Stadtleben

Abhängen – Suspension in Lichtenberg

Foto_von_Bjoern_TrautweinNetty dreht sich eine Zigarette und lacht. Das wundert ein bisschen. Denn im Rücken der 22-Jährigen stecken zwei große Edelstahlhaken. Kurze Blutspuren trocknen unter den vier Einstichlöchern. Neben ihr auf dem filzig-grauen Boden einer Lichtenberger Fabrikhalle sitzt ihr Freund Sven (25). Auch er mit zwei Haken im Rücken. Seit drei Tagen sind die beiden ein Paar. Für ihr erstes Wochenende haben sie sich gleich was Besonderes ausgedacht. Beim „Superfly Suspension Summercamp“ werden sie zu ihrer ersten Suspension abheben. Eher zufällig. Sven kennt einen der Organisatoren: Chandler Barnes (32) ist Amerikaner, seit zehn Jahren Piercer in Berlin und Gründer der „Superfly“-Gruppe, die das Summercamp veranstaltet. „Morgen hängen wir euch auf“, hat er gesagt. Das war gestern. „Suspension“ ist eine Spielart der Piercingszene. Dabei lässt man sich mit Stahlhaken an der eigenen Haut aufhängen und von der Decke baumeln. Fliegen lernen – auf die harte Tour. Rund 150 Gäste sind von Freitag bis Sonntagabend in die Fabrikhalle gekommen. Die meisten zum Zuschauen, gut 30 werden am Ende selbst „geflogen“ sein. Vier Hängevorrichtungen baumeln in einem abgetrennten Flur von der gut zehn Meter hohen Decke. Handgeschnitzt aus dunklem Wurzelholz. Darunter sitzen die Zuschauer an der Wand. Alle hier sind gepierct, tätowiert – haben Brandings, Ziernarben oder Metallkugeln unter der Haut. Drachen winden sich über Rücken, Narben den Bizeps entlang. Wer hier als Außenstehender reinkommt, fühlt sich wie ein Entdecker fremder Völker.
Foto_von_Bjoern_TrautweinNetty und Sven haben sich für eine etwas sanftere Methode entschieden. Den „Suicide“ – zwei Haken im Rücken. Trotz des eher abschreckenden Namens besonders gut geeignet für Anfänger, weil einem Bewegungsfreiheit bleibt. „Ein bisschen nervös bin ich schon“, sagt Netty. Die angehende Tischlerin wirkt unschuldig inmitten all der Gepiercten und Tätowierten. Doch das Schlimmste haben die beiden bereits hinter sich. Vor ein paar Minuten haben sie sich die Haken setzen lassen. Nebeneinander in einer Art OP-Saal. Vier Liegen mit grünen OP-Tüchern. Die Wände mit dicker Folie abgehängt. „Das Haken stechen ist sicher das Schmerzhafteste bei einer Suspension“, sagt Andrea, ebenfalls von Superfly. Danach wird’s besser. Ein paar Minuten hat es gedauert. Rückenhaut ist relativ zäh, dafür unempfindlich. Am Arm geht’s wie Butter. Doch Andrea beruhigt: „Das sieht schlimmer aus, als es ist.“
Netty und Sven waren tapfer. Sie hat kurz und laut gestöhnt. Er kurz geschrien. Frauen sind eben zäher als Männer.
Wirklich gefährlich ist die Suspension nicht. Kreislaufprobleme sind das häufigste Problem: „Manchmal wird einer ohnmächtig, aber passiert ist noch nie etwas“.

Den vollständigen Artikel finden Sie im tip 19/08

Text und Fotos: Björn Trautwein

Infos über Superfly Suspension
http://www.provocativepiercings.de

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