Stadtleben

Fahrrad Diebstahl in Berlin

FahrradAm U-Bahnhof Schönhauser Allee hatte Stefan an einem Nachmittag sein Fahrrad angeschlossen. Eine Stunde später war nur noch das Schloss da. Es lag auf der Straße. Das Rad war weg. Geklaut. Und dabei war es nicht einmal besonders. Oder neu. Geputzt war es. Und das reichte offenbar schon, um interessant zu sein. So ähnlich wie Stefan haben es mehr als 23.000 Radfahrer in Berlin im letzten Jahr erlebt. 3400 mehr als im Jahr davor.

Warum kommen immer mehr Fahrräder weg? Die Antwort, die die Polizei darauf gibt, ist von einer bestechenden Logik: Es gebe schließlich immer mehr. Knapp 1300 Fahrraddiebstähle wurden 2008 in Berlin aufgeklärt. Das sind etwa fünf Prozent, so wenig wie in kaum einem anderen Bundesland. Ist das Rad erst einmal weg, haben nicht nur die bestohlenen Radler kaum Hoffnung. Auch die Polizei ist wenig optimistisch. Dass es wichtigere Dinge gibt, um die es sich zu kümmern gilt, will so direkt niemand sagen. Die Motivation, etwas zu unternehmen, hält sich aber in Grenzen. Ein Fahrraddiebstahl stelle ein „spurenarmes, schnell und leicht durchführbares Massendelikt mit geringen Ermittlungsansätzen“ dar, heißt es. Dazu kommt, dass niemand beweisen können muss, ob ihm ein Fahrrad tatsächlich gehört. Nicht wenn er damit fährt und auch nicht, wenn er es verkaufen möchte.

Fahrradkontrollen eignen sich nach den Aussagen der Polizei nicht, die Aufklärungsquote zu erhöhen. Das wurde im April versucht. Über 10.000 Fahrräder wurden kontrolliert – auch die Eigentümer. Aber nur 17 gestohlene Räder wurden dabei gefunden.
Ein Problem: Nicht jeder zeigt den Diebstahl an. Denn ist der Bestohlene auf sein Rad an­ge­wiesen, braucht er vor dem guten Gefühl der Ge­rechtigkeit oft dringender ein Fortbewegungs­mittel. So auch Stefan: „Ich dachte, das Rad kriege ich nie wieder und habe mir ein neues gekauft.“ Die Anzeige bei der Polizei war nur für die Versicherung notwendig. Umso überraschender war der Anruf von der Wache in Kreuzberg, dass er sein Rad abholen könne. „Der Typ, der es geklaut hat, versuchte es an einen Fahrradladen in Neukölln zu verkaufen. Der Laden stand aber in Verbindung mit der Polizei“, erzählt er.

Das Motto der Polizei lautet: Vorsorge. Und das sollen die Radfahrer selbst tun, indem sie Räder codieren lassen, bessere Schlösser kaufen, an stabileren Bügeln anschließen.
Eine Codierung macht das Fahrrad nicht sicherer. Es macht aber die Zuordnung leichter. Vorausgesetzt, das Rad wird wieder gefunden. Andernfalls macht es für den Dieb den Weiterverkauf schwerer. David Greve vom ADFC fordert „vor allem mehr stabile, sichere Abstellmöglichkeiten für Fahrräder. Und zwar an gut erreichbaren und vor allem belebten Plätzen“. Denn auch die soziale Kontrolle sei ein wichtiger Punkt, so Greve. Die meisten Fahrräder werden nach Angaben der Polizei aber trotzdem tagsüber gestohlen. Der typische Fahrraddieb, ein männlicher Jugendlicher unter 21 Jahre mit Migartionshintergrund, schlägt vor allem an öffentlichen Orten unter freiem Himmel zu. In der Innenstadt, vor allem in Mitte, sind das Orte mit Tou­ris­tenattraktionen wie Fernsehturm, Tacheles und Museumsinsel. In den Randbezirken sind Räder an S- und U-Bahnhöfen betroffen. 2007 wurden in Pankow die meisten Fahrräder entwendet. Es trifft vor allem Pendler, die ihr Rad am Bahnhof abstellen. Allein von 2007 auf 2008 stieg die Diebstahlquote um 43,5 Prozent. Die BVG plant daher bis 2012 weitere 3000 sichere Abstellmöglichkeiten an Bahnhöfen und Haltestellen einzurichten. Statistisch ist das ein Bügelabstellplatz für über 1000 Fahrräder.Fahrrad

Die Polizei will so weitermachen wie bisher. Während sich in anderen Städten Dienststellen ausschließlich mit dem Suchen und Finden von Fahrrädern beschäftigen, puzzeln in Berlin die Polizeidirektionen der Bezirke vor sich hin. Die Einrichtung von sogenannten Sonderkommissionen „brächte kei­nen Mehrwert“, heißt es in einem Schreiben der Polizei.
Die Dienststelle in Kreuzberg, bei der Stefan sein Fahrrad wieder abholte, war offenbar spezialisiert. „Während es anderswo Fahndungsfotos von Personen gibt, hingen da massenhaft Bilder von irgendwelchen Fahrrädern“, sagt er. Nur das Vorgehen nach der ge­glückten Fahndung verärgerte Stefan. Das Verfahren gegen den Dieb wurde eingestellt.

Text: Raphaela Solich
Fotos: Jens Berger/tip

In diesen Stadtteilen werden besonders viele Fahrräder geklaut (Zahlen von 2007, Quelle: Kriminalitätsstatistik der Polizei):

Mitte: 1005 Fahrraddiebstähle
(+ 15,5 % im Vergleich zu 2006)

Wedding: 570 (+ 16,6 %)

Friedrichhain: 1040 (- 2,5 %)

Prenzlauer Berg: 1913 (+ 14,4 %)

Pankow: 578 (+ 11,4 %)

Spandau: 366 (+ 33,1 %)

Mehr:

FAHRRADFAHREN IN BERLIN

www.adfc.de

BLOGBEITRAG VON OLIVER GEHRS (Dummy)ÜBER RADFAHRER

 

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