Stadtleben

Fertig wäre die Laube

photocase_datsche„Cool! Wir nehmen die Laube! Oder, Max?“, strahlt die blonde Mittdreißigerin in der G-Star-Jacke. Max starrt durch die Löcher im Dachstuhl und nickt. „Und Sie meinen wirklich, das ist was für Sie, junge Frau?“, murmelt der vierschrötige Vereinsvorsitzende. „Klar, mein Mann und ich brauchen nicht viel und Laura und Elias sollen schließlich im Grünen aufwachsen! Wollen Sie die beiden mal sehen?“ – Fingern übers iPhone, Schielen – „Wo ist denn hier das WLAN?“ Die dicke Stirn wirft Falten: „Wat für’n Laden?“

Arme Lisa, armer Max – sie sind so etwas wie der Archetypus der landsehnsüchtigen Urbanisten. Der Traum vom romantischen Holzhaus auf saftiger Wiese, mit großer Veranda, umweht vom Sommerwind, der See mit Ruderboot nur einen Steinwurf entfernt, tobt derzeit durch viele Köpfe. Bio-Fans und Konsumverweigerer addieren noch Angel­rute und das eigene Gemüsebeet, Freiberufler das entspannte Arbeiten am solarstrom­betriebenen Laptop dazu. Die Sehnsucht nach einem naturverbundenen Leben fern von Großstadtlärm liegt in der Luft.

Gerade in Berlins und Brandenburgs Garten- und Seenlandschaft scheint das grüne Glück zum Greifen nah. Wer sich Enttäuschungen ersparen will, sollte sich aber im Vorfeld Gedanken machen, ob er den He­rausforderungen des realen Laubenlebens tatsächlich gewachsen ist. Dazu genügt ein simpler Dialog mit sich selbst, schonungslos offen und mit dem Mut zum Nein-Sagen.

Also, Vorhang auf für Frage eins: Komme ich ein Wochenende oder länger ohne fließend Warmwasser, mit Chemieklo und Gemeinschaftsdusche, ohne Föhn und Waschmaschine aus? Ja? Zur Not sogar ohne Kühlschrank? Mit einfachen Mahlzeiten, die ich auf einem leistungsschwachen Gasherd koche? Tagelang? Sehr gut.

Gemeinsame Währung: Bier

Nehmen wir also die nächste Stufe: Wussten Sie, dass Laubendächer lecken, Wände, Gartenmöbel, Boote Anstrich brauchen, alle zwei Jahre mindestens? Überhaupt ist immer irgendetwas zu hämmern, dübeln oder zu schrauben. Verfüge ich also über ein Mindestmaß an handwerklichem Geschick? Kann ich einen Nagel in die Wand schlagen? Und wenn nicht, bin ich bereit, meinen Nachbarn um Hilfe zu bitten und zum Dank einen Kasten seines Lieblingsbiers gemeinsam mit ihm auszutrinken? Großartig!

Kommen wir jetzt zum Garten, er ist das Herz jeder Laube und braucht Zuwendung, wie Hund, Katze oder Hamster daheim. Gemüse und Kräuter wollen behutsam gezogen und gegossen werden, Sträucher und Hecken wollen geschnitten, Rasen will gemäht sein. Also, kann ich das und will ich es auch tun? Versprochen? Wer darüber hinaus nicht ganz der Zivilisation entsagen will, wer elektrisches Licht bevorzugt oder seinen Laptop nutzen möchte, braucht eine Solaranlage oder – weniger umweltbewusst – einen Stromgenerator. Ist beides nicht vorhanden, muss es angeschafft, installiert und gewartet werden. Habe ich dazu Lust und Geld? Um die tausend Euro darf man rechnen. Noch ein Ja? Perfekt.

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Ist der Körper willig, fehlt noch der Geist: Denn das Gros der Lauben in Berlin und Brandenburg wird von Vereinen vergeben, die ein dichter Dschungel aus Satzungen und Hausordnungen umgibt. Hier kann man nicht alles, was man möchte, tun und lassen, und muss darüber hinaus mit Menschen auskommen, die man nicht umgehend adoptieren würde. Social Skills und Toleranz sind gefragt. Haben Sie? Und Ihre Kinder? Schwimmen sie wirklich lieber im See und schauen den Eichhörnchen beim Nüsseknacken zu, als mit anderen Kids zu twittern?

Ganz bestimmt? Dann denken Sie noch an eins: Besitz verpflichtet. Wenn Sie ein grünes Eigenheim besitzen, werden Sie das Verlangen spüren, dort immer wieder nach dem Rechten zu sehen. Darüber sind Sie sich klar? Fantastisch, fertig ist die Laube!

Foto: Cydonna / photocase.de

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