Stadtleben

Folge 177: Endhaltestellenlotto

Landschaft

An den Wochenenden spielten wir dieses Spiel. Wir zogen am S-Bahn-Automaten ein Ticket, setzten uns in eine beliebige Bahn und fuhren bis zur letzten Station. Dann folgte, reichlich planlos, die Erkundung des Gebietes. So wanderten mein Freund und ich vorbei an Plattenbauten in Feldrandlage. Wir fluchten über fehlende Netzverbindungen, entdeckten Schlösser an menschenleeren Seen und lebensgroße Gorilla-Staturen in Vorgärten.
Manchmal brachen wir auch unsere eigenen Regeln und beim letzten Mal stiegen wir am S- Bahnhof Karow in die Heidekrautbahn um. Wir waren überrascht, als der Zug am Bahnhof stoppte, denn nirgendwo war ein Hinweis auf Regionalzugverkehr zu sehen. Wir rauschten Richtung Norden, vorbei an Windrädern, Bisonherden und Landstrichen mit blaurotem Heidekraut. Eine Viertelstunde später stiegen wir am Rand eines Tannenwaldes aus.  Der Dorfkern in Zühlsdorf ist unspektakulär, an einer Hauptstraße gelegen. Er besteht aus einer Kirche, ein paar Bauernhöfen und dem sozialen Hotspot Knorris Modecafe. Wir spazierten durch den Wald, passierten eine Mühle und Pferdekoppeln. In der Abenddämmerung standen wir vor einem kleinen Haus, an dessen maroden Gartentor ein Schild hing: „Zu verkaufen“. Das Haus steht in einem großen, verwunschenen Garten, versteckt zwischen hohen Tannen. Wir mochten es sofort. Immer wieder sind wir mit der Heidekrautbahn nach Zühlsdorf gefahren, tranken Kaffe bei Knorris und besuchten den verwilderten Garten. Wir fragten uns, wie es wohl wäre, hier zu leben. Dann sprachen wir die Leute auf der Straße an. Wir wollten herausfinden, wie die Zühlsdorfer so drauf sind, ob es schnelles Internet gibt und wie es sich in einem Ort ohne U-Bahn und Supermarkt so lebt. Fast jeder reagierte freundlich und hilfsbereit. Am Ende haben wir uns getraut und das Haus wirklich gekauft. Auch, weil es sehr günstig war und das Risiko eines Fehlkaufs, durch unseren Hauptwohnsitz in Berlin, überschaubar bleibt. Inzwischen kennen wir unsere Nachbarn mit Vornamen und  lernten erste Vorteile des Lebens in einem 2000 Seelen Dorf kennen. Man hilft sich untereinander mit Mitfahrgelegenheiten und Schubkarren aus. Weil Zühlsdorf nah an Berlin liegt, können wir uns gut vorstellen, einmal ganz überzusiedeln. Letzte Woche lernten wir aber auch die Kehrseite der Idylle kennen. Da saßen am Kneipentisch drei Typen, die Witze über Muslime rissen und sich unter Gelächter damit brüsteten, die Alimente für die eigenen Kinder zu spät zu zahlen.  Einst erkundigten wir uns auch nach Rechtsradikalismus und man versicherte uns, dass dies hier kein Thema wäre. Lediglich ein altes Sprichwort  bestätigt sich: „Gegen Dummheit ist noch kein Kraut gewachsen.“ – nicht mal in Brandenburgischen Heidekrautlandschaften! Ist es nun ein Hauptgewinn oder sind es doch nur drei Richtige beim Endhaltestellenlotto? – In ein paar Jahren wissen wir mehr.

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Zwischen Disko und Dispo – Folge 177: Endhaltestellenlotto

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