Stadtleben

Fischzug am Spreeufer

JW_Spree„Die ersten Berliner waren Fischer“, so starten diverse Websites zum Thema Angeln in Berlin. Mittlerweile gibt es zwar noch Berufsfischer in der Hauptstadt, die Mehrzahl der Menschen am ungefährlicheren Ende der Angelrute betreibt das Angeln allerdings als Hobby. Und wassertechnisch hat Berlin ja auch einiges zu bieten. Sieben Prozent der Hauptstadt, verteilt auf diverse Flüsse, Kanäle und Seen, sind flüssig, also mehr als in jeder anderen europäischen Metropole.

Wenn man die Regeln einhält (mindestens Fischereischein plus Angelkarte für das betreffende Gewässer), kann man mit einem Startequipment ab ca. 100 Euro mitfischen, erklärt mir die Fachkraft im Angelgeschäft meines Vertrauens. Kinder-Stippen gibt’s schon ab 10 Euro, allerdings gibt es schon für die kleinen Angelsympathisanten Auflagen, die man befolgen sollte (siehe unten!). Im Gespräch erfahre ich, dass Angler ihre Gerätschaften äußerst ungern verleihen und auf keinen Fall ihre Lieblingsangelplätze dahergelaufenen Schreibern verraten. Die hier zumeist geangelten Fische sind Blei, Plötze (auch als Rotauge bekannt), Rotfeder, Schleie, Barsch und Güster. Die haben alle keine Schonzeit, können also ganzjährig geangelt werden. Die Schleie aber z. B. muss ein Mindestmaß von 25 cm erreicht haben. Sachdienliche Informationen und Vorgaben dazu gibt es in einem kompakten Heft mit Namen „Friedfischangeln ohne Fischereischein“ vom LVLF (Landesamt für Verbraucherschutz, Landwirtschaft und Flurneuordnung), das kostenlos in jedem Angelgeschäft erhältlich ist.

Ebenda fühle ich mich wie in einer Welt des Modeschmuck-Bastelns. Meterlange Wände voller knallbunter, glitzernder Dinge, aus denen sich bestimmt prima Ohrringe basteln ließen, doch das alles soll den misstrauischen Fisch an den Haken locken. Zusätzlich gibt’s allerlei unterschiedliches, teilweise lebendes, Lockmittel zum Anfüttern. Mit steigendem Preis versprechen diese „entscheidend fängiger“ zu sein. Die Angler, mit denen ich sprach, vertrauen zum Anfüttern und Ködern allerdings lieber selbst hergestellten Spezialmischungen. Grundsätzlich unterscheidet man zwischen Friedfisch- und Raubfischanglern. Die setzen unterschiedliche Kenntnisse und Erlaubnisscheine voraus. Je nachdem, ob man lieber tagsüber oder nachts die Rute ins Wasser hält, ergeben sich unterschiedliche Angelergebnisse.

Aal, Zander und Wels beißen lieber nachts. Der klassische „Pottfischer“ angelt, weil er abends gern Fisch essen würde. Eine weitere Art der Angler sitzt ergebnisunabhängig einfach lieber am Wasser als zu Hause. Und die neue Generation der Angler setzt verstärkt auf High-End-Equipment und gibt dafür auch gerne viel Geld aus. Diese frönen oft dem sogenannten „Catch & Release“, also fangen und wieder freilassen. Für den hoffentlich kapitalen Fisch am wie auch immer gearteten und ausgestatteten Haken liegt dabei zwischen Fang und wiedererlangter Freiheit allerdings noch eine kleine Fotosession, denn beim Catch & Release geht es einzig darum, die eigenen Angelergebnisse im Foto zwecks Vergleich mit der Konkurrenz festzuhalten. Meine neue Angelbekanntschaft Alex (47, Kreuzberg) kennt Catch & Release-Angler, die an der erwählten Angelstelle 14 Tage lang anfüttern, um die Fische an diese Stelle im Gewässer zu gewöhnen. Dann erst kommt das eigentliche Angeln.

In voller Montur wird stundenlang mit der Angel in der Hand ausgeharrt, um dann das schuppige Fotomodell zu erwischen. Die Ergebnisse dieses „Angeln 2.0“ sind später im Netz zu bewundern. „Catch & Release“ ist allerdings nicht unumstritten und der Fangvorgang für die Tiere auf jeden Fall Stress. Aber egal welcher Art des Angelns man nachgeht, ob man nur fürs Foto oder vielleicht doch für die Pfanne angelt: Man sollte dem meditativen Aspekt dieser Freizeitbeschäftigung schon einiges abgewinnen können und eine Menge Geduld mitbringen. Und sich vorher auf den einschlägigen Seiten im Netz informieren. Angeln ohne Erlaubnisscheine unterliegt nämlich laut § 293 des Strafgesetzbuches dem Strafbestand der Fischwilderei und wird deshalb schon bei Ersttätern mit einem Bußgeld (Katalog nach oben weit offen!) ab 150 Euro wie ich beim Fischereiamt erfuhr.

Jetzt habe ich Lust auf Fisch, aber absolut keine Geduld fürs Angeln. Also auf ins Restaurant mit Fisch auf der Speisekarte. Zander mag ich besonders gern. Dumm gelaufen: Der hat gerade Schonzeit.

Text: Silke Super

Foto: Jan Wirdeier

Die besten Fischgründe, Fachgeschäfte und Informationsstellen:

Angelstellen: Hohenzollernkanal, Saatwinkler Damm, Charlottenburg Lohmühleninsel, Kreuzberg Pfaueninsel, Zehlendorf Spreeufer gegenüber dem Kanzleramt, Tiergarten Insel der Jugend, Treptow

Angelhaus Koss – Das Fachgeschäft blickt auf eine 50-jährige Firmengeschichte zurück. Man legt großen Wert auf gute Beratung.
Tegeler Str. 36-37, Wedding, Tel. 454 21 35, www.angelhaus-koss.de, U-Bhf. Wedding, Amrumer Str., Mo-Fr 8.30-18 Uhr, Do 8.30-20 Uhr, Sa 8.30-13 Uhr

Fischerman’s Friend – Neben dem nötigen Equipment können Interessierte hier auch Anglerreisen buchen oder Mitglied im Anglerverein werden.
Invalidenstr. 15, Mitte, Tel. 449 12 43, www.fischermans.de, U-Bhf. Zinnowitzer Str., Mo-Fr 10-18 Uhr, Do 10-20 Uhr, Sa 9-13 Uhr

Deutscher Anglerverband (DAV), Landesverband Berlin – Der Landesverband hat rund 9.000 Mitglieder und ist die zentrale Anlaufstelle für alle Fragen rund ums Angeln.
Hausburgstr. 13, Friedrichshain, Tel. 427 17 28, www.landesanglerverband-berlin.de

Verband Deutscher Sportfischer (VDSF), Landesverband Berlin-Brandenburg – Dieser Verband setzt sich für die Förderung des Castingsports ein, bei dem die Angelschnur besonders weit ausgeworfen wird.
Hugo-Cassirer-Str. 46, Spandau, Tel. 782 05 75, www.vdsfberlinbrandenburg.de

Fischereiamt Berlin – Als zuständige Behörde kümmert sich das Fischereiamt um die Einhaltung der Fischereigesetze rund um die Berliner Gewässer und den Schutz der aquatischen Umwelt.
Havelchaussee 151, Charlottenburg, Tel. 30 06 99 14, www.stadtentwicklung.berlin.de/umwelt/fischerei/fischereiamt

Service-Portal Berlin – Das Service-Portal bietet kompakte Informationen zur Erteilung und Verlängerung des Fischereischeins.
http://service.berlin.de/dienstleistung/324355

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