Stadtleben

Folge 62: Der neue Mann

In Jogginghose vorm TV liegend, wurde ich in der Sendung Polylux darüber informiert, dass soeben ein neuer Typ Man entdeckt wurde, auf den die Frau von heute abfährt: er ist dick und trägt Vollbart. Als Beispiel wurden der Sänger Friedrich Lichtenstein und DJ Jake The Rapper benannt. Jeder, der den Berliner Entertainern einmal persönlich begegnete weis, dass beide so typisch für neue Männer sind wie zwei Buiscuittörtchen im Brotregal. Beide sind Unikate, die unabhängig von Gewicht und Gesichtsbehaarung funktionieren – einfach weil ein geiler Typ, ein geiler Typ ist – mit oder ohne Wampe.
Leider ist die Anzahl an ‚geilen Typen’ in Berlin und Raum Brandenburg stark limitiert und dem vermeintlichen Trend fehlt schon zahlenmäßig jede Grundlage. Dennoch mochte ich den Beitrag.
Ich stellte mir vor wie es Samstagnacht im Picknick oder im Bang Bang Club wäre, wenn die Männer dort plötzlich nicht mehr aussähen wie Jamie Reynolds von den Klaxons oder Tony Hadley von Spandau Ballet (bevor er ein dick wurde). Stattdessen würden kräftige Kerle vom Typ Bud Spencer oder Ivan Rebroff die Tanzfläche bevölkern. Dann wäre endlich mal Stimmung! Die Röhrenjeans wären passe, und neben einem unvermeidlichen Buggy-Pants-Revival würden modebewusste Männer Toga Gewänder im Stil der Griechischen Mythologie für sich entdecken.
Kurz darauf würden in den Accessoire-Abteilungen einer schwedischen Textilkette kleine, goldene „Caesar“ -Haarkränze für 4, 95 angeboten – wobei die coolen Dickbärte Schmuck und Garderobe selbst herstellten oder wenigstens einen regionalen Designer an der Hand hätten, der dies für sie erledigte.
Szeneaffine Partyveranstalter reagierten, indem sie Tafeln neben der Tanzfläche aufbauten, auf denen der Wein in Krügen bereitstünde, sowie Kartoffeln, Trauben und ein gegrilltes Schwein, in dessen Schnauze ein roter Backapfel steckt- dies würde als funky und dekadent gleichermaßen gelten. Und während sich gut gelaunte Männer an den Tischen mit bloßen Händen bedienten, wären Themen rund um Vegetarismus oder anstrengende Sportarten extrem passe.
Was als Nischen-phanomän in Clubs mit merkwürdigen Namen wie Renate oder Ritter Butzke begänne, wäre in spätestens 4 Jahren mainstream. Zur einst spontan iniziierten „Bauch und Bart“ -Parade mit 6 Teilnehmern würden mittlerweile 1,5 Millionen Touristen aus aller Welt anreisen. Chefs von RTL 2 und Pro 7 würden für die Zielgruppe der 20-35 Jährigen den Moderatorenstamm um einige unwesentlich übergewichtige Alibi-Bart-Träger aufstocken. Zeitgleich würde Marc Terenzi einen erneuten Comebackversuch starten und im aktuellen Videoclip unterm Fenster von Ex-Lebensgefährtin Sarah Connor im neuen Look erscheinen, als beleibter und bärtiger Wandersmann, R’n’B Balladen singend. Sarah Connor würde ihr Fenster laut Drehbuch nicht öffnen und erste, dicke Bartträger in Deutschland dächten wieder über Gewichtsreduktion nach.

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