Stadtleben

Folge 64: Silvester

Silvester – so als Vorname – hat ja was. Wenn mittags um elf eine Person den Schwarzen Adler in Neukölln betritt und die Tresenkraft den Stammgast begrüßt mit: „Silvester! Heute sind wa aber pünktlich – en Herrengedeck und ne Knacker?“, daraufhin der ältere Herr in Jeansmontur mit dem Frank-Zander-artigen Schnauzbart kurz nickt und wie üblich sein Kleingeld zusammensucht, kommen keine falschen Erwartungen auf. Dann ist klar: Das ist zu 100 Prozent Silvester, wie man ihn kennt und gerne hat.
Ganz im Gegensatz zum gleichnamigen Event, der einfach nur nervt! Ärgerlicherweise kommt Silvester als Jahreshöhepunkt nur selten so entspannt und unkompliziert daher wie benannter Kneipenstammgast – wobei Menschen und Festtage sich ja nur bedingt vergleichen lassen. Silvester als Event ist grundsätzlich zum Scheitern verurteilt, und das liegt am miserablen Timing. Es mag Menschen geben, die freuen sich wie verrückt auf diesen letzten Tag im Jahr und besorgen schon Monate vorher Papierschlangen und Tischdekorationen wie winzige Glücksschweine mit einem Cent-Stück im Maul. Von den restlich verbliebenen, mir bekannten Personen wird Silvester ungefähr mit der gleichen Spannung erwartet wie der letzte Teller bei einem 14-Gänge-Menü – und zwar vor dem Dessert.
Anders als im schönen Pasewalk (oder Borgsdorf) hat man sich in Berlin mit einem anstrengenden Nonstop-Party-Angebot auseinanderzusetzen – da hält sich die Aufregung natürlich in Grenzen, nur weil da am letzten Tag im Kalender kursiv und in Rot das Wörtchen Silvester geschrieben steht. Eine Anpassung an aktuelle gesellschaftliche Gegebenheiten wäre einer Prüfung wert, denn die Streichung des Silves­tertermins hätte – wenigstens im Zuständigkeitsbereich von Wowereit – eine Reihe positiver Folgen:

-kein Stress (weil man unbedingt noch bei A, B und C vorbeischauen muss, um exakt fünf Minuten vor Mitternacht bei der Party von D anzukommen.)
-keine Jahreswechseldepressionen („Wie – das soll alles gewesen sein?“)
-keine falschen Vorsätze („Das ist mein letztes Glas/letzte Zigarette.“)
-keine Knallereien (dafür Taxis auch am 31.12. an jeder Ecke)
-keine Nachrichten über Halbwüchsige, denen Feuerwerk in den Jeanstaschen die gerade erst heranwachsende Männlichkeit ver­sengt hat.

Eine Petition zur Abschaffung von Silvester würde ich sofort unterschreiben. Unglücklicher­weise liegt mir nichts in der Art vor. Daher empfehle ich einen Kompromiss. Silvester bleibt – wird aber verschoben.
Laut Wikipedia passierte einige 100 Jahre vor Christus der Jahreswechsel noch am 1. März, einem vorfrühlingshaft unverbrauchten Termin also im ers­ten Drittel des Jahres, der im Laufe diverser Kalenderneuordnungen verloren gegangen sein muss. Warum diesen historischen Termin (alte Germanen, zirka 200 vor Christus) nicht reaktivieren? Sie finden, das ergibt keinen Sinn, und Silvester sollte so bleiben, wie er ist? – Erinnern Sie mich bitte, am 1. Januar noch mal nachzufragen!

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