Stadtleben

Fahrradfahrer

Früher war Berlin eher keine Stadt für Radfahrer. Fahrradfahren – das war eine Fortbewegung aus der Provinz, aus Städten wie Münster oder Göttingen, die man ja gerade erst verlassen hatte und deren Lebenstil man ja loswerden wollte. Genauso gut hätte man mit einem Trecker zur Uni fahren können.

Wenn man heute 40 ist, dann hatte dem Fahrradfahren schon in der Jugend etwas enorm Uncooles angehaftet: Mit 15 fuhr man lieber mit einem Mofa statt mit einem Hercules-Herrenrad mit Torpedo-Dreigang-Schaltung. Mountainbikes gab es noch nicht, aber ich denke mal, dass ich auch als Teenager nicht wie ein Affe auf dem Schleifstein hätte aussehen wollen. Derart sozialisiert fuhr man später in Berlin eher alte Autos als Fahrräder – Enten, Mercedes-Strichachter oder klobige Volvo-Kombis; Spritschleudern, auf deren Kofferraum man einen „Atomkraft – Nein Danke!“-Aufkleber pappte. (Wobei ich nie verstanden habe, warum sich das ausschließen soll: gegen Verstrahlung und Leukämie zu sein und sich gleichzeitig einen hohen CO2-Ausstoß zu gönnen.)

Jedenfalls war Fahrradfahren über Jahrzehnte in Berlin verpönt. Fahrradfahren passte einfach nicht zu diesem typisch passiven Lebensgefühl, das aus langem Studieren, lange schlafen, viel trinken und wenig körperlicher Ertüchtigung bestand. Es war auch viel zu gefährlich: Radwege gab es wenig, aber Autofahrer, die Radfahrer nicht als gleichberechtigte Verkehrsteilnehmer wahrnahmen, zuhauf. Klar: Es gab immer mal wieder eine gut gemeinte Fahrradbeilage in der „taz“, es gab diese seltsamen Liegefahrräder, auf denen Typen lümmelten, die aussahen, als würden sie nie eine Frau abbekommen – und irgendwann tauchten diese modernen Rikschas auf, die die Busspur blockieren, auf der man eigentlich immer so schön weiterkommt.

Heute ist alles anders. Heute ist Berlin eine Stadt wie Münster oder Göttingen – eine Fahrradmetropole. Unter dem Eindruck des Klimawandels treten viele in die Pedale, hinzu kommen ganze Schwadronen von Touristen, die auf Mieträdern durch die Stadt eiern, als wäre man auf Langeoog. Der Letzte trägt manchmal eine neonfarbene Bauweste, damit die Gruppe nicht übersehen wird, aber das geht gar nicht. Man kann 20 Madrilenen, die mit ihren dickreifigen Mieträdern die komplette Straße blockieren, gar nicht übersehen.
Als jemand, der morgens mit dem Auto zur Arbeit fährt, kommt man sich nun fast asozial vor, wenn man sich an der ganzen gut gelaunten Velogemeinde vorbeischiebt – Mitte-Girls auf Hollandrädern, Trendsetter auf Fixies, Mütter mit Zwillingspärchen im Körbchen. Man ist nicht nur im Stau vor der Ampel, sondern auch hoffnungslos in den 80ern oder 90ern steckengeblieben.

Foto: Hartmut910/pixelio 

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