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Zwischen Disko und Dispo, Folge 66: Aktuelle Kamera

 

 

Ich kann mich nicht erinnern, wann ich zuletzt etwas Gutes übers Fernsehen gehört habe. Das TV hat so ein schlechtes Image, dass man schon kurz mal nachdenken muss, bevor man sich in aller Öffentlichkeit als Riesenfan outet. Das war nicht immer so.
Als in den 80er Jahren meine Tante Marlies aus Kleinmachnow Sprecherin bei der „Aktuellen Kamera“ wurde, war die Aufregung in der Familie groß. Alles was Marlies sagte war fortan Gesetz. Marlies, die neben einer überdimensionalen viereckigen Brille immer auch eine symmetrische Frisur wie Mireille Mathieu trug, musste nach Familienfesten nie wieder Teller abräumen und durfte zu meinem großen Ärger als Einzige am Essenstisch rauchen – danach wollte ich natürlich auch zum Fernsehen. Und auch wenn sich das Bedürfnis inzwischen gelegt hat, ist das Fernsehen etwas besonderes für mich geblieben und dient mir bis heute als nützlicher Informationsträger- selbst in beruflichen Angelegenheiten.
Die Sendung „Club-Flight“ aus dem Berliner Regionalprogramm verpasse ich nie, betrifft sie mich doch persönlich als Nachtlebenreporterin. Oft sieht man dem Moderator im Zentrum einer Großraumdiskothek stehen, die „A 519“ heißt, „French Kiss“ oder „Blauhaus“. Er schreit dann mit rotem Kopf in sein Mikrofon, wieviel Fun man hier hat. Das kann man ihm nur bedingt glauben, wenn wie in diesem Moment, fünf aggressiv wirkende Fitnessstudioglatzen hinter seinem Rücken ihre Mittelfinger in die Kamera strecken.
Der DJ im Hintergrund trägt eine dunkle Sonnenbrille und heißt Kevin Buretto. Gerade legt er einen Dance-Track auf- Eric Prydz gefolgt von – Haddaway’s „What is Love“- immer noch ein Riesenhit im Berliner Speckgürtel, die Tanzfläche füllt sich zusehens.
Eine Musikfreundin drängt zu Buretto, der eigentlich Wittkowski heißt, ans Pult. Wer solche Sendungen kennt, weis, dass sobald eine Kamera auf den DJ schwenkt , dieser immer eine partytypische Geste bringt, beispielsweise den Inhalt einer Flasche Moet über das Dekollete einer guten Bekannten schüttet. Und wenn die Flasche Moet nicht zur Hand ist, muss der DJ eben improvisieren , streckt – wie im Fall von Wittkowski – die Zunge raus, bis man das Rachen-Zäpfchen sehen kann. Dazu schlingt er seinen Arm um die Taille neben ihm, die schlank aus der Jeans mit Arschkronenapplikation ragt. Sie winkt in die Kamera, er streckt die Zunge raus – und der Moderator besäuft sich an der Bar. In solchen Momenten sitze ich voller Dankbarkeit vorm TV. Da wo Club-Flight recherchiert hat, brauche ich nicht mehr hin. Natürlich denke ich manchmal, die Redakteure könnten sich ein bisschen mehr Mühe geben, die Clubs bzw. Großraumdiskotheken in den Sendungen sind alle irgendwie gleich (schlecht)- und das ist dem Moderator gegenüber unfair, der für ein wenig kamerawirksamen ‚Fun’ sehr viel durchstehen muss. Dann wieder sagt der fragwürdige Dinge in sein Mikro und lächelt selbstgefällig, dass ich schlussendlich zur Meinung gekommen bin, dieser Mann hat seinen Job auch verdient- ganz im Gegensatz zu Marlies , aber das ist eine andere Geschichte.

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