Stadtleben

Falk Walter und der Admiralspalast

Falk_Walter„Die Wahrheit?“ Der Mann lacht. „Darüber haben sich ja schon die alten Griechen den Kopf zerbrochen, was das sein könnte. Die werden Sie nie erreichen. Was es gibt, sind Fakten.“ Dieser Mann, der mit den Vorgängen um die Insolvenz des Admiralspalastes bestens vertraut ist, will seinen Namen nicht mehr in der Zeitung lesen, wie so viele, die man dieser Tage auf das Haus anspricht und auf Falk Walter, den Betreiber. Die Fakten also. Das Insolvenzverfahren ist eröffnet, einen Monat früher als geplant. Es stehen sich im Admiralspalast zwei Parteien gegenüber, und zwar ungefähr so unversöhnlich wie Israelis und Palästinenser zu Intifada-Zeiten, auch das bestreitet niemand mehr: die Admiralspalast GmbH & Co KG, der das Haus gehört, und die Admiralspalast Produktions GmbH, die das Haus als Hauptmieter betreibt und deren Geschäftsführer Falk Walter ist. „Das Klima“, sagt einer, der bei den Verhandlungen dabei ist, „ist dermaßen vergiftet, da können Sie die Luft schneiden.“ Gestritten wird, natürlich, ums Geld. Aber je tiefer man in die Materie eindringt, desto klarer wird, dass es bei diesen Querelen nicht zuletzt um Macht und Eitelkeiten geht. Wenn man mit den Protagonisten des Konfliktes spricht, dann fragt man sich am Ende nicht mehr, wie das Unternehmen Admirals­palast schief gehen konnte. Sondern nur noch, warum es überhaupt so lange gut gegangen ist.

In Treptow ist Walter-Land
Falk Walter, 1964 bei Cottbus geboren, sitzt auf der Terrasse des Anhalt, dem zum Cafй umgebauten Tankhaus an der Spree, das ihm gehört. Genauso wie der Club der Visionäre und der Freischwimmer, die Arena, das Badeschiff und das Restaurantschiff MS Hoppetosse, alle nur einen Steinwurf entfernt. Hier in Treptow ist Walter-Land. Der Mann hat sich den Ruf eines mindestens genialischen Machers und Visionärs erworben. Seine Gegner würden sagen: erfunden. Die nennen ihn einen Perfektionisten und Egomanen. Perfektionist stimme, sagt Walter. In keinem Portrait über ihn fehlt die Anekdote seiner waghalsigen Flucht aus der DDR über die Mongolei und China Mitte der 80er, überhaupt waren Walter-Geschichten bis dato immer eines: Erfolgsgeschichten. Wie er 1994 ein brachliegendes Busdepot entdeckte und daraus ein Jahr später die Arena baute. Oder wie er in der Badewanne, eine Tupperdose an Schnüren jonglierend, das Badeschiff ersann, das Sinnbild des coolen Berlin. Da trat ein Kulturunternehmer neuen Typs auf den Plan, der als gelernter Schauspieler Kunst und Kommerz zu verbinden verstand, mit Cleverness und Charisma – und ohne einen Pfennig Subventionen. Ein einziger Höhenflug.

Und der Admiralspalast sollte die Krönung werden. An die Tradition des Hauses an der Friedrichstraße wollte Walter anknüpfen, das in den 20ern zum legendären Amüsiertempel aufgestiegen war, mit Revue­theater, Bad, Kegelbahn und Grand Cafй. Ein vergleichbares Gesamterlebnis wollte er bieten: Solebad, Absinth-Bar, Club im Keller und der große Theatersaal mit 1?600 Plätzen, der als Metropol-Theater jahrelang leer gestanden hatte. Und wieder alles ohne staatliche Unterstützung. Vielleicht ist das alarmierendste Zeichen, dass Walter, der Selfmademan, jetzt beklagt, keinen starken Kultursenator als Ansprechpartner zu haben. Dass er davon spricht, er sehe das Land Berlin, das den Admiralspalast 2005 für eine Million Euro an ihn und seine Partner verkauft hat, in der Verantwortung, drohendes Unheil abzuwenden.

AdmiralspalastStreit um Stromschulden des San Nicci
Früher hat Falk Walter zu Gesprächen gern ins San Nicci geladen, dem Restaurant, das Borchardt-Betreiber Roland Mary im Admiralspalast führt. Aber mit dem San Nicci, seinem früheren Untermieter, jetzt Mieter bei der Admiralspalast GmbH & Co KG, liefert sich Walter mittlerweile einen Rechtsstreit um Stromschulden in Höhe von 350?000 Euro. Alltag im Admiralspalast. Deshalb sitzt Falk Walter jetzt im Anhalt und blinzelt gegen die Sonne, er spricht leise und macht lange Pausen. Zum Zeitpunkt dieses Treffens liegt die Pressekonferenz im Admiralspalast noch nicht lange zurück, auf der er verkündete, seine Produktions GmbH habe den Insolvenz­antrag gestellt. „Die Notbremse gezogen“. Wie ist nun die Stimmung im Haus, bei ihm? Er sagt: „Ich habe mich im Admirals­palast noch nie so wohlgefühlt, auch mit dem ganzen Drumherum.“ Er sagt auch: „Der Admiralspalast hört für mich noch nicht auf.“ Von den zurückliegenden vier Jahren spricht er allerdings nur als „der finstersten Zeit meines Lebens“. Kein einziges Mal sei er im Kino gewesen, stattdessen musste er sich „mit Dreck herumschlagen“, sich gegen Kündigungen und Räumungsklagen der Eigentümer wehren, mit Anwaltskosten im sechsstelligen Bereich, „da hätten viele schöne Produktionen rauskommen können“, seufzt er.

Die entscheidende Frage ist, ob Walter, der Tausendsassa, sich mit dem Admiralspalast endgültig übernommen hat. „Unter uns: ja“, sagt jemand, der seit vielen Jahren eng mit ihm zusammenarbeitet. „Es hat einfach nicht gereicht für beide Häuser. Für so viele An­gestellte, so viel Risiko.“ Risiko? Das ist in Walters Augen nur „ein anderes Wort für Nichtverstehen“. Und er sieht sich als jemand, der die Dinge gründlich analysiert, bevor er sie anpackt. Der mit wachem Kaufmanns­verstand alle Eventualitäten kalkuliert und dann auf seiner Seite hat, was er Tatsachenwahrheit nennt, wahlweise auch Tatsachenobjektivität. „Übernommen – das würde ja bedeuten, der Walter ist da in etwas hineingeschlittert und hat die Kontrolle darüber verloren. Das habe ich nicht.“ Die Wurzel des Übels ist Walter zufolge der Mietvertrag, den er 2005, noch vor der Eröffnung des Admiralspalastes, unterschrieben hat. „Der hatte nie eine Konfliktsituation vorgesehen. Aus heutiger Sicht ein großer Fehler. Denn die Mietsache, die wir dann übernommen haben, hatte nichts mit dem zu tun, wovon man ausgegangen war.“

Brandauer auf der Baustelle
Tatsächlich begann das Projekt Admirals­palast schon im Chaos. Als 2006 mit der „Dreigroschenoper“ in der Regie von Klaus-Maria Brandauer eröffnet wurde, war das Haus noch eine Baustelle, bis kurz vor der Premiere stand die Bauabnahme auf der Kippe. „Skandal!“ hatte Brandauer während der Proben zwischen Gerüsten und Baulärm getobt, und der ganze Tumult hatte ein gerichtliches Nachspiel zwischen Walter und dem Produzenten der „Dreigroschenoper“, dem Schweizer Lukas Leuenberger, der sich damals zitieren ließ: „Falk Walter ist ein Fatzke, ein Ignorant.“ Bis heute ist der Club des Hauses nicht eröffnet, auch das Bad nicht. Dennoch, sagt Walter, habe er von Anfang an die volle Miete gezahlt, und zwar eine weit höhere, als in einer Machbarkeitsstudie vor Eröffnung veranschlagt. Allerdings hat er den Miet­vertrag so unterschrieben. Nun, sagt Walter weiter, wollen sie 9,60 Euro pro Quadratmeter von ihm, und das für jeden Winkel des Admiralspalastes, selbst für die Treppenhäuser. Was aber schwerer wiege: dass man ihn sabotiere. Dass die Eigentümer um jeden Preis das „Klumpenrisiko Walter“ loswerden wollten, um kleinteilig vermieten zu können. „Ich habe lernen müssen, zu was Menschen in der Lage sind, wenn die Aussicht auf Profit besteht“, so Walter düster.

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