Von smarter Zykluskontrolle bis digitaler Endometriose-Therapie – in Berlin entstehen Technologien, die Frauen ein gesünderes Leben ermöglichen. Was macht die Stadt zum Hotspot für Femtech, und wer treibt die Bewegung an?

In einem Lagerhaus in Wilmersdorf liegt in einem Neun-Quadratmeter-Container eine Hoffnung auf die Lösung eines Problems, das Millionen Frauen jeden Monat quält. Polina Sergeeva öffnet die Tür zu ihrem kleinen Logistikzentrum: Kartons stapeln sich, Sticker-Rollen hängen an der Wand, dazwischen Flyer. Auf einem Pappschild steht: „PERIODE IST NORMAL“.
Periodenschmerz dagegen ist für Sergeeva nichts, womit man sich abfinden muss. Jeden Morgen macht sie Pakete versandfertig, in denen ein „Oneflow“ liegt, der bei beschwerlichen Menstruationstagen helfen soll. Es ist ein sogenanntes TENS-Gerät, das durch elektrische Nervenstimulation über die Haut den Schmerzreiz blockiert, Muskelkrämpfe lockern und sogar schmerzlindernde Endorphine fördern kann.
Was wie die Garagen-Gründungsmythen der großen Techkonzerte klingt, sind die bescheidenen Anfänge von Menstruflow. Das Startup gehört zu einer neuen Generation von Gründungen im Bereich Femtech, kurz für „female technology“. Ihr Ziel: digitale und technologische Lösungen für frauenspezifische Gesundheit von Menstruation über Fruchtbarkeit bis Menopause. Dazu gehören Apps für Zyklustracking, Therapiebegleitung bei Krankheiten oder Wearables zur Symptomlinderung.
Femtech hilft den Gender-Health-Gap zu beseitigen
Die Branche wächst rasant – immerhin ist etwa die Hälfte der Weltbevölkerung weiblich, das Feld der Frauengesundheit untererforscht und unterfinanziert. Bis in die 1990er waren Frauen von Medikamentenstudien ausgeschlossen – hormonelle Schwankungen galten als Störfaktor, Schwangerschaften als gefährdet. So entstand ein Gender-Data-Gap, ein Mangel an Daten, und ein Gender-Health-Gap, eine Ungleichheit in der Gesundheitsversorgung: Die Sterblichkeit bei Herzinfarkten ist bei Frauen dreimal höher, weil dieser wegen untypischer Symptome zu spät erkannt wird, Betroffene der Unterleibserkrankung Endometriose werden durchschnittlich erst nach neun Jahren diagnostiziert.
Dabei ist Frauengesundheit nicht nur gesellschaftlich, sondern auch wirtschaftlich brisant: Laut einem aktuellen Bericht von der Wirtschaftsberatung McKinsey und dem Weltwirtschaftsforum verbringen Frauen 25 Prozent mehr Lebensjahre in schlechter Gesundheit als Männer. Gelänge es, den Gender-Health-Gap zu beseitigen, könnte das globale Bruttoinlandsprodukt bis 2040 um jährlich eine Billion US-Dollar steigen. Femtech-Unternehmen seien ein Schlüssel, um den Zugang zu medizinischer Versorgung zu verbessern.
Die USA und UK sind Vorreiter, doch auch Berlin etabliert sich als Femtech-Hotspot in Europa: eine kreative Startup-Kultur, hohe Dichte an Forschungseinrichtungen und Innovationshubs. Von hier kommt nicht nur Clue, eine der weltweit meistgenutzten Zyklustracking-Apps, deren Entwicklerin Ida Tin den Begriff „Femtech“ 2016 etablierte. Es gibt auch vielversprechende Startups wie the blood, das mit Menstruationsblut als Quelle für Gesundheitsdaten die Diagnostik revolutionieren will, und vielbeachtete digitale Gesundheitsplattformen wie femna care. Und immer mehr Gründerinnen – die Branche ist vornehmlich weiblich – wagen den Schritt, ihre Visionen einer besseren Frauengesundheit zu verwirklichen.
Das eigene Leiden als Motivation
Wie die meisten Gründerinnen verfolgte Sergeeva eine wirtschaftliche und nicht wissenschaftliche Karriere. Und wie bei den meisten begann ihr Weg mit einem persönlichen Problem: Sie litt seit ihrer Jugend unter heftigen Periodenschmerzen. Schmerzmittel, Wärmeflasche, Durchhalten – so lauteten die Empfehlungen. Ihre Schmerzen waren so heftig, dass sie monatlich auf der Arbeit ausfiel. So wie fast 20 Prozent der betroffenen Frauen laut einer aktuellen Umfrage der der AOK.
Als vor zwei Jahren eine verfrüht einsetzende Menstruation einen Urlaub zu ruinieren drohte, begaben sich Sergeevas Verlobter und sie auf Recherche und entdeckten die TENS-Technologie: erfolgreich in der Schmerztherapie, aber kaum für Menstruationsbeschwerden verfügbar. „Wir haben noch im Urlaub beschlossen zu gründen“, sagt die 30-Jährige, deren Leidenschaft für ihre Sache aus den Augen strahlt. Zum Gründungsteam gehört neben zwei Freund:innen noch eine Frauenärztin, mit der das Gerät speziell für Menstruations- und Endometriose-Schmerzen entwickelt wurde.
Das kleine, runde Gerät wird mit einem Silikonpad für den Unterbauch verbunden, oder über Kabel mit zwei kleinen Pads, die mehr Bewegungsfreiheit ermöglichen. Die verschiedenen Stimulationsmodi und Stärkestufen lassen sich demnächst auch über eine App steuern. „Wir haben das Rad nicht neu erfunden, sondern eins und eins zusammengezählt und es besser gemacht“, sagt Sergeeva, die ihr Leben nicht mehr um ihre Periode herumplanen muss und über Periodenschmerzen auf Online-Kanälen und über Business-Benefit-Partnerschaften mit Unternehmen aufklärt. Mittlerweile kommen ähnliche Produkte auf den Markt. Bisher könne keines dieser Geräte mithalten, gibt sich Sergeeva selbstbewusst, es sei sogar eine Bestätigung für die Relevanz.
Das Set kostet 84,95 Euro, Ersatzpads 20 Euro. Eine Listung im Hilfsmittelverzeichnis würde eine Verschreibung per Rezept ermöglichen – ein langwieriger und teurer Prozess, der Studien und behördliche Genehmigungen erfordert. Ob sie den ganzen Weg gehen wollen, sind sich Sergeeva und ihr Team nicht sicher. Erster Schritt dazu: eine Wirksamkeitsstudie, die Charité ist an einer Zusammenarbeit interessiert, bald soll dafür ein Förderantrag gestellt werden.
Berlin ist das Zentrum für Femtechs in Europa
Berlin brüstet sich gern als attraktiver Standort für Startups und hat sich die Förderung von Gründerinnen auf die Fahnen geschrieben. Nicht zu Unrecht. Es gibt ein breites Angebot an finanzieller Unterstützung mit Landes- und EU-Mitteln, Coachings und Netzwerken, wie etwa dem „Berliner Startup Stipendium“ und „EXIST Women“, das junge Unternehmen in der frühen Phase unterstützen, oder dem „Gründerinnen Stipendium“. Zunehmend siedeln sich Wagniskapitalgeber wie Heal Capital oder Unternehmen wie Rox Health, die gezielt Startups im Gesundheitsbereich aufbauen, in der Stadt an. Damit ist auch der Bedarf an spezifischer Unterstützung und Vernetzung gestiegen, was wiederum neue Initiativen wie die Femtech-Allianz Gaia des privaten Berliner Instituts für Innovationsforschung hervorbringt.

Berlin als Hotspot für Femtechs in Europa
„Ich finde, dass die Stadt mir wirklich sehr geholfen hat“, sagt Eirini Rapti vom Startup Inne. Mit ihrer Idee eines hormonbasierten Zyklustrackings stieß die Gründerin vor knapp zehn Jahren bei der Wirtschaftsförderungsgesellschaft Berlin Partner für Wirtschaft und Technologie auf offene Ohren. Die hauptsächlich vom Senat finanzierte Gesellschaft habe Rapti bei der Suche nach einem Labor und nach Mitarbeiter:innen wie auch bei Bankangelegenheiten und vielem mehr unterstützt, erzählt sie beim Gespräch in den Räumen von Inne in Kreuzberg, zu denen neben Büroflächen ein Lager sowie ein kleines Labor gehören. Rapti, Anfang 40, spricht so offen und entspannt, als würde sie ein Retreat leiten statt eines wachsenden Biotech-Start-Ups.
Inne gehört zu der Sparte von Femtechs die wissenschaftliche und technologische Innovationen hervorbringen. Und oftmals in Eigenregie. Startups müssen schnell sein, Unis forschen gründlich, aber langsam. Deshalb setzen viele junge Unternehmen oft auf eigene Forschung, um marktfähig zu bleiben.
Auch Rapti wurde 2017 zur Gründerin, weil sie selbst eine Lösung suchte, die es so noch nicht gab: eine hormonfreie Verhütungsmethode, die zuverlässiger und einfacher war als die Temperaturmessung. Wie ein größeres Gehäuse für Bluetooth-Kopfhörer sieht das Minilab aus, in das sie zur Demonstration einen Messstreifen mit etwas Speichel steckt. In der App erscheint der gelesene Wert des Hormons Progesteron, die tägliche Messung gibt eine zuverlässige Auskunft über fruchtbare und unfruchtbare Tage. Was sie heute noch begeistere wie am ersten Tag, sagt die Mutter eines Sohnes, sei die Möglichkeit für Frauen, durch die gesammelten Daten ihren Ärzt:innen etwas vorlegen können, wenn sie Schwierigkeiten etwa bei der Schwangerschaft hätten. Demnächst sollen Nutzerinnen ihre Cortisolwerte messen können, zukünftig auch Vitamine.
Als Methode zur Fruchtbarkeitsbestimmung ist das Inne Minilab zugelassen. Momentan wartet Rapti auf die Zertifizierung als Verhütungsmethode. Die Behörden brauchen eben sehr lange. Zeit, die Geld kostet und für Startups ohne geduldige Investor:innen im Rücken zum unüberwindbaren Hindernis werden kann.
Herausforderungen für Femtech-Gründerinnen in einer Männerbranche
Nach wie vor ist es für Femtechs nicht leicht, an Fremdkapital zu kommen. Gerade am Anfang, wenn sie noch keine fundierten Studien vorweisen können, aber Investoren:innen Beweise für die Wirksamkeit und Marktfähigkeit verlangen. Zudem sind die meisten der möglichen Finanziers Männer, und die verstehen oft nicht, wie relevant das Produkt ist. Wer innovative Lösungen mit einem soliden Geschäftsmodell vereint, hat gute Chancen. Doch auch Ripti, die als One-Woman-Show mehr als 20 Millionen Euro einwerben konnte, erinnert sich an absurde Gespräche mit Investoren: Warum sollten Frauen ein Produkt monatlich kaufen? Nehmen Frauen die Pille wirklich jeden Tag? Mittlerweile sieht sie es pragmatisch: „Wenn wir nicht darüber sprechen, wie sollen es die anderen wissen?“
Großen Aufklärungsbedarf gibt es bei einem Tabuthema, dem sich ein Startup keine zwei Kilometer weiter widmet: Im Techspace Eiswerk, einem hypermodernen Co-Working-Komplex an der Spree, arbeitet das Team von Frieda Health an einer digitalen Klinik für Frauen in den Wechseljahren.
Valentina Ullrich, die das Jungunternehmen mit zwei weiteren Gründer:innen führt, ist in ihren 30ern und hatte zunächst 2020 im Bereich Periodenbeschwerden gegründet. Zu ihrem Erstaunen stellte sie fest, dass viele Kundinnen in den Wechseljahren waren und sie erkannte, dass Frauen in dieser intensiven Lebensphase unzureichend medizinisch betreut werden. Denn Ärzt:innen können mit durchschnittlich acht Minuten Sprechzeit für ihre Patientinnen keine ausführliche Beratung leisten, zur Hormontherapie gibt es es kaum ernsthafte Alternativen und die Zahl der Betroffenen ist zwar enorm, aber ihr Schweigen darüber bisher auch.
Allein in Deutschland befinden sich derzeit etwa neun Millionen Frauen in den Wechseljahren, von denen laut Schätzungen bis 80 Prozent unter Beschwerden wie Hitzewallungen und Schlafstörungen leiden. Eine Studie der Berliner Professorin Andrea Rumler zeigt, dass Betroffene oft unterbehandelt, schlecht informiert und am Arbeitsplatz kaum unterstützt werden – mit spürbaren Folgen für ihre Leistungsfähigkeit. Vom Beginn zum Ende der Menopause können fünf bis 15 Jahre vergehen, sie erwischt Frauen mitten im Leben, mitten in der Karriere.
Doch es tut sich was: Schauspielerin Halle Berry feiert ihre Menopause, Medien berichten zunehmend über das Thema, im Bundestag wurde ein Antrag zu einer nationalen Menopausen-Strategie diskutiert. Für Startups und Investmentfirmen öffnet sich ein Milliardenmarkt.

Femtech und das deutsche Krankenkassensystem
„Uns war klar, dass wir alle Aspekte abdecken müssen, damit das wirklich funktioniert, also von der Diagnose über die Therapie bis zur Nachsorge“, sagt Valentina Ullrich über die Idee zu einer digitalen Klinik. Damit sind sie Vorreiter im deutschsprachigen Raum. Unter der medizinischen Leitung der Ärztin Petra Stute, Präsidentin der Europäischen Menopausengesellschaft, entwickelte das Startup kostenpflichtige Leistungen, die Patientinnen über eine App nutzen können. Bisher gehören ein Stressmanagement-Kurs und Sprechstunden mit Gynäkologinnen dazu. Herzstück ist die digitale Therapie, ein mehrwöchiger, auf Aufklärung und Verhaltenstherapie basierender Selbstlernkurs für Betroffene, die unter einer klimakterischen Störung, also heftigen Symptomen, leiden. „Diese Frauen warten darauf, basierend auf ihrer Diagnose eine Behandlung zu erhalten“, sagt Ullrich. Die App wird es bald auf Rezept geben, wenn sie als Digitale Gesundheitsanwendung (Diga) zertifiziert ist. Gesetzliche Krankenkassen übernehmen dann die Kosten. Weitere Kurse sollen folgen. Frieda setzt auf ein Modell aus Eigenzahlung und Kostenerstattung. Für möglichst viele Frauen zugänglich und gleichzeitig als Unternehmen wirtschaftlich zu sein, sagt Ullrich, sei eine Herausforderung.
Auch wenn die Aufnahme in das Diga-Verzeichnis sehr aufwändig ist, für viele Femtechs ist sie entscheidend. Ohne diese Zulassung müssten Patientinnen die hohen Kosten selbst tragen, was hierzulande kaum funktioniert, anders als etwa in den USA. Deutschland habe zwar ein extrem reguliertes, aber an sich tolles Gesundheitssystem, so Ullrich. „Wir sind schon sehr fortschrittlich, wenn es um die Anerkennung digitaler Produkte geht.“
Allerdings geraten Digas zunehmend in die Kritik, weil viele zunächst ohne nachgewiesene Wirksamkeit zugelassen werden. Für gute Ideen ist das eine Chance, sich zu bewähren. Der GKV-Spitzenverband bemängelt, dass nur jede fünfte Diga einen echten Nutzen hat und sie sehr teuer sind.
Frauenärztin sieht den Staat in der Pflicht
Auch wenn sich die Femtech-Szene noch zwischen Milliardenmarkt und Mehrwert behaupten muss, sieht die Gynäkologin Mandy Mangler darin großes Potenzial. Die Chefärztin an Vivantes-Kliniken hostet den „Podcast Gyncast“ und arbeitet mit Femtechs wie Femna zusammen. Mandy Mangler plädiert für eine personalisierte Medizin, die besonders für Frauen wichtig ist, da viele Gesundheitsfragen noch unbeantwortet sind. Wenn Frauen selbst durch Tracking Daten sammeln, sei das sehr sinnvoll. Und wenn sie über digitale Plattformen ohne lange Wartezeiten mit Expert:innen sprechen möchten, hätte das auch ihre Berechtigung. „In der Zukunft spielen Apps, digitale Gesundheitsanwendungen und die Auswertung von Körperfunktionen eine absolut wichtige Rolle“, sagt Mangler am Telefon.
Sie sieht jedoch die Gefahr einer Zweiklassenmedizin, bei der Frauen mit niedrigerem Einkommen oder weniger Bildung schlechter versorgt würden. „Es darf nicht passieren, dass der Zugang zu guter Gesundheitsversorgung vom Geldbeutel abhängt“, warnt die Medizinerin. Mangler fordert eine stärkere Unterstützung durch Berufsverbände für Gynäkolog:innen, sodass diese ihre Patientinnen zeitgemäß versorgen können. Zudem sieht die Gynäkologin das Bundesgesundheitsministerium in der Pflicht, zentrale Strukturen zu schaffen, die den Markt der Frauengesundheit nicht nur kommerziellen Interessen überlassen.
Im vergangenen Jahr gründete WomenX Collective, eine Initiative des UN-Bevölkerungsfonds, seinen ersten von mehreren Hubs weltweit in Berlin. WomenX Collective hat sich der Förderung von lokalen Innovationen zur Verbesserung der globalen Frauengesundheit, insbesondere in ärmeren Gegenden verschrieben. Dafür setzten sie auf die Zusammenarbeit mit der Charité und Akteur:innen aus dem Gesundheitsbereich.
Vielleicht werden schon bald weitere Berliner Gründer:innen von Lagerhäusern oder Coworking-Spaces aus die Gesundheit von Frauen in aller Welt besser machen.
Gesundheit und Technologie sind absolut im Trend und Berlin gilt auch als zentrale Stadt der Longevity-Bewegung. Wir haben uns umgeschaut in der Szene jener Menschen, die mit biomedizinischen Hilfsmitteln natürliche Grenzen sprengen wollen. Gesundheit ganz analog verspricht ausreichend Bewegung. Und wenn die Sonne scheint, brauchen wir zum Sport machen nicht mehr, als ein Paar Laufschuhe und eine Portion Sonne: Das sind unsere liebsten Joggingstrecken in Berlin. Mehr Inspiration für die Puste, die ihr noch übrig habt, findet ihr in unserer Kategorie „Sport“.


