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EURE WORTE – TEIL 1: Die Wurmfischerei

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vom fechten erschöpft schleppte ich mich durch die kniescheibengasse
im ersten bezirk und fühlte mich plötzlich so gar nicht mehr
unkaputtbar, sondern ganz im gegenteil: kleinlaut.

verletzlich, schüchtern. von all den menschen mit
fetischierungstendenz durchdrungen, fühlte ich mich wie ein
fötenschlumpf: kleinlaut. ich tippe, also bin ich – kleinlaut.

Aber! Das Leben ist ein Sauschädltanz. Soviel steht fest (nicht nur
in Felsenträumen).

Auch, wenn manche vom lieblich sanften Meeresgeflüsterplätschern am
Schildkrötenwanderweg erzählen. kleinlaut ging es bei mir trotzdem
dahin, bis zu dem Zeitpunkt von dem ich erzählen möchte: Es war der
09.03.2008 an dem ich im Fundbüro meine Verlierermentalität als
Wurmfischer ablegte. Was ein Wurmfischer ist, wissen die wenigsten
Leute. Er ist jemand, der bestimmte, mikroskopisch kleine Würmer
(die in Teppichen auftreten) aus einem fließenden, verdreckten
Gewässer holt und sie um teures Geld als hochwertiges Fischfutter
verkauft und in die ganze Welt exportiert, weil die Viecher so selten
sind. Das ist aber auch jemand, der sich in verdreckte Gewässer
begibt und Schätze birgt, die auf den ersten Blick aussehen, wie eine
Decke wibberndes, braunes, stinkendes Moos. Das ist auch jemand, der
unter Eis tauchen geht in einem verschmutzten, fließenden Gewässer,
in dem es Wirbel gibt, Wurzeln, Geäst, in dem völlige Dunkelheit
herrscht, obwohl er weiß: sollte das Seil reißen, gibt es keine
Rettung. Sollte man mit dem Fuß oder dem Käscher hängen bleiben an
einer Wurzel oder Ähnlichem ist es fast unmöglich sich zu befreien.
Der Wurmfischer ist aber auch noch dazu jemand, der gar nicht richtig
tauchen gelernt hat, jemand der sich eine Taucherausrüstung gekauft
hat und einfach hinab gestiegen ist, Schritt nach Schritt tiefer ins
Gewässer und sich das selbst erlernen konnte in der Hoffnung, Geld zu
machen. Ein Wurmfischer ist also immer auch ein Wahnsinniger.
Nichtsdestotrotz,- die Arbeit ist dreckig, eklig, man stinkt, wenn
man nach Hause kommt.

Das Schlimmste ist für den Wurmfischer, wenn das Gewässer an
Wassergüte gewinnt und die Verschmutzung zurückgeht, dann nämlich
verschwinden diese Würmer. Völlig umsonst sucht man dann mit
schweren Gewichten auf den Beinen im Dunkeln den wilden Boden eines
unberechenbaren Flusses in Zeitlupentempo ab und findet nichts,
während zu Hause (in vielen Fällen) Kinder gefüttert werden wollen,
und das am besten nicht mit Würmern. Wurmfischer sind ähnlich wie
die Würmer, die sie fangen, vom Aussterben bedroht, eine seltene
Spezies Mensch bzw. Beruf. Ich bin in einer Wurmfischerfamilie
aufgewachsen. Das sind meist Menschen, die nichts hinter sich liegen
haben, keine Eltern, kein zu Hause, keine Familiengeschichte, oder
eine sehr wirre, die sie aus Erzählungen dritter rekonstruieren. Eine
Familie, in der jede Generation, die erste ist und genau auf dem
aufbaut, was vorher nicht da war und jede die Fehler der ersten auf
ganz eigenständige, neue Art und Weise wiederholt. Ein
Sauschädltanz eben.

So, wie Flüsse kein Meer sind, so, bleibt das Wissen vom
Sauschädltanz der Menschen, auf dem man lange herumknuspern kann,
zwar zeitlos, führt aber letztendlich doch zu einem Minus-Wachstum
und hinterlässt maximal das Gefühl eines zärtlichen Hundekusses vom
Kettenhunduniversum selbst, das uns ständig umhüllt, ganz ohne
Sündenerlass bischöflicher Betonmischmaschinen. Trotzdem muss der
Sauschädltanz zu erst einmal begriffen und gleich danach vergessen
werden, bevor man die Verlierermentalität im Fundbüro abgeben kann,-
vielleicht sind es nur ein paar skurrile Begebenheiten die dafür
ausreichen, zumindest mittelfristig. In meinem Fall war das sicher so
an diesem einen besagten Sonntag im März, von dem ich euch erzählen
möchte.

°°°°The Wurmfischer’s Paradise°°°°   (To be continued)

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