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Florian Noto über die Kampagne „Atomausstieg selber machen“

Florian-Nototip: Auf www.atomausstieg-selber-machen.de erfährt man, wie man zu Ökostromlieferanten wechselt. Wie haben sich die Zugriffszahlen seit der AKW-Katastrophe in Fuku­shima verändert??

Florian Noto: Am Tag nach dem Unfall in Fukushima rief mich unser Web-Administrator an und sagte, dass wir plötzlich fast 20?000 – statt sonst rund 1?000 – Zugriffe pro Tag hätten und unser Server zusammenzubrechen droht. Wir sind dann auf einen anderen Server umgezogen.

tip: Wer ist der Initiator dieser Webseite??

Florian Noto: Die Kampagne wird von 22 Umweltverbänden getragen. Da sind neben kleineren alle großen Umweltverbände dabei: BUND, Greenpeace, NABU oder Robin Wood e.V. Die Kampagne soll Leuten nicht nur zeigen, wie das mit dem Wechseln zum Ökostromanbieter funktioniert, sondern auch dazu anregen, selber aktiv zu werden. Aktionsgruppen, die bei Demonstrationen etwa Flugblätter verteilen wollen oder Infostände auf der Straße planen, können bei uns Material bestellen.

tip: Ihre Webseite ist seit 2006 online. Gab es einen speziellen Grund für die Kampagne??

Florian Noto: Der Startschuss kam, weil RWE eine Laufzeitverlängerung für das Atomkraftwerk Biblis beantragt hatte. Überhaupt wurde der Druck der Atomkonzerne damals wieder sehr viel stärker. Auch wenn sie den Atomkonsens unterschrieben hatten, wurde deutlich, dass sie kein einziges Atomkraftwerk abschalten wollten. Die Umweltorganisationen überlegten deshalb, sich zusammenzutun und statt ihrer jeweiligen „Lieblings-Ökostromanbieter“ lieber eine gemeinsame Empfehlung abzugeben: Vier Ökostromanbieter, die wirklich erneuerbare Energien produzieren und in diese Systeme investieren. Das sind EWS Schönau, Greenpeace Energy, Lichtblick und Naturstrom. Von allen kann man auch in Berlin Strom beziehen.

tip: Wie viele der 20?000 Webseiten-Besucher wechseln tatsächlich zum Ökostromanbieter??

Florian Noto: Von unseren Ökostromanbietern bekomme ich mit, dass die Zahl der Neuanmeldungen in diesen Tagen stark gestiegen ist.

tip: Reicht Ökostrom überhaupt für alle??

Florian Noto: Ja. Das sieht man auch an der aktuellen Situation: Acht von 17 AKWs sind nun abgeschaltet, und trotzdem gehen keine Lichter aus. Bereits jetzt haben wir in unserem Strommix 17 Prozent Ökostrom: In den letzten Jahren wurden sehr viele Windräder und Solaranlagen gebaut. Selbst nach dem Energiekonzept der Bundesregierung soll bis 2050 rund 80 Prozent des Stroms Ökostrom sein. Viele Studien sagen, dass bis dahin sogar 100 Prozent möglich sind: Durch Biomasseverbrennung, verbesserte Speichertechniken oder intelligente Systeme, die die Stromnachfrage an das Angebot anpassen – die Waschmaschine etwa schaltet sich automatisch dann ein, wenn der meiste Strom da ist.

tip: Einen Windmühlenpark in der Nachbarschaft finden trotzdem nur wenige schön.?

Florian Noto: Kraftwerke, egal was für welche, sind nicht beliebt. Außer vielleicht Solaranlagen auf den Häuserdächern. Aber gegenüber den Schäden durch konservative Kraftwerke ist die Belästigung etwa durch Windkraftwerke eher gering. Der Braunkohle- oder Uranabbau zerstört ganze Landschaften nachhaltig. Uranabbau führt außerdem zur Strahlenbelastung – ganz abgesehen von den ungelösten Problemen in Sachen Atommüll. Man muss verstärkt ein Bewusstsein für die Nebenaspekte von Kraftwerken schaffen, dann würde die Akzeptanz von Ökostromkraftwerken steigen.

tip: Fukushima ist weit weg: Wie lange wird das Interesse an Ökostrom noch anhalten??

Florian Noto: Viele Anti-Atom-Gegner, die die letzten Jahre nicht so aktiv waren, legen jetzt wieder los. Nicht nur wegen des Unglücks in Japan, sondern auch wegen Tschernobyl, wo sich die Katastrophe am 26. April zum 25. Mal jährt. In der nächsten Zeit sind nicht nur Mahnwachen, sondern auch Großdemonstrationen geplant. Auch viele Ostermärsche werden in diesem Jahr unter dem Motto  „Atomkraftwerke abschalten! – Atomwaffen abschaffen!“ stehen. Alle Initiativen wollen das dreimonatige Atom-Moratorium dazu nutzen, gegen Atomkraftwerke zu wirken.

tip: Wirtschaftsminister Brüderle scheint das Moratorium nicht sehr ernst zu nehmen.?

Florian Noto: Um dem Gemauschel im Kanzleramt etwas entgegenzusetzen, ist politischer Druck jetzt sehr wichtig.

tip: Was kann der Einzelne in diesen Tagen tun??

Florian Noto: Man kann sich an Demos beteiligen oder für die Anti-Atombewegung spenden, denn die ganzen Aktionen kosten natürlich. Sehr wichtig ist meiner Ansicht nach aber auch, den Stromanbieter zu wechseln. Das ist eine Unterschrift gegen Atomkraft, mit der man den Energiekonzernen klarmacht, dass sie Kunden verlieren, wenn sie mit ihrer Atompolitik so weitermachen.

Interview: Eva Apraku/ Igor Mitchnik

Foto: Oliver Wolff

Atomausstieg selber machen c/o Deutscher Naturschutzring e.V., Marienstraße 19/20, Mitte. Fragen zum Stromwechsel unter
Tel.: 0800-762 68 52 (kostenlos), www.atomausstieg-selber-machen.de

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