den folgenden Jahren noch weitere Theatergläser für die ROW. Wer sein eigens Theater- oder Opernglas zücken möchte, kann das in Berlins besten Theatern und Opern Berlins tun.


Genau hingeschaut: Kleinmikroskop C ROW

Das Kleinmikroskop C ROW von Erich John wurde mit 500 000 Stück für Schulen produziert, 1964. Foto: Heike Schüler

Das Kleinmikroskop C ROW wurde 1964 entwickelt. Seit etwa 1969 haben dann Generationen von Schülern mit ihm im Biologieunterricht das Unsichtbare sichtbar gemacht – oder zumindest optisch 225fach vergrößert. Das Schülermikroskop, wie es meist genannt wird, ist einfach zu bedienen und entstand, wie bereits das Theaterglas, für die Rathenower Optischen Werke. Erich John entwickelte später für sie auch Mikroskope für Forschung, Medizin und Universitäten. Viel erinnert nicht mehr an die mehr als 200 Jahre Geschichte der Optik, die in Rathenow geschrieben wurde. Der Verein zur Förderung, Pflege und Erhaltung der optischen Traditionen in Rathenow e.V. bemüht sich, das Vermächtnis zu bewahren.


Romane, Amtsschreiben und Nachrichten: Erika Schreibmaschine

Die Erika Schreibmaschine E42, an deren Erntwurf Erich John mitgewirkt hat. Es war Teamarbeit, 1966. Foto: Heike Schüler

Hinter dem uniformen Namen VEB Schreibmaschinenwerk Dresden steckte die Geschichte der Firma Seidel & Naumann, die 1910 weltweit die erste Reiseschreibmaschine hervorbrachte, sie passte nämlich in ein Köfferchen. Sie wurde nach Naumanns Enkeltochter benannt und war der Beginn einer langen und internationalen Karriere. Um sie für den Weltmarkt attraktiv zu machen, erhielt sie den Namen Bijou für den französisch-sprachigen Raum und Gloria für den englischsprachigen Raum – und das waren nur einige Namen von vielen. Als die deutsche Teilung kam, wurde für den Westteil des Landes aus der Erika eine Privileg. 

Anfang der 1960er Jahre reihte sich Erich John in die Geschichte der berühmten Schreibmaschine ein, als er gemeinsam mit seinem Studienkollegen Jürgen Peters an mehreren Modellen arbeitete. Er entwarf die erste Kunststoffverkleidung, die bei der E14 umgesetzt wurde. Später war er auch an der E42 beteiligt, die zwischen 1966 und 1979 in Serie ging. Trotz ihrer Verbreitung in Büros, Ämtern und Redaktionen, war die Erika für Privatpersonen in den 1970er Jahren eine wohl überlegte Anschaffung: 420 Mark kostete sie, was oftmals fast ein Monatseinkommen bedeutete. Eine Alternative war die Olympia aus Erfurt, die zu DDR-Zeiten allerdings zu Optima umgetauft wurde. 1991 hatte es sich dann beim Erika-Hersteller ausgetippt.


Sicher durch den Verkehr: Wartburglenkrad

Erich John mit einem Nachguss des Wartburglenkrads, das er 1961 konzipiert hat. Foto: Heike Schüler

In Eisenach tüftelt man in den 1960er-Jahren im Automobilwerk an neuen Modellen. Erich John wurde hinzugezogen und entwarf 1961 ein Lenkrad, das ab 1965 im Wartburg 312 zum Einsatz kam. Bereits 1967 wurde die 312 von der 353 abgelöst, aber das Lenkrad blieb – bis 1984.

Erich John arbeitete eng mit den Konstrukteueren zusammen und hatte auch die Unfallstatistik im Blick. Häufige Ursache für Tote und Verletzte war der Aufprall des Fahrers auf die Lenksäule, denn 1961 war das Anschnallen noch keine Vorschrift. Um die Verletzungsgefahr zu reduzieren, veränderte Erich John die Form des Lenkrads, setzte die Lenksäule tiefer in den Ring hinein und baute eine Federung ein. Das Prinzip hat sich über Jahrzehnte bewährt. 1991 wurde das Unternehmen zwar geschlossen, aber Opel eröffnete dort ein Werk, damit die Autoindustrie in der Stadt erhalten bleibt.


Teppichpflege: Omega-Staubsauger

Zwar nicht der Staubsauger von Erich John, aber so ähnlich kann man ihn sich vorstellen. Foto: Imago/Frank Sorge

Erich John holte den VEB Elektrowärme Altenburg mit ihrer renommierten Staubsaugermarke Omega aus der Patsche, doch das wurde ihm zum Verhängnis: die Stasi heftete sich an seine Fersen.

Beim VEB Elektrowärme Altenburg schlugen sich Anfang der 1960er Jahre die Leiter verzweifelt die Hände über den Kopf: Ihre geliebten Staubsauger, die sich bereits auf dem internationalen Markt behaupten konnten, wiesen Produktionsfehler auf. Erich John und sein Kollege Wolfgang Dyroff mussten innerhalb von zwei Wochen ein neues Modell liefern. Bis zu 14 Stunden saßen sie am Zeichenbrett. Am Ende konnte Dyroff einen Handstaubsauger und John einen Bodenstaubsauger präsentieren.

Aber danach war nix mit Aufatmen. Die Stasi entdeckte im westdeutschen Fachmagazin für Design „form“, dass Johns Staubsaugermodelle dort abgebildet waren – noch bevor sie auf der Leipziger Messe vorgestellt wurden. Das schrie nach Industriespionage. Hat Erich John beim Klassenfeind Betriebsgeheimnisse ausgeplaudert? Oder Fotos über die Grenze geschmuggelt? Es stellte sich heraus: die Chefredakteurin von „form + zweck“, dem DDR-Fachmagazin für Design, hatte sich mit Westkollegen ausgetauscht. Man hätte es natürlich als Ehre auffassen können, dass DDR-Produkte dort gezeigt wurden, aber die Stasi sah das anders. Für die Chefredakteurin gab es ein übles Nachspiel und Erich John war ins Visier der Stasi geraten. Nichtsdestotrotz, der Staubsauger war ein Erfolg und wurde exportiert: nach Skandinavien, Frankreich und in die Niederlande. Unter der Marke Privileg waren sie auch im Quellekatalog zu finden.

Übrigens, lange bevor die DDR ihre Hand im Spiel hatte, wurden unter der Marke Omega Haushaltsgeräte produziert. Die Köhlers Söhne Metallwarenfabrik Altenburg betrieb die Marke und brachte in den 1920er Jahren ihren ersten elektrischen Staubsauger heraus. Das Unternehmen überlebte die Wende und ist unter dem Namen Omega electric GmbH weiterhin im Geschäft.


Für den Herrn: Bebo Sher Rasierapparat

Der Rasierapparat Bebo Sher „Favorit” von Erich John war von 1965 bis 1979 ein wahrer Favorit. Foto: Michael Günther

Bebo Sher mag ein ungewöhnlicher Name für einen Rasierapparat sein. Dabei steht Bebo für Bergmann-Borsig, pardon VEB Bergmann-Borsig, der Produktionsfirma, die in Berlin-Wilhelmsruh ihren Sitz hatte. „Sher“ steht für „schnell – hautschonend – elektrisch – rasiert”. Erich Johns Freund Jürgen Peters hatte 1962 bereits Bebo Sher „Junior” hervorgebracht, aber das Gerät sollte weiter entwickelt werden und Erich John war gefragt. 1965 kam sein Bebo Sher „Favorit” auf den Markt, der tatsächlich ein Favorit wurde, denn bis 1979 ging er über die Ladentische und wurde in andere sozialistische Länder exportiert. Erich John betreute anschließend Folgeentwürfe des Bebo Sher von Designstudenten. Der Bebo Sher war übrigens der erste Schwinganker-Rasierer von Bergmann-Borsig.

Der Rasierapparat hatte auch Konkurrenz aus dem Elektrogerätewerk Suhl. Es produzierte die Modellserien „Sieger” und „Komet” – aber nicht auf Dauer: 1983 nahm Bergmann-Borsig sie unter die Haube. Der letzte Bebo Sher – Bebo Sher V – wurde um 1990 entworfen. Die Firma hat den Nachwendetumult nicht überstanden.


Die Zeit auf einen Blick: Weltzeituhr

Die Weltzeituhr von Erich John am Alexanderplatz wurde 1969 eingeweiht. Foto: Imago/Schöning

Die Geschichte der Weltzeituhr beginnt mit einem Wettbewerb. Erich John wird aufgefordert daran teilzunehmen. Zum 20. Jubiläum der DDR sollte der Alexanderplatz endlich präsentabel gemacht werden und am besten mit etwas, das die wissenschaftlich-technischen Errungenschaften des Sozialismus symbolisiert. Da kam die Idee der Weltzeituhr. Für John ein Zeichen für die Verbindung mit der Welt und dem Kosmos.

Es war ein wagemutiges Unterfangen, aber die DDR wollte ein Vorzeigeobjekt. Neun Monate lang wurde geschuftet, sämtliche Ressourcen der DDR genutzt und experimentiert, um etwas herzustellen, das die Welt noch nicht gesehen hatte. Da die Weltzeituhr nicht Teil der Planwirtschaft war, wurde mit Feierabendbrigaden gearbeitet. Manch einer mag seufzen beim Gedanken an mehr Arbeit nach einem Acht-Stunden-Tag, doch in der DDR war das Engagement in diesen Brigaden beliebt, da es gut bezahlt war.

Beinahe wäre das Projekt doch an den begrenzten Mitteln der DDR gescheitert: Ein bestimmtes Kugellager fehlte, ohne das sich die Weltzeituhr nicht hätte drehen können. Auf der Leipziger Messe entdeckte er es schließlich – von einer westdeutschen Firma zu einem Preis, der eines Wunders bedurfte, damit die DDR-Regierung die Zahlung genehmigte. Sie tat es.

Aber es gab weitere Hürden: Wie fand man in der DDR heraus, welche Stadt in welcher Zeitzone lag? Am Ende hatten sich sogar die Geografen verschätzt: von 80 Städten wurden 23 falsch zugeordnet. Erst nach der Wende wurde darauf aufmerksam gemacht. 1985 und 1997 wurde die Weltzeituhr saniert, wobei die Zuordnung korrigiert wurde und Städtenamen hinzukamen. Heute sind es mehr als 140. Dadurch, dass sich die Tafeln mit den Städtenamen leicht austauschen lassen, kann die Weltzeituhr tatsächlich mit der Zeit gehen. Inzwischen steht die Sehenswürdigkeit unter Denkmalschutz und wir haben die Weltzeituhr uns hier genauer angekuckt.


Film und Buch über Erich John erschienen

2021 wurde Erich John mit dem Bundesverdienstkreuz ausgezeichnet. Wer mehr über seine kreativen Einfälle und auch sein spannendes Leben erfahren möchte – welcher DDR-Bürger konnte schon in den 1980er Jahre in Ohio in den USA arbeiten oder lässt sich von einem Baum im heimischen Böhmen zu einem Wahrzeichen wie die Weltzeituhr inspirieren? Und was hat Goethe mit der Weltzeituhr zu tun? – dem seien der gerade erschienene Film und das Buch empfohlen.

Weltzeituhr und Wartburg-Lenkrad. Erich John und das DDR-Design ein Film von Heike Schüler, mehr unter www.weltzeituhr-film.de; Weltzeituhr und Wartburg-Lenkrad. Erich John und das DDR-Design das Buch zum Film erschienen im Jaron Verlag.


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Ihr interessiert euch für Berlins Architektur? Hier entlang. Die Weltzeituhr ist eine von den vielen Sehenswürdigkeiten in Berlin. Schon lange vor der Weltzeituhr ein belebter Ort: Berlin Alexanderplatz –fotografische Zeitreise ins turbulente Zentrum der Stadt. Im Nahverkehr spielt er eine wichtig Rolle, der Bahnhof Alexanderplatz: Tourimagnet, Schandfleck, Metropolbahnhof.

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