Stadtleben

Fensterputzer

Neulich kam ein junger Fensterputzer in unser Büro. Er schob einen Kinderwagen vor sich her und schaute wie jemand, dessen Frau zu ihm gesagt hat, dass er nun auch mal was tun solle. Irgendwas. „Schaff halt Kohle für uns ran, wenn du mich schon schwängerst.“ Der Arme fragte mich, ob ich die Fenster geputzt haben wolle, was angesichts der großen, verstaubten Glasfront eine gute Idee war. Überhaupt gebe ich jedem gern – auch, wenn ich mir manche Dienstleistung lieber ersparen würde – Jonglieren auf der Kreuzung etwa oder Schifferklavier spielen.

Wir machten zehn Euro aus, und als Nächs­tes fragte mich der Fensterputzer, ob ich einen Eimer mit Wasser hätte. Obwohl ich das Mitführen eines Eimers bislang schon für einen Teil seines Jobs gehalten hatte, kam ich der Bitte gern nach und verzog mich danach an den Schreibtisch. Fünf Minuten später kam der Fensterputzer wieder zu mir, und ich erwartete die nächste Frage – vielleicht nach einem Lappen oder nach Glasreiniger. Stattdessen sagte der Mann, dass er fertig sei. Die Fenster waren, nun ja, geputzt. Und zwar so, wie ich sie einst putzte, bevor ich beschloss, es anderen zu überlassen. Ich gab ihm das Geld und beglück­wünschte ihn innerlich zu einem Stundenlohn von 120 Euro.

Zwei Wochen später kam er wieder rein und fragte, ob er putzen könne. Ich sagte Nein, und er fragte mich, ob es am Preis liege. Ich sagte gar nichts mehr. Ich war gekränkt und fühlte mich betrogen. Ich kann da nicht über meinen Schatten springen. Am liebsten mochte ich die Fensterputzer an der Kreuzung, die für mich immer so was waren wie die Helden in der Servicewüste Deutschland. Dienstbare Geis­ter, die genau im richtigen Moment, nämlich an der Ampel, die Scheiben sauber machen. Man verliert keine Zeit und hilft einem Kleinstgewerbe auf die Füße. Besonders verachtenswert finde ich die Autofahrer, die lieber mit verschmutzter Scheibe weiterfahren, anstatt einen Euro zu opfern.

Das ist vorbei, ich kann nun jeden verstehen, der abwinkt. Kürzlich stand ich am Großen Stern und beobachtete wieder so einen geizigen Opelfahrer, der unhöflich den Kopf schüttelte, als sich jemand mit einem Abzieher näherte. Ich hatte zwar keinen Bedarf, aber der Fensterputzer malte mir mit seinem Werkzeug ein kleines Herz auf die Scheibe, sodass ich angerührt zustimmte. Und plötzlich sagte er zu mir: vier Euro – und hielt dazu vier Finger in die Luft. In diesem Augenblick fiel eine Welt für mich zusammen – und alle Solidarität mit den sozial Schwachen an der Ampel von mir ab. Ich hätte heulen können. Nicht der blöde Opelfahrer war das Arschloch, sondern dieser kleine Zigeuner.

Mit derselben brüsken Attitüde, wie ihn die Menschen abwimmeln, hatte er mich der Möglichkeit beraubt, selbst zu bestimmen, was mir seine Arbeit wert ist. Denn das war das Abkommen: Ich überlass dir meine Scheibe, du überlässt mir, was ich dir dafür gebe. Und vertrau mir, ich bin kein Opelfahrer.
Vorbei. Er hat mich verloren. Und seine ehr­baren Kollegen auch. So klar wollte ich eigentlich nie sehen.

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