Stadtleben

Folge 179: Bewerbung

Leben auf dem Mars


Sehr geehrte Damen und Herren,


hiermit möchte ich mich für ihr Projekt „Mars One – The Human Settlement of Mars“ bewerben.
Ihre Facebook-Präsentation hat mich sehr beeindruckt und gerne würde ich ihr Team bei diesem interessanten und zukunftsweisenden Projekt unterstützen. Anbei sende ich ihnen meinen Lebenslauf sowie ein Empfehlungsschreiben meines aktuellen Arbeitgebers, dem Tip-Stadtmagazin. Auch hier wäre man an einer Zusammenarbeit interessiert aus nahe liegenden Gründen, wie ’neue Märkte erschließen‘ , ‚Imagekampagne: erstes Stadt-Magazin auf dem Mars‘, u.s.w.Gerne würde ich als Kolumnistin erste Schritte der Menschheit auf dem Mars kritisch dokumentieren. Durch meine bisherige Tätigkeit im Berliner Nachtleben bin ich auf extreme Bedingungen vorbereitet und hochflexibel in der Arbeitsweise. So ist es mir möglich, Texte in gefühlter Schwerelosigkeit, mit wenig Sauerstoff und auch unter ungünstigsten Lichtverhältnissen (Schwarzlicht, Stroboskobgewitter) zu formulieren. Professor Hans-Joachim Blome von der Fachhochschule Aachen informierte bereits im Focus Magazin über die zu erwartende radioaktive Strahlung auf der Marsoberfläche. Ich freue mich daher, Ihnen mitteilen zu können, dass ich plane, einen Großteil meiner Lebenszeit auf dem Mars in unterirdischen Gewölben zu verbringen. Seit den frühen Neunziger Jahren trainierte ich vorbreitend in Berliner Kellerclubs. Bis zu 48 Stunden harrte ich hierzu unter ähnlichen Bedingungen, in strahlungssicheren Räumen des WMF, Deep-Clubs oder Walfisch unterhalb  der Erdoberfläche aus. Wegen der zu erwartenden Temperaturen auf dem Mars mit -85 Grad bei Nacht und den, wie ich hörte, leider auch sehr unwegsamen Böden, werde ich entsprechende Garderobe bzw. robustes Schuhwerk mitführen. Hier auf der Erde kennt man mich vor allem als hilfsbereite und kommunikationsfreudige Person und es wäre mir ein persönliches Anliegen auf dem Mars als emotionaler Anker für meine Mitmenschen zu fungieren.  Bei einer, wegen des fehlenden Sonnenlichts zu erwartenden, kollektiven Massendepression könnte ich auf unkonventionelle Art Hilfe leisten. Das KnowHow für improvisierten Slapstick und kleinere Tanzprogramme erwarb ich am Europäischen Theaterinstitut. Ich darf und möchte ihnen nicht verschweigen, dass die Ursache für mein Interesse an ein durch ihre Firma ermöglichtes Leben auf dem Mars vor allem auf Wut und gefühlter Perspektivlosigkeit basieren. Die politische Situation in Europa, das marode Gesellschaftssystem, das soziale Gleichgewicht, Klima- und Umweltschutz scheinen mir, sowie 1022 weiteren, meiner Facebookfreunde unwiederbringlich gescheitert. Ich setze daher meine Hoffnungen auf einen Neustart an unverbrauchtem Ort. Besonders erfreut hat mich die Nachricht, dass das Dresdener Forscher Team um Prof. Fritz Gerald Schröder am Algenreaktor bereits freischwebende Pflanzen für den Mars züchtet. Ich darf ihnen mitteilen, dass auch ich über eine erstaunlich resistente Balkonpflanze (Tomate) verfüge, die ich dem Team selbstverständlich kostenfrei zur Verfügung stellen werde.  Es würde mich freuen  ihnen meine weiteren, konkreten Vorschläge in einem persönlichen Gespräch präsentieren zu dürfen.


Hochachtungsvoll, Jackie A.

Foto: Bryan Versteeg / Mars One

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Zwischen Disko und Dispo – Folge 179: Bewerbung

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