Stadtleben

Faustfick statt „Faust“?

Wenn ein verzweifelter Chefredakteur eine Sex-Serie ins Blatt hebt, ist das meistens ein Anzeichen für extremen Auflagenschwund. Überträgt man das auf die Theaterlandschaft, haben derzeit gleich zwei Berliner Theater Besucher­pro­bleme, die sie mit Sex und Pornografie bekämpfen wollen. Mit „Hure„, der Bühnenfassung der Biografie einer kanadischen Prostituierten, begann der dramatische Sexwahn vor ein paar Wochen im dritten Stock der Volksbühne. Anfang
Januar zog dann Renй Pollesch im Volksbühnen-Sternfoyer nach und präsentierte mit seinem wüsten „Du hast mir die Pfanne versaut – du Spiegelei des Terrors“ ein zweistündiges Mitmachstück. Der Regisseur bietet den Zuschauern einschlägige Rollen (Triebtäter, Nutten, Matrosen) und Vorlieben?(Sodomie, Nekrophilie) an. Es geht dann darum, künstliche Darmausgänge auszusaugen und Nonnen zu vergewaltigen, um am Ende als Erster den „Orgasmus“ zu erreichen.

Die viel beschriene Pornogesellschaft ist auf der Bühne angekommen, auch wenn die Häuser ihre Schmuddelkinder noch in den kleinen Sälen verstecken. Wenn Hinz und Kunz ihre Schlafzimmerfilmchen ins Internet stellen, will halt auch das Theater ein bisschen schmutzig sein. Am DT darf demnächst das Auftragswerk „Donna Davison“ von Thomas Jonigk immerhin schon in den Kammerspielen Premiere feiern. Auch in diesem Stück, das von der Produktion eines pornografischen Kunstfilms handelt, geht es munter um „Rimming“, „Cumshots“ und „Bla­sen“. Der Faustfick ergänzt im Repertoire den „Faust“. Mit pubertärer Begeisterung werden Filmtitel verballhornt: „Der Graf von Monte Fisto“, „Shaving Private Ryan“, „Der Widerspenstigen Dehnung“.
Ist das noch Kunst oder Verbal-Porno? Man weiß es nicht so genau. Die „Frankfurter Rundschau“ fragte Deutschlands Autoren nach Polleschs Bühnenerguss zumindest schon besorgt: „Schreibt ihr noch oder fickt ihr schon?“ Und auch Pornodarstellerin „Donna“ streitet im Stück mit der Filmautorin darüber, ob es nicht schlimmer ist, deren Sätze in den Mund zu nehmen als einen Schwanz.    

Text: Björn Trautwein

Foto: Thomas Aurin

Hure Volksbühne/3. Stock,

Du hast mir die Pfanne versaut Volksbühne, Sternfoyer,

Donna Davison DT-Kammerspiele,

Mehr über Cookies erfahren